Front-Besuch in Bosnien (I)

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von Gastautor Rainer Wolski

Mitte November besuchte ich Sarajevo, um alte Bekannte zu treffen, die Lage zu inspizieren und höchstpersönlich meine Lebensbescheinigung in der staatlichen bosnischen Rentenversicherung PIO abzugeben. Da ich einige Jahre in Bosnien arbeitete, habe ich auch Anspruch auf eine kleine Rente. Allerdings fand meine Lebensbescheinigung, die ich 2018 erstmals abzugeben hatte, auf dem Postweg nicht den richtigen Empfänger im Haus, obwohl ich die Post-Empfangsbescheinigung von PIO hatte. Die nicht vorhandene Lebensbescheinigung ließ die Beamten mein Ableben vermuten und so stellten sie die Rentenzahlung ein. Erst ein 2. Versuch mit Information an die DRV und Bitte um Hilfe brachte dann im September 2018 eine Nachzahlung. Deshalb wollte ich für die Zahlungen für 2019 die persönliche Übergabe testen.

Die Mindestrente in Bosnien und Herzegowina (BiH) beträgt aktuell 348 KM (Konvertible Mark).

Diese Währung wurde 1992 in Anlehnung an die DM und im Austauschverhältnis von 1:1 geschaffen. Bei einem Umrechnungssatz zum Euro von 1,95583 sind das 177,98 €.

Der Mindestlohn beträgt aktuell 387 KM netto, bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 Stunden.

Mindestlohn und Mindestrente sind in der Höhe der Zahlung annähernd gleich. Sozialhilfe ist unbekannt.

Man erhält die volle Mindest-Altersrente mit 65 Jahren und bei einem Netto-Arbeitseinkommen von bis zu 904 KM monatlich. Wer mehr Einkommen hat, erhält auch mehr Rente. Die maximale Rente beträgt aktuell 2.174,48 KM (1.111,97 €) monatlich und wird aktuell an 381 Personen gezahlt.

44 % der Bosnier, das sind 166.828 Personen, erhielten im Oktober 2018 nur diese Mindestrente.

Weitere 18 % erhalten Renten, die darunter liegen. Das sind Personen, die nicht in Bosnien leben oder – wie ich – nur kurze Zeit in Bosnien arbeiteten.
Das hängt auch damit zusammen, dass Rentenansprüche aus Zeiten der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien erheblich gekürzt wurden.
Diese kleine Einleitung erklärt, warum BiH eines der ärmsten Länder Europas ist. Etwa 3,5 Millionen Staatsangehörige wohnen in Bosnien, weitere geschätzte 1,5 Millionen sind in Folge des Krieges weltweit ansässig, allein in Deutschland etwa 240.000. Einige haben mittlerweile den deutschen Pass.

Andererseits haben viele Bosnier entweder als Gastarbeiter oder als Kriegsflüchtling in den Neunziger Jahren in Deutschland gearbeitet und erhalten damit auch eine deutsche Rente, die in einigen Fällen das Mehrfache einer normalen bosnischen Rente sein kann. So wurde in vielen Familien der aus Deutschland heimgekehrte Opa Ernährer der Sippe.

Dieser Exkurs soll zum aktuellen Thema in Bosnien und Herzegowina (BiH) hinüberleiten – der Migranten-Frage.

Führte 2015 die Migrantenroute auf dem Balkan von Griechenland über Mazedonien – Serbien – Ungarn – Österreich so änderte sie sich seit 2017 westwärts über Mazedonien – Serbien – BiH bzw. Albanien – Montenegro – BiH.

Bis zum Schließen der Migrantenroute durch Ungarn und Österreich Anfang 2016 waren die Migranten nur kurzzeitig in den Transitländern. Keiner hatte das Ziel, dort zu bleiben, alle wollten nach Germoney, Österreich oder Nordeuropa.

Danach wurde es schwieriger, da Ungarn, Slowenien und Österreich ihre Grenzen schlossen und den Grenzschutz intensivierten. Das hatte sich auch bei den Schleppern und Migranten herumgesprochen. Kein Migrant wollte in ein ungarisches Flüchtlingslager.

Mit der Verlagerung der Route auf den West-Balkan kamen nun BiH und Kroatien als Transitländer ins Spiel. Kroatien ist EU-Land, aber nicht Schengen-Land. Die Schengen-Grenze ist in Slowenien und Ungarn, beides Grenzländer zu Kroatien. Ein Sonderfall waren seit 2017 bis zum 1. November 2018 die Iraner. Serbien hatte mit dem Iran 2017 Visafreiheit vereinbart, um Investoren einzuladen. Es kamen kaum Investoren, dafür aber zunehmend mehr Migranten. Sie reisten über den Flughafen Belgrad ein und fuhren dann, von Schleppern geführt, über die grüne Grenze nach Bosnien.

Das katholische Kroatien ist nun als EU-Land mit EU-Außengrenze in der Zwickmühle. Lässt es die Migranten über Bosnien einreisen, dann muss Kroatien sie ernähren und Unterkunft bieten, unter Umständen für viele Jahre.

Denn der Weg nach Deutschland ist weitestgehend verschlossen und Österreich, Ungarn und vermutlich auch Kroatien werden den Migrationspakt nicht unterzeichnen. Da ist es unwahrscheinlich, dass die Migranten in Richtung Norden weiterreisen. Da auch diese Migranten oftmals ohne Reisedokumente sind, können sie auch nicht in ihre Heimatländer abgeschoben werden. Im katholischen Kroatien ist es aber undenkbar, religiöse arabische oder iranische Muslime anzusiedeln.
Damit sitzen nun die Migranten aus den islamischen Ländern im muslimischen Teil Bosniens in der Falle. Alles, was ihnen Bosnien bieten kann, sind Moscheen, aber kaum Unterkünfte. Andererseits wollen sich die Migranten auch nicht in Bosnien registrieren lassen (und damit ein Anrecht auf Unterkunft und Versorgung erhalten) da sie fürchten, bei einer erfolglosen Reise in die EU dann nach Bosnien abgeschoben zu werden.

