Aufruf zur Gemeinschaftsarbeit:
Das Vokabular der Merkel-Jahre

Veröffentlicht am

von Alexander Glück
glueckwien.wordpress.com

Zu den wichtigsten Merkmalen jener Jahre, die von der Geschichtsschreibung dereinst mit dem Namen Angela Merkels gekennzeichnet werden dürften, gehört der gravierende Wandel, dem in dieser Zeit unsere Sprache unterworfen ist. Die Ära Merkel hat ein ganz bestimmtes Vokabular hervorgebracht, und zwar nicht nur seitens der Regierungsparteien, sondern auch in oppositionellen Gruppen. Dieses Vokabular zu sammeln und zu dokumentieren, soll im Rahmen einer Gemeinschaftsarbeit bewerkstelligt werden. In diesem Beitrag soll das Vorhaben kurz skizziert werden.

Politische Steuerung durch Sprache ist keineswegs neu. Schon im Wilhelminischen Deutschland wurden Sprachcodes entwickelt: Frankreich beispielsweise wurde als „Erzfeind“ bezeichnet. Doch erst im Nationalsozialismus perfektionierte man die Möglichkeiten, mit geregelter Sprache die Menschen zu manipulieren, ihr Denken zu beeinflussen und ihre Entscheidungen zu steuern. In dieser Zeit wurden auch schon Begriffe gesammelt: Das bestens bekannte Werk „LTI“ (Lingua Tertii Imperii) des Romanisten Victor Klemperer gilt als der erste große Meilenstein unter diesen Dokumentationen und Analysen. In den vergangenen Jahren kamen weitere solcher Sammlungen hinzu.

Auch die DDR war geprägt von sprachlicher Steuerung. Sie brachte ein ganzes Potpourri neuer und manipulatorischer Begriffe hervor, von denen heute vor allem besonders lächerliche kolportiert werden, was jedoch den Blick vom Wesentlichen ablenkt, nämlich der gewaltigen Kraft sprachlicher Gedankenkontrolle. Politische Sprache ist nie frei von politischer Intention, und wenn es nun darum gehen wird, das politisch aufgeladene Vokabular der Gegenwart zu notieren, so soll das natürlich nicht die Merkel-Politik mit den Schrecklichkeiten des Nationalsozialismus und der DDR gleichsetzen, sehr wohl aber die ihr innewohnende Tendenz zur sprachlich-politischen Lenkung der Bevölkerung sichtbar machen.

Manipulation durch Sprache wurde als Thema durch George Orwell (1984) und Aldous Huxley (Schöne neue Welt) literarisch popularisiert, sie wird inzwischen ganz offen betrieben und angewendet, beispielsweise in der Werbung, im Genderwesen und natürlich im Journalismus. Durch die Benutzung von Begriffen kann man Wertungen transportieren und unerwünschte Meinungen ausgrenzen. Die Lufthoheit über der Sprache bedeutet nichts anderes als die Kontrolle der öffentlichen Meinung. Es ist kein Zufall, daß sich die ARD für ihren Framing-Leitfaden ausgerechnet Rat bei einer Kennerin der NS-Sprachmanipulation gesucht hat.

Die politische Sprache der Gegenwart ist einerseits durch Neuschöpfungen, Euphemismen und Verstärkungen geprägt, andererseits durch Anleihen bei früheren totalitären Systemen, wenn beispielsweise regierungsseitig der Begriff „Zusammenrottungen“ aus dem DDR-Strafrecht bemüht wird oder der SPD-Politiker Stegner seinen Parteikollegen Sarrazin im NS-Jargon als „charakterlich gescheitert“ bezeichnet. Vielen der heute typischen Vokabeln sieht man ihre politische Brisanz nicht auf den ersten Blick an („Europäische Lösung“), andere versuchen der Aufmerksamkeit durch ihre unverhohlene Lächerlichkeit zu entwischen („Bätschi“). Wieder andere verschleiern religionsimmanente Probleme („Islamismus“) oder entlarven die ihnen zugrundeliegende Gedankenwelt („widerliche Lebensschützer“). Manche wurden zum Etikett („Haß“, „Lügenpresse“), manche bescheiden sich als dezente Hinweise („Lückenpresse“, „Qualitätsmedien“).

Viele Menschen haben inzwischen gelernt oder sich darauf zurückbesonnen, mit diesen Codes umzugehen und zwischen den Zeilen zu lesen, interessanterweise eher in den neuen Bundesländern. Zweifellos hat sich dabei aber auch die Sprache als Ganzes verändert, und es ist fraglich, ob sich nach dieser Zeit der Status quo ante von selbst wieder einstellen wird. Sprache entwickelt sich immer nach vorne, weswegen sich diese Umgestaltungen kaum rückgängig machen, sondern allenfalls verarbeiten lassen werden. Das war auch früher so: Vielen Begriffen aus der technisierten Sprache der dreißiger und vierziger Jahre („etwas aufziehen“) sieht man heute ihren zeitlichen Hintergrund nicht mehr an, sie werden ohne politische Absicht verwendet. Ähnlich wird es auch mit manchen Begriffen laufen, die in unserer Zeit entstanden sind.

