Leonardos Geheimnis

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Unter den vielen Jubiläen, die sich im Mega-Gedenkjahr 2019 angehäuft haben, befindet sich auch der 500. Todestag des Leonardo da Vinci. Aus diesem Anlass sind mehrere Bücher über das Universalgenie erschienen. Das modischste ist sicherlich „Leonardo und die Frauen“ von Kia Vahland, das sogar für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Das tiefgründigste und erhellendste aber ist „Leonardos Geheimnis“ von KlausRüdiger Mai.

Mai hat etwas geschrieben, was es eigentlich nicht mehr gibt: Einen Bildungsroman. Der profunde Geschichtskenner macht für den Leser eine der interessantesten und produktivsten Epochen der Menschheitsgeschichte lebendig. Die italienische Renaissance. Damals schlug das Herz des globalen Fortschritts auf dem kleinen Raum zwischen Florenz, Padua, Mailand und, wenn man großzügig sein will, Rom. Die Zeit zwischen 1450 und 1550 kann man das Jahrhundert der Genies nennen. Ob Philosophie, Literatur, Malerei, Bildhauerei, Architektur oder Naturwissenschaften – überall waren die Florentiner und Mailänder führend. Selbst die Politiker waren wenigstens Kunstkenner und Förderer. Unter diesen Genies befanden sich überdurchschnittlich viele illegitime Söhne. Das zeugt von einer erstaunlichen Durchlässigkeit der damaligen Gesellschaft.

Einer dieser illegitimen Söhnen war Leonardo da Vinci, die Frucht einer Sommerjugendliebe seines vermögenden Vaters, Notar in Florenz, zu einem Bauernmädchen. Um die junge Mutter und ihren Sohn kümmerte sich der Großvater persönlich. Während der Stillzeit wohnte die Mutter in seinem Haus, später wurde sie verheiratet. Der Junge wurde standesgemäß getauft. Sechs Bürger standen Pate.

Der kleine Leonardo verbrachte eine glückliche frühe Kindheit in Vinci, wohin er auch später immer wieder zurückkehrte. Schon früh fiel er durch Zeichnungen und eine unstillbare Neugier für die Natur auf. Leider endete diese Zeit mit dem Tod des Großvaters. Leonardo musste nach Florenz umziehen, in das Haus seines Vaters.

Florenz war damals eine ganz besondere Stadt. Sie vibrierte förmlich vor Kreativität. Die vielen Künstlerwerkstätten gaben dabei den Ton an, aber gedeihen konnten sie nur in dieser besonderen Atmosphäre, wo auf der Straße in spontanen Diskussionsgruppen über Philosophie oder Literatur debattiert wurde, Maler, Bildhauer, Dichter und Philosophen sich gegenseitig zu übertreffen suchten.

In dieser Welt war Leonardo bald eine herausragende Figur. Gemäß des Goethewortes: „Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz“, hat Leonardo alles bekommen, was sich ein Mensch wünschen kann: Talent, Inspiration, Können, Kunstfertigkeit und dazu Schönheit. Der Teenager war mit fehlerlosen Wuchs, ebenmäßigen Zügen, Anmut und angenehmen Wesen ausgestattet. Wenn er sich mit seinen Gefährten in der Stadt zeigte, zog er alle Blicke auf sich. Im Gegensatz zu den meisten Zeitgenossen achtete Leonardo sehr auf Sauberkeit von Kleidung und Körper. In der Jugend bevorzugte er rosa als Gewandfarbe, aus heutiger Sicht passend zu seiner Homosexualität, die er offen auslebte.

Schon mit 14 Jahren gab der Vater diesen Götterjungen in die Werkstatt des berühmten Andrea del Verrocchio. Dessen Bottega hatte wenig mit einem heutigen Atelier gemein. Es war eine Mischung aus Werkstatt, Architekturbüro, Akademie und Verkaufsladen. Überall lagen Bücher herum, die Gedichte Petrarcas, die Werke Ovids, dessen „Metarmophosen“ zur Pflichtlektüre eines jeden Renaissance-Künstlers gehörten, aber auch naturwissenschaftliche Schriften. In dieser Atmosphäre permanenten Lernens entwickelte Leonardo alle seine Fähigkeiten.

Er wurde schnell zum Perfektionisten, der höchste Ansprüche an sich stellte. Das hat ihn mehrmals im Leben in Schwierigkeiten gebracht, weil er Werke, die seinen Ansprüchen nicht genügten, einfach nicht fertig stellte.

