Kulturfluchten Fluchtkulturen (Teil II)

Veröffentlicht am

von Gastautor Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

 

Integration?

Man wird sagen, es sei gerade Aufgabe von Integration, individuelle und kollektive Spannungen durch Lernen solidarisch zu überwinden, sodass wir in gemeinsamen, tastenden Lernprozessen auch unsere alten Demokratien und Rechtsstaatlichkeiten erneuern und vertiefen; denn natürlich ist auch in den Kernländern westlicher Aufklärung nicht alles Gold, was glänzt. Ja, so müsste man sich das vorstellen. Dagegen spricht aber das Tempo der Immigrationen, die gewaltigen kulturellen Distanzen und die hohen Zahlen der Ankömmlinge. Enorm die brachiale Energie, mit der Gesetze und Grenzen überrannt werden.

 

Flucht? Zuwanderung? Einwanderung?

Invasion? Stampede?

Wenn es um Integration geht, sind schiere Zahlen und kulturelle Distanzen von entscheidender Bedeutung. Es gibt psychische und soziale Strukturen, die man nicht einfach hinweg-nächstenlieben kann! Ein Mensch, für den sein Heiliges Buch über allem steht, kann sich nicht weltlichem Recht unterwerfen, ohne zuvor oder währenddessen tiefgreifende Persönlichkeitsveränderungen zu durchlaufen. Wer mit diesen Faktoren fahrlässig umgeht, kann großes Unglück heraufbeschwören. Zu glauben, all die in afrikanischen, arabischen, asiatischen, latein-amerikanischen Kulturen versäumten Reformen, Reformationen und geistigen Revolutionen unter den Immigranten Europas nachholen zu können, käme einem selbstmörderischen Größenwahn gleich. Selbst alteingesessene Fremde in Europa desintegrieren sich zur Zeit zielstrebig noch oder wieder in der dritten und vierten Generation.

 

Inbrunst und Besessenheit

Viele Mitteleuropäer sind inzwischen so säkularisiert, dass sie sich in religiöse Inbrunst, Besessenheiten und Heilsgewissheiten nicht mehr hinein versetzen können. Mit der tupfenden Betulichkeit von Sozialpädagogen und Re-Sozialisierungsexperten nähern wir uns ratlos einer Deformation, die mit unseren an Klassenlagen und Bildungskarrieren geschulten Diagnosen und Konzepten nicht verstanden werden können: dem religiösen Wahn.

Sexualität ist bei uns so enttabuiert, dass wir uns die bizarre Erhöhung und gleichzeitige Erniedrigung des Weiblichen in Verhüllungskulturen kaum mehr vorzustellen vermögen. Einzig die katholische Kirche lässt uns noch ahnen, was dereinst unter der (nicht nur spirituellen!) Unreinheit der Frau verstanden und empfunden wurde.

 

Gott mehr gehorchen

Ich bin in einem strengen Pietismus aufgewachsen und habe als Kind einige Zeit auch in einer Pfingstgemeinde verbracht (in Zungen reden, Zeugnis ablegen, Teufel austreiben …). Für die Menschen meines Milieus war undenkbar, weltliches Recht über die Bibel zu stellen. Für viele strenggläubige Christen gilt: „Petrus und die Apostel antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29) Ebenso gilt Johannes 14,6: „Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

Das hat Konsequenzen für demokratische Legitimation und Loyalität. Der religiöse Hochmut, des in den siebziger Jahren scherzhaft so genannten “Pietcong”, wurde und wird aber gebändigt durch einen beachtlichen Bildungswillen vieler Frommen und durch ihre Friedfertigkeit. Dieser strenge Glaube trägt den Keim zur Emanzipation in sich. Man kann sich das etwa wie beim Judentum vorstellen. Insofern gibt es wenig Parallelen zu den meisten Islamen.