Angela Merkel verdankt ihre beachtlich lange Regierungszeit nicht zuletzt dem Umstand, daß sie sehr geschickt mit Sprache umgeht. Sie behauptete zwar, es sei ihr wichtig, auf ihre Sprache zu achten und präzise zu sein, aber sie wußte auch, „daß es zwischen Denken, Sprechen und Handeln einen ziemlich engen Zusammenhang gibt.“ Aus diesem Grund war die geschickte Verwendung der Sprache immer ein Teil ihrer politischen Taktik. „Framing“ nennt man diese Kunst der Bundeskanzlerin und ihrer Redenschreiber, durch die Wahl der Formulierung die politische Debatte so zu beeinflussen, daß es nicht auffällt. Diese subtile Form der Manipulation wird einmal zu den wichtigsten Arbeitsfeldern gehören, wenn man erforschen wird, wie sie funktioniert hat, die politische Steuerung in unserer Zeit. Mit ihrem sprachlichen Instrumentarium gelingt es Angela Merkel, den Rahmen einer Debatte abzustecken, sich selbst unverdächtig oder kompetent erscheinen zu lassen. Ein paar Kostproben: „Europäische Lösung“, „nationale Abschottung“, „etwas vom Ende her denken“, „auf Sicht fahren“, „ein freundliches Gesicht machen“, „Stabilitätsunion“, „Wettbewerbsfähigkeit“, „die schon länger hier Lebenden“ oder das dann bald entsorgte „ihre Hausaufgaben machen“.

Solche Formulierungen und Begriffe sollen gesammelt werden, und zwar ausdrücklich nicht nur solche von Angela Merkel, sondern auch von anderen Repräsentanten unserer Zeit. Dadurch kann aus gegenwärtig reichlich sprudelnden Quellen das Vokabular geschöpft werden, das für unsere Zeit typisch ist und das sie prägt. Dieses Vokabular soll nach thematischen Gruppen aufbereitet und in Buchform veröffentlicht werden. Der Zweck dieses Unterfangens ist nicht, gegen bestimmte politische Gruppen zu arbeiten oder ihren Sprachgebrauch agitatorisch auszuschlachten, sondern vielmehr: eine Momentaufnahme der politischen Sprache und Sprachverwendung in unseren zunehmend als bleiern empfundenen Jahren anzufertigen, die später als Arbeitsgrundlage für weitere Forschungen gefragt sein wird.

„Wer die Sprache bestimmt, beherrscht das Denken. Auch deshalb bekämpfen totalitäre Ideologen freie Medien stets, und auch deshalb versuchen Diktaturen, den Wortschatz ihrer Untertanen zu beeinflussen“, schrieb Sven Felix Kellerhoff 2010. „Gleichzeitig aber ist Sprache in hohem Maße verräterisch, weil sie schlaglichtartig Einblicke in antihumanes Denken gewährt.“ Zu den hervorragenden Sammlungen politisch motivierter Vokabeln gehören neben der bereits erwähnten „LTI“ Victor Klemperers auch das „Wörterbuch des Unmenschen“ von Dolf Sternberger, Wilhelm Süsskind und Gerhard Storz, das „Vokabular des Nationalsozialismus“ von Cornelia Schmitz-Berning, „Schlagwörter der Nachkriegszeit“ von Dieter Felbick, „Giftige Wörter der SED-Diktatur“ von Ulrich Weißgerber und das „Wörterbuch der Vergangenheitsbewältigung“ von Thorsten Eitz und Georg Stötzel. Sie sind als Beispiele jedem empfohlen, der sich an unserem Projekt beteiligen will. Ob unsere Sammlung eher den Charakter eines Wörterbuchs oder den einer begriffsanalytischen Aufsatzsammlung gewinnen wird, kann sich erst im Verlauf der Arbeit herausstellen.

Wenn Sie mitmachen möchten, senden Sie bitte Ihre Begriffsfunde per Email ein. Da vermutlich die besonders gängigen Begriffe sehr zahlreich eingesendet werden, richten Sie bitte Ihr Augenmerk gerade auch auf weniger bekannte, aber trotzdem zeittypische Wörter und Begriffe. Jeder Begriff ist unbedingt in einer einzelnen Email einzusenden, der Begriff sollte bereits am Anfang der Betreffzeile stehen, damit die Einsendungen – ähnlich wie Karteikarten – leicht alphabetisch sortiert werden können. Im Textfeld der Email sollten Sie den Begriff mitsamt seinem zeitlichen (vielleicht auch sprachgeschichtlichen) Hintergrund und seiner Verwendungsweise erklären. Es ist unerläßlich, zu jedem eingesandten Begriff mindestens zwei nachprüfbare Belege mitzuliefern, entweder als Internetadressen oder als möglichst genaue Quellenangaben (Zeitung oder Zeitschrift mit genauer Angabe der Ausgabe sowie Seitenzahl; Buchveröffentlichung mit Autor, Titel, Ort, Jahr und Seitenzahl). Die Sammlung der Begriffe ist vorläufig bis Mitte Dezember 2019 befristet. Das Buch wird voraussichtlich im Frühling 2020 erscheinen und wird an jeden Beiträger zu einem stark vergünstigten Sonderpreis abgegeben (hierzu muß das Buch mit derselben Absenderadresse bestellt werden, mit der auch die Einsendung erfolgt ist).

Die Emailadresse für Einsendungen lautet a.glueck@drei.at.
Die Projektleitung hat der Politikwissenschaftler Alexander Glück M. A. übernommen, das Buch wird in klassischer Rechtschreibung im österreichischen Verlag für Bibliotheken erscheinen und regulär im Buchhandel zu bestellen sein.



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