Da viele Bosnier durch den Bürgerkrieg vor 25 Jahren persönliche oder familiäre Fluchterfahrungen haben, waren sie zu Beginn der Migranten-Einreise offen für diese Menschen. Im Sommer 2018 kampierten viele Migranten in bosnischen Städten, bettelten, vergewaltigten, begingen Diebstähle und verunreinigten die Orte, was die Geduld der Bosnier auf eine harte Probe stellte. Heute sind sie zunehmend kritischer gegenüber Migranten. Viele Bosnier fragen sich, ob die Migranten kriegs- und kampferfahren sind und damit nicht eine Gefahr darstellen. Victor Orbans Bezeichnung „Invasoren“ wird auch in Bosnien verwendet.

Hier, auf dem Westbalkan sind die Kriegserfahrungen (1992-1995) noch verinnerlicht und Vorsicht und Selbstschutz sind ausgeprägt. Krieg – das waren ja nicht nur Schusswechsel und Granatsplitter sondern auch Vergewaltigung, Massengräber, Auslöschen von Dörfern, Armut, Hunger, Folter, Verzweiflung, Vertreibung, Deportation, Lager.

Diese Erfahrungen waren im saturierten Deutschland im Jahr 2015 – 70 Jahre nach dem Krieg – vergessen. Teddybärchen-Werfen war angesagt, von jungen Frauen, die heute von den „Willkommenen“ vergewaltigt werden.

Jetzt, bevor der harte Balkan-Winter kommt, versuchen die Migranten, sich über Nordbosnien nach Kroatien und in das, von der bosnischen Grenze nur etwa 80 km entfernte Slowenien durchzuschlagen.

Ende Oktober gab es im bosnischen Grenzübergang Velika Kladusa einen gewaltsamen Grenzdurchbruch und die kroatische Polizei sammelte dann über 200 Migranten gewaltsam ein und schickte sie nach BiH zurück. Der Grenzübergang war danach auf kroatischer Seite eine Woche geschlossen.

Die kroatische Polizei nimmt ihre Aufgabe, die EU-Außengrenze zu schützen, sehr ernst und setzt bei Grenzdurchbrüchen Gewalt ein. Die eilends herbeigerufenen Medien, allen voran die ARD, brachten dann auch entsprechende Beiträge, wo die Schlagstockspuren auf Rücken und Armen gezeigt wurden und zum Abschluss der Bericht kleine Kinder mit Kulleraugen präsentierte, die nun nicht weiterreisen konnten. Allerdings wurde nicht die Frage gestellt, warum Eltern ihren Kindern diese Reise zumuten.

Da ich mir einen Überblick über die aktuelle Situation in Bihac und Velika Kladusa verschaffen wollte, entschloss ich mich, die strapaziöse Reise auf mich zunehmen. Zur Wahl standen 7 Stunden Busfahrt oder 8 Stunden und 20 min Fahrt mit dem Thalgo von Sarajevo in das 380 km entfernte Bihac.
Seit dem Krieg ist das Schienennetz in einem katastrophalen Zustand und statt in einen Thalgo hätte man in den Unterbau investieren sollen. Aber den Thalgo sieht man, die Investitionen in den Unterbau nicht.
Da nicht genug Thalgo-Züge zur Verfügung stehen, fährt der Zug um 16.00 in Sarajevo los, erreicht Bihac um 0:20 und fährt dann um 2:00 wieder zurück und ist dann in Sarajevo um 10:30. Das ergibt eine Reisegeschwindigkeit von 46 km/h. Zum Vergleich: Die Strecke Berlin-München mit 623 km fährt der ICE-Sprinter in etwa 3,5 Stunden, das sind 178 km/h.

Es gibt nur diesen einen Zug von Sarajevo nach Bihac – oder mehrmals täglich den Bus.

Als ich auf dem Bahnhof meine Fahrkarte kaufte, bemerkte ich diesen Hinweis am Schalter:


We inform you that in order to identify passengers by police authorities, passengers are checked in trains on the route Sarajevo-Bihac.
In this sense, the Railway of the Federation of Bosnia and Hercegovina are not able to guarantee the realization of the complete transport obligations.
Sarajevo, 09.11.2018


Anfang des Monats hatten an einem Tag etwa 150 Migranten den Zug benutzt, um nach Bihac und dann weiter mit dem Bus nach Velika Kladusa zu kommen. Die Polizei sammelte sie nach Ankunft in Bihac ein und setzte sie in Busse, um sie wieder nach Sarajevo zurück zu bringen. Auch Busse in Richtung Norden wurden ab 9. November kontrolliert.

Der Thalgo fährt mit 8 Waggons, Bar und Schlafwagen inklusive. Die Fahrt in der 2. Klasse kostet hin- und zurück 58 KM. Bosnische Rentner erhalten 30 % Rabatt. Er hält an etwa 10 Stationen und erreichte pünktlich Bihac. Es stiegen insgesamt 5 Personen aus. Da der Thalgo der einzige Zug ist, der in Bihac verkehrt, haben auch die Taxifahrer den Bahnhof nicht als Ziel.

So lief ich im Schneetreiben in die Stadt, fand nach etwa 800 m einen freundlichen Menschen, der ein Taxi rief und so konnte ich in einem modernen Hotel mit allem Komfort einchecken. Kosten für die Übernachtung und ein opulentes Frühstück: 98 KM.

Rainer Wolski, Bihac, 20.11.2018

 

 



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