Nach meiner Erfahrung erleben gläubige Muslime die Unbedingtheit des Koran noch viel stärker als fromme Christen ihre Bibel – nicht nur Salafisten und Killer fürs Kalifat. Kritischer Bildungswille steht bei Muslimen nicht immer ganz oben auf den individuellen und kollektiven Motivationsskalen, tritt oft als Zumutung von außen an die Menschen heran. Vielen genügt der Koran als Antwort auf alle Fragen.

 

Überalterung – Überjüngerung?

Die meisten Menschen fliehen aus Ländern, denen das Bevölkerungswachstum über den Kopf wächst. Industriegesellschaften haben nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Bevölkerungswachstum reduziert oder eingestellt. Dies gehört zu den wenigen objektiven Hoffnungszeichen im Hinblick auf Dämpfung kultureller, politischer und ökologischer Krisen. Die damit einhergehenden Probleme sind winzig, verglichen mit denen, die aus hohem Bevölkerungswachstum resultieren.

Den Menschen hierzulande hat man ihr vernünftiges Verhalten als demografische “Falle”, als egoistisches Versagen vorgehalten. Es fehlt uns offenbar an Phantasie, Mut und Verstand, uns vorzustellen, wie “vergreist” die Welt sein wird, wenn das heutige globale Baby-Booming ins Alter wächst. Oder wollen wir die Weltbevölkerung ewig “verjüngen”, indem wir unverdrossen die Reproduktionsbasis verbreitern?

Tatsächlich spielt sich die demografische Katastrophe im Süden ab in Form eines nach wie vor viel zu hohen Bevölkerungswachstums. Krieg und Gewalt im Süden sind vor allem Ausfluss von Überbevölkerung – bezogen auf geringe Produktivität, schwindende Ressourcen und harte kulturelle Entwicklungsblockaden. Die Unerschöpflichkeit der “Masse Mensch” entwertet und entpersönlicht objektiv das Individuum. Sie ist unter anderem Ressource derer, die Politik mit Selbstmordattentätern betreiben (seit Jahrhunderten).

 

Aus dem Aberglauben in die Länder der Aufklärung

Menschen fliehen aus Kulturen, die die europäisch-amerikanische Aufklärung nicht mit- oder nachvollzogen haben. Es zieht sie gewaltig zu den Früchten dieser Aufklärung, ohne in vielen Fällen die Zusammenhänge von Aufklärung, westlicher Lebensweise und Produktivität zu ahnen. Epidemien wie Aids, Ebola und viele andere, entfalten in vielen afrikanischen Ländern auch deshalb besonders heftige Dynamiken, weil nicht nur die breite Masse der Bevölkerung, sondern selbst Eliten einen naturwissenschaftlich-medizinischen Umgang mit diesen Gefahren zugunsten obskurer “Erklärungen” verweigern oder zumindest schwächen.

Dass auch vielen alteingesessenen Europäern die aufklärerischen Wurzeln westlicher Zivilisationen nicht mehr konkret bewusst sind, vergrößert die Gefahr. Wie den Neuankömmlingen fehlt ihnen vor allem auch die Kritik an den modernen Infantil- und Wegwerfgesellschaften. Die Glitzerwelt des schlechten Geschmacks und trivialen Konsums zieht viele stärker an, als jede freiheitliche Verfassung. Für uns gibt es insofern keinen Grund zu Hochmut.

 

Menschen fliehen vor Arbeitslosigkeit

In vielen Ländern des Südens herrscht erdrückende Arbeitslosigkeit. Dabei steht dort das Ungetane, das dringend zu Tuende, bergehoch: Vollbeschäftigung mit fünfzig-Stunden-Woche wäre geboten. Die Arbeitslosigkeit ist keineswegs dem Mangel an Arbeit geschuldet, sondern politischem und kulturellem Unvermögen und Unwillen der globalen Gemeinschaften, aber auch der jeweiligen nationalen, regionalen und lokalen Strukturen, Eliten und Kulturen, das dringend zu Tuende in menschenwürdige (!) Arbeitsplätze umzusetzen und mit Kapital auszustatten.



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