Der miesere Rassismus

Veröffentlicht am

Von Gastautor Alexander Glück

Die mir durch familiäre Bande besonders nahestehende Linda L. erzählte mir, sie habe mit dem Auto einen Mann mitgenommen, der am Straßenstand stand. Als er im Wagen saß und die Fahrt weiterging, meinte er nach einer Weile, sie habe ihn doch nur deshalb mitgenommen, weil er schwarz sei, oder? Sie dachte nach, und innerlich musste sie es einräumen: Ja, das war der Grund.

Wir lesen und hören zur Zeit sehr viel vom Rassismus. Wer sich Sorgen darüber macht, ob das klappen kann mit der Einwanderung im großen Stil, deren problematische Begleiterscheinungen in jedem bundesdeutschen Landkreis sichtbar sind, der gilt als Rassist. Wer für Grenzkontrollen eintritt, in jedem Land der Welt (bis auf eines) eine banale Selbstverständlichkeit und Grundvoraussetzung für Rechtsstaat, Sozialstaat und Asylrecht, der gilt als Rassist. Wer sich für das Wahlprogramm der AfD interessiert, derzeit die Partei mit der mit Abstand größten Affinität zum Grundgesetz und zum Rechtsstaat und inhaltlich nahezu deckungsgleich mit der CDU von 2002, der gilt als Rassist.

Die meisten Menschen, denen man Rassismus unterstellt, haben damit überhaupt nichts zu tun, sondern sie machen sich große Sorgen. Dazu gehört ein sehr großer Teil der assimilierten und integrierten Ausländer in Deutschland, dazu gehören auch zahlreiche jüdische Menschen. Ganz offensichtlich ist den Menschen, die anderen so leichtfertig Rassismus unterstellen, jeder Bewertungsmaßstab verlorengegangen.

Rassistisches Denken setzt ein Menschenbild voraus, bei dem man zwischen Rassen unterscheidet UND die eigene (vermutete) Rasse als höherwertig ansieht, die anderen also als minderwertig. Dieses Denken erreichte im Dritten Reich seinen traurigen und üblen Höhepunkt. Die Anthropologie ist – auch und gerade in Deutschland – längst über diese Ansichten hinweggegangen, die moderne Genforschung hat bewiesen, wie eng die Menschen miteinander verwandt sind, wie ähnlich sie sich sind, vor allem: dass sie natürlich gleichwertig sind.

Das bedeutet nicht, dass alle GLEICH sind. Es gibt schon Unterschiede zwischen den Menschen aus Mainz und Wiesbaden. Diese Unterschiede sind wahrscheinlich alle auf soziale und kulturelle Prägungen zurückzuführen. Menschen aus unwirtlichen Gegenden neigen eher zu Planung und Vorsorge als Menschen aus Ländern, in denen das ganze Jahr reifes Obst herumhängt. Diesen Unterschied kann man schon zwischen Deutschland und Italien deutlich erkennen. Deutlicher wird er zwischen Skandinavien und der Karibik.

Es sind nun solche und andere Unterschiede, die den jeweiligen Fremden zu etwas Interessantem, zu etwas Bereicherndem machen, von dem man sich etwas abschauen und von dem man mancherlei lernen kann. Die Menschen sind verschieden, diese Verschiedenheit kann man auskosten und man kann davon profitieren.

Wie oben erwähnt, geht Rassismus von der Überbewertung des Eigenen und der Geringschätzung des Fremden aus. Der Rassist in diesem Sinne ist ein übler Bursche, aber er ist in seiner Ansicht zumindest unverstellt.

