Die rätselhafte Berufswahl des deutschen Außenministers Maas

Veröffentlicht am

Von Gastautor Josef Hueber

Wegen Auschwitz sei er in die Politik gegangen, bekannte unser Außenminister einst mutig. Diese darin zum Ausdruck kommende erhabene Ethik verdient unsere tiefe Verneigung. Seine Stellungnahme zum 90.Geburtstag von Anne Frank, des deutsch-jüdischen Mädchens, das kurz vor Kriegsende im Versteck der Familie in Amsterdam aufgespürt und danach ermordet wurde, lässt freilich den Verdacht aufkommen, dass er deren Schicksal zwar politisch, aber nicht menschlich verstanden hat. Zeigt sich darin ein zweckdienliches politisches Kalkül für eine Rechtfertigung und moralische Aufwertung misslungener Zuwanderungspolitik?

GRETA THUNBERG WICHTIGER ALS ANNE FRANK

Zur Einordnung. Anlässlich des 90. Geburtstags der von den Nationalsozialisten in Bergen-Belsen ermordeten Anne Frank versammelten sich in ihrer Geburtsstadt Frankfurt am 12. Juni mehrere hundert Menschen zu einer Gedenkfeier in der Paulskirche.

Die Eingabe der Stichwörter Anne Frank/ Merkel oder Anne Frank/Steinmeier gibt, auf Google zumindest, keine Ergebnisse hinsichtlich der Teilnahme unserer Staatsrepräsentanten. Die Stichwörter Greta Thunberg / Steinmeier hingegen gehen nicht leer aus. Da ist von Besuch und Lob die Rede.

Aber in Zeiten , wo nach außen hin das Twittern des US-Präsidenten als Zeichen von politischer Unkultur gilt, genügt es, wenn unser von Auschwitz tief betroffener Außenminister eine Botschaft an die Deutschen lediglich twittert. Durch das Auswärtige Amt lässt er zwitschern: „Ihr Tagebuch ist aktueller denn je – als Mahnmal gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung und als Zeichen der Menschlichkeit. Von ihr können wir lernen.“  (Warum eigentlich nur von ihrem „Tagebuch“?)

Klingt betroffen. Klingt demütig. Auschwitz als Lernort, das ist ein bekanntes pädagogisches Konzept zur Durchsetzung des Nie Wieder! an deutschen Schulen.

DIE GETWITTERTE BOTSCHAFT – HOLOCAUST FÜR ALLE

Was wir allerdings aus Maasens Botschaft lernen können, hat offensichtlich nicht viel mit Juden zu tun. Opfer nationalsozialistischen Rassenwahns waren, so suggeriert die Twitter-Lehre unausgesprochen, letztlich irgendwie No-Names: Diskriminierte, Ausgegrenzte und Verfolgte. (Seltsamerweise ist nicht die Rede von Ermordeten, geschweige denn von ermordeten Juden.) Verfolgung, Diskriminierung, Ausgrenzung – das alles kann man, trotz des dadurch verursachten Leidens – überleben. Im Gegensatz zu dem, was den Juden angetan wurde. Deren „Ausgrenzung“ enthielt nicht die Chance der Überlebens.)

JUDEN ALS JOKER IM KAMPF GEGEN “RECHTS“

Dieses hinter der Twitter-Botschaft stehende Modell ist bekannt. Es impliziert, dass die Judenvernichtung durch die Deutschen keine Singularität besitzt, sondern lediglich als e i n Beispiel von Ausgrenzung gelten soll. Zynisch gesagt: Rosa Parks, die Afroamerikanerin, die 1955 in Alabama festgenommen wurde, weil sie sich geweigert hatte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen, und Anne Frank haben das gleiche Schicksal erlitten: Diskriminierung. Die Dimension des NS-Verbrechens, die Kaltblütigkeit der beamtenmäßigen, logistisch perfekten Durchführung, das Ausmaß des jede Form von Menschlichkeit vergessenden Verbrechens – all das scheint in dieser regierungsamtlichen Formulierung nicht auf. Schon gar nicht das Wort J u d e.