Schon in Florenz traf Leonardo fast alle wichtigen Zeitgenossen. Sie auch nur aufzuzählen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Mai erfasst und beschreibt sie alle, so dass man manchmal Gefahr läuft, den Überblick zu verlieren.

Florenz war bei aller Kultiviertheit eine von Gewalt geprägte Gesellschaft. Angesichts seiner Massierung von kultivierten, geistreichen Hochbegabten würde man sonst kaum verstehen, dass Florenz in die Hände des dominikanischen Eiferes Savonarola fallen konnte, dem viele Genies so hörig wurden, dass sie ihre Meisterwerke dem Feuer übergaben, weil der Bußprediger es verlangte.

Leonardo verließ die Stadt und ging nach Mailand. Hier diente er sich den Sforzas vor allem als Architekt von Verteidigungsanlagen und Konstrukteur von Kriegsmaschinen an. Er entwarf einen Fallschirm, der tatsächlich funktionierte, wie vor wenigen Jahren festgestellt wurde. Nur musste der Springer ihn in der Luft gegen einen modernen Fallschirm austauschen, weil die 100 kg, die Leonardos Erfindung wog, einen Menschen während des Aufpralls auf den Boden erschlagen hätte. Der Sichelwagen Leonardos ist eine furchterregende Kampfmaschine, die nur nicht gebaut wurde, weil sie von den damals üblichen Söldnerarmeen nicht gebraucht werden konnte. Zu Leonardos Geheimnissen gehört, wie ein Pazifist und Vegetarier solche Erfindungen machen konnte.

Ein offenes Geheimnis ist, dass Leonardo, der als Maler unsterbliche Meisterwerke schuf, sich selbst als solcher gering schätzte. Um genau zu wissen, wie der menschliche Körper aufgebaut ist, sezierte er hunderte, wenn nicht gar tausende Leichen. Besonders während der Pest in Mailand bot sich ihm jede Menge Anschauungsmaterial. Die Vorstellung, wie der sehr auf Sauberkeit erpichte Künstler, sich nächtens damit beschäftigte, sich durch Blut und Kot zu wühlen, um dem Geheimnis des Körpers auf die Spur zu kommen, hat etwas Absurdes.

Absurd auch, dass Leonardo, der Vegetarier, der Gewalt verabscheute und den Menschen für ein grausames Tier hielt, sich in die Dienste des Monsters Cesare Borgia begab. Schon den Zeitgenossen war der Sohn des Papstes Alexander VI als der grausamste aller grausamen Parvenus bekannt. Er ließ seinen Bruder Giovanni, der seinen Ambitionen im Wege stand, beseitigen und stieg mit Hilfe seines Vaters zum mächtigsten italienischen Herrscher auf. Seine Macht zerfiel bald nach dem Tod des Papstes. Leonardo hatte sich schon vor Borgias Ende von ihm abgewandt.

Die künstlerische Frucht dieser unrühmlichen Zeit ist eines der ergreifendsten Antikriegsbilder, die je entstanden sind, ein unentwirrbares Knäuel von Menschen und Pferden, die sich sinnlos bekämpfen. Zu sehen ist die „Angharischlacht“ auf einem Gemälde von Peter Paul Rubens, das er nach Skizzen von Leonardo ausgeführt hat.

Leonardo hatte keine Familie, heiratete nicht und zeugte keine Kinder. Seine Familie war seine Werkstatt. Mit der Bottega ging er auch auf Reisen. Zu seinen Schülern pflegte er ein inniges Verhältnis. Zwei davon, Francesco und Salai standen an seinem Sterbebett. Francesco Melzi ist die Sicherung seiner zahllosen Hinterlassenschaften zu verdanken.

Als Leonardo am 2. Mai 1519 starb, war er bereits ein Mythos. Die Unordnung seiner abertausend Skizzen, Zeichnungen, Notizen über Malerei, Architektur, Anatomie, Mineralogie, über den Flug der Vögel, das Wasser und die Wolken, die er zu einem Buch des Lebens zusammenfassen wollte, geben weitere Rätsel auf.

Das Buch blieb ungeschrieben, weil Leonardo an der Systematik scheiterte. Wir scheitern, wenn wir versuchen, ihm auf die Spur zu kommen. Denn Leonardo ist eine Person, aber gleichzeitig eine Metapher für die Kreativität des Menschen.

Er wird bleiben, solange es eine europäische Kultur gibt.

Klaus Rüdiger Mai : „Leonardos Geheimnis“



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