Als wesentlich gefährlicher erachte ich eine Spielart des Rassismus, bei der so getan wird, als sei man eben kein Rassist, obwohl rassistische Grundmuster das Denken und Handeln bestimmen. Dafür gibt es viele Beispiele:

Wenn man jedem, der z. B. korrekt, aber eben auch resolut gegen einen schwarzen Kriminellen vorgeht, Rassismus unterstellt, dann liegt in dieser generell den Schwarzen bevorzugenden Haltung ebenfalls Rassismus, und zwar nicht den Weißen gegenüber, sondern dem Schwarzen (!) gegenüber! Denn diese Haltung drückt Geringschätzung gegenüber diesem Menschen aus: Man hält ihn stereotyp für das Opfer, man traut ihm nicht zu, Täter zu sein, und man spricht ihm die Verantwortlichkeit für sein eigenes kriminelles Handeln ab. Man entmündigt diesen schwarzen Menschen.

Wenn man sich für bestimmte Gruppen, beispielsweise Syrer oder Afrikaner, derart paternalistisch ins Zeug legt, dass man ihnen alle Behördenwege abnimmt, ihnen am besten noch das Essen ins Zimmer trägt und fast noch die Schuhe zubindet, was ist das anderes als die totale Entmündigung und Entmenschlichung dieser Menschen, die nach 2.000 km Reiseweg doch wohl selbst in der Lage sein sollten, die örtlichen Amtsstuben aufzusuchen?

Und ja, wenn man Schimpfwörter für Schwarze aus der eigenen Sprache eliminiert, weil man sich und anderen untersagen möchte, diese Menschen jemals beschimpfen zu können, was soll das anderes sein, als diese Menschen aus der normalen, gängigen, auch im Streit sich bewährenden sozialen Interaktion herauszunehmen und sie unter schützendes Vitrinenglas zu legen, so wie man einst echte Afrikaner in die anthropologischen Sammlungen geholt und dort teilweise ausgestopft ausgestellt hat?

Das sind nur wenige Beispiele für „gut gemeinte“ Handlungsweisen, die eine tief verinnerlichte rassistische Grundhaltung offenbaren. Häufig handeln Menschen in dieser Weise, die sich selbst unter Druck setzen, das Unfassbare in unserer Geschichte abzusühnen. Sie suchen sich dafür Objekte, die sie mit ihrer zur Schau getragenen Freundschaftlichkeit und Hilfsbereitschaft beglücken können, um sich „im inneren Wert der guten Tat“ selber erhöhen zu können. Und zwar eben auch über ihre Schützlinge, deren organisatorische oder anderweitige Unzulänglichkeit dann im Licht der Selbstbespiegelung ausgekostet werden kann.

Wäre es nicht besser, man würde allen Völkern dieser Welt zugestehen, auch schlechte Taten tun zu können, statt sie in einer Opfer-, Armuts- und Unschuldshaltung zu konservieren, die oft überhaupt nicht den Tatsachen entspricht? Wieso leistet man sich den Rassismus, gegen einwandfreie Statistiken Schwarze und andere von Übeltaten generell freizusprechen, obwohl man es besser wissen kann? Wieso transportieren die Spendenvereine noch immer und höchst eigennützig Klischees ewig traurig dreinblickender schwarzer Kinder, obwohl sich längst herumgesprochen hat, dass sehr viele Menschen in Afrika sehr fröhliche Naturen sind, selbst in materiell sehr prekären Verhältnissen?

Wäre es nicht wertvoller, man würde den Fremden in allen Aspekten seiner Persönlichkeit ehrlich kennenlernen wollen, statt sich mit ihm anzufreunden, nur weil er schwarz und qua Hautfarbe Daueropfer globaler Ausbeutung und „strukturellen Rassismus’“, ergo schutzbedürftig, ergo minderwertig ist?

Wann endlich lassen diejenigen, die sich nicht ganz unverschuldet den Spottnamen „Gutmenschen“ zugezogen haben, zu, dass die Menschen, um die es geht, wirklich auf dieselbe Stufe steigen dürfen?

Ich glaube, sie wollen es gar nicht. Und das ist das Miese an dieser Spielart des Rassismus.

Alexander Glück betreibt den Blog Ein Quantum Glück