Dies ist umso heuchlerischer, als gegenwärtig ein Wiederaufleben von Hass und lebensbedrohenden Aktivitäten gegen die Nachfahren derer, die einst wie Vieh geschlachtet wurden, nicht mehr zu ignorieren ist. Doch dies darf in dieser Offenheit nicht angesprochen werden. Es gilt, Juden als nur e i n e Minderheit innerhalb der sich radikal verändernden deutschen Gesellschaft zu kategorisieren.

FREUNDE TÄUSCHT MAN NICHT
(Übersetzungen vom Autor)

Nimmt es wunder, dass auf israelischer Seite heftige Kritik entbrannte? “Anne Franks Tagebuch ist KEINE Warnung vor pseudo-universalen Wischwaschi- Werten!” sagte Emmanuel Nahshon, der Sprecher des israelischen Außenministeriums. “Anne Franks Vermächtnis ist eine Warnung vor dem Hass und der Verfolgung von JUDEN”. Die Missachtung dieser Tatsache sei eine “unlautere Umschreibung der Geschichte”.

HAT MAAS, HAT DEUTSCHE POLITIK VON DEN VERBRECHEN GEGEN DIE JUDEN GELERNT?

Widersprüchliches passt genau in das Framing deutscher Israel-Politik.
Obwohl Wirtschaftsminister Altmaier auch Pathetisches anlässlich der Anne – Frank Feier getwittert hat, betreibt er energisch das Geschäft mit dem Iran. Auf eine Anfrage der Jerusalem Post, wie dies mit “der deutschen Politik zur Gewährleistung der Sicherheit Israels und zur Bekämpfung des Antisemitismus in Einklang” stehe, und” wie das mit der deutschen Politik zur Gewährleistung der Sicherheit Israels und zur Bekämpfung des Antisemitismus” zu vereinbaren sei, erfolgte keine Antwort.

DIE ACHILLESFERSE DER VORGETÄUSCHTEN FREUNDSCHAFT

Die Anfrage aus Israel trifft die Achilles-Ferse deutscher Antisemitismus-Politik. Israel und den Juden wird zwar immer gesagt, dass die Deutschen und Israel eine tiefe Freundschaft verbindet – schon aus Verantwortung gegenüber der Geschichte. Und die Bundeskanzlerin hat ja in ihrer großartigen Rede an der amerikanischen Universität, belohnt mit heftigem Applaus, betont, dass man immer die Wahrheit sagen müsse.

Zwar hält man sich in der politischen Praxis gegenüber Israel nicht an die plumpe “Wahrheit” von Juncker, nämlich dass man lügen müsse, wenn es schwierig wird. Man hat gegenüber Israel, wenn man im Schwitzkasten des geforderten Bekenntnisses nicht mehr weiter weiß, eine bewährtere Strategie entwickelt: Man schweigt.

Angenommen, Maas ist tatsächlich wegen Auschwitz in die Politik gegangen. Das Lernziel, politisch mit allen Mitteln und vollem Einsatz gegen das Wiederaufleben des Antisemitismus in Deutschland zu kämpfen, hat er – und Gleiches gilt für die Bundesregierung – offensichtlich nicht vor Augen.

Die Juden haben ein sicheres Gespür dafür. Ihre Geschichte hat sie immun gegen Rosstäuscher-Tricks gemacht.



Unabhängiger Journalismus ist zeitaufwendig

Dieser Blog ist ein Ein-Frau-Unternehmen. Wenn Sie meine Arbeit unterstützen wollen, haben Sie die Möglichkeit, mich mit einem Geldbetrag Ihrer Wahl zu unterstützen, so dass ich eine Recherchehilfe beschäftigen kann.
Bitte nutzen Sie dazu folgende Kontoverbindung:
Vera Lengsfeld
IBAN: DE55 3101 0833 3114 0722 20
Bic: SCFBDE33XXX

oder per PayPal:
Vera Lengsfeld unterstützen