Die alltägliche Schizophrenie in Deutschland

Veröffentlicht am

Ein Dialog auf dem Einwohnermeldeamt zwischen Gastautor A. Sch. und einer Beamtin

Heute Vormittag war ich im Einwohnermeldeamt, um sowohl meinen neuen Reisepass als auch meinen neuen Personalausweis abzuholen.

Beim Beantragen beider neuen Dokumente musste ich die alten nicht vorlegen, heute aber doch.

Die beflissene Beamtin schaute sich meinen alten PA an und fragte entsetzt:

“Wissen sie eigentlich, wie lange der gültig war?”

“Ja klar. Bis März 2017.”

“Wissen sie denn, dass sie laut Personalausweisgesetz verpflichtet sind, noch VOR Ablauf des alten PA einen neuen zu beantragen?”

“Nö. Ist mir aber auch egal.”

“Das sollte ihnen aber nicht egal sein. Das gibt ein Bußgeld.”

Ich war etwas perplex.

“Wollen sie damit sagen, dass sie mich jetzt mit einem Bußgeld belegen?”

“Ja.”

“Hören Sie mal zu, gnädige Frau: Ich bin seit vielen Jahren ordnungsgemäß mit meiner zutreffenden Adresse in ihrem Einwohnermelderegister notiert. Mein gerichtliches Vorstrafenregister ist lupenrein, außer bei ARD, ZDF, Spiegel, Frankfurter Rundschau und ZEIT wegen unbotmäßiger, aber höflicher und wohl begründeter politischer Kritik am Asylchaos…”

Da ich etwas lauter geworden war, merkten die Damen und Herren vor und hinter den beiden Schaltern rechts und links von mir auf, die Gespräche verstummten, man starrte mich an; ich fuhr fort:

“…In dieses Land darf seit mindestens sieben Jahren jeder … einreisen, der seine Identität vernichtet hat und bloß ‘Asyl!’ ruft…. Und SIE drohen mir jetzt mit einem Bußgeld, nur weil Daten von meinem alten PA aus 2007 unverändert auf den neuen von 2018 übertragen werden?”

Etwas verunsichert: “Herr Sch., ich habe meine Vorschriften.”

“Ja klar. Ich mache Ihnen auch keine persönlichen Vorwürfe. Aber es ist doch grotesk, was in diesem Land passiert. Es herrscht seit Jahren regierungsinduziertes Unrecht und eine grob unterschiedliche Behandlung zwischen angeblichen Asylanten … und schuftenden Steuerzahlern.”

“Herr Sch., ich werde darüber mit meinem Abteilungsleiter sprechen.”

“Ich bitte darum. Aber eines verspreche ich ihnen: Sollten sie ein Bußgeld verhängen, werde ich ein Riesen-Fass aufmachen – politisch und auch in geeigneten Medien….”

So weit das Vorgeplänkel.

Wir kamen zur Übergabe des neuen Reisepasses. Dafür musste ich den alten vorlegen. Die Beamtin:

“Dann können wir den alten Pass ja jetzt einziehen.” …und legte ihn wie selbstverständlich in eine Schublade in ihrem Schreibtisch.

“Wie bitte? Den habe ich vor zehn Jahren mit 50 € bezahlt. Der gehört mir!”

“Nein. Wir müssen dem Schwarzmarkthandel mit Reisepässen entgegenwirken und ziehen die deshalb ein.”

“OK, das verstehe ich. Also geben sie mir jetzt 50 € und sie können meinen Pass haben.”

“Nein. Das geht leider nicht.”

“Das akzeptiere ich nicht. Entweder Sie geben mir 50 € oder Sie geben mir meinen Pass zurück. Ich brauche den für unser Familienarchiv. Die Sichtvermerke sind für mich wichtig, schon seit Großelterns Zeiten. ”

“Hm. Na gut. Ich entwerte den Pass durch Lochen und schneide vom Foto eine große Ecke ab. Das geht.”

Die beflissene Beamtin durchlöcherte den alten Reisepass mehrmals, schnitt eine große Ecke aus dem Foto und gab ihn mir dann zurück. 50 € wären mir zwar lieber gewesen, aber so geht’s natürlich auch.

 

 

 



Unabhängiger Journalismus ist zeitaufwendig

Dieser Blog ist ein Ein-Frau-Unternehmen. Wenn Sie meine Arbeit unterstützen wollen, haben Sie die Möglichkeit, mich mit einem Geldbetrag Ihrer Wahl zu unterstützen, so dass ich eine Recherchehilfe beschäftigen kann.
Bitte nutzen Sie dazu folgende Kontoverbindung:
Vera Lengsfeld
IBAN: DE55 3101 0833 3114 0722 20
Bic: SCFBDE33XXX

oder per PayPal:
Vera Lengsfeld unterstützen