Streiflichter von der Leipziger Buchmesse 2018

Veröffentlicht am Schlagwörter , , , , , , , , ,

Streiflichter von der Leipziger Buchmesse 2018

von Gastautor Dr. Wolfgang Hintze

Drei Tage im Trubel der Messe mit Wintereinbruch haben zahllose interessante Eindrücke hinterlassen. Hier einige Streiflichter.

Rechte Verlage mit Wort und Tat verhindern
Linksaußen hatte den „Kampf gegen Rechts“ auf der Messe gründlich vorbereitet und rechnet es sich als Erfolg an, die rechten Verlage „Junge Freiheit“ und „CATO“ zum Rückzug gezwungen zu haben. Es verblieben die Verlage „antaios“, „COMPACT“ und „Europa Terra Nostra“.
Schauen wir genauer hin und lauschen der Argumentation:
„Die teils handfesten Auseinandersetzungen um die Stände rechter Verlage auf der Frankfurter Buchmesse lassen ahnen, was aller Voraussicht nach auf der Leipziger Buchmesse vom 15. bis zum 18. März 2018 los sein wird. Bereits jetzt ist klar: die Buchmesse hat vor, den rassistischen Verlagen »Antaios« und »Junge Freiheit« Stände zu gewähren. Weiterhin gibt es das Potenzial für einen massiven antifaschistischen Widerstand – und wir freuen uns darauf, dass Leipziger Antifaschist_innen ihre Möglichkeiten ausschöpfen werden. Ziel antifaschistischer Praxis muss es sein, Rechten die Bühne zu verwehren und den Veranstalter_innen der Buchmesse praktische Anreize zu geben, die rassistischen Fans patriarchal-autoritärer Zustände beim nächsten Mal nicht mehr einzuladen.“ [1]

Soweit ein Zitat aus dem am 28.02.2018 durch die Abgeordnete Juliane Nagel im Leipziger Stadtrat eingebrachten Antrag der Linksfraktion „Keine rassistische und nationalistische Hetze auf der Buchmesse“. Nach heftiger Diskussion fand dieser keine Mehrheit.

Da es auf parlamentarischem Wege nicht geklappt hat, wurde außerparlamentarisch vorgegangen: strategisch [2], mit einer Aktion „Verlage gegen Rechts“ [3], in dessen Aufruf es u. a. martialisch heißt:
„Wir nehmen die Präsenz völkischer, nationalistischer und antifeministischer Verlage nicht wort- und tatenlos hin. Und werden wie in den letzten Jahren Protest organisieren, wo immer wir auf sie treffen.“
und mit einer Demonstration bei den Ständen der Verlage „antaios“ und „Compact“ in Halle 3.

Presse und Schaulustige hatten sich um diese „rechte Ecke“ versammelt und die Kameras gezückt wie Touristen am Wasserloch in Erwartung der „Big Five“.
Am Samstag Nachmittag war es dann soweit: lautstarke, aber entgegen der Ankündigung im wesentlichen gewaltlose, Protestaktionen der Antifa unter dem Motto: „Staat.Nation.Buchmesse.Scheisse, Gegen die Normalisierung des Rechtsrucks!“

Eine kleine Gruppe hatte sich unter das Publikum eines Podiums von Götz Kubitschek gemischt und schrie plötzlich los: „Deutschland ist Scheiße, Ihr seid die Beweise“ (auf sächsisch reimt sich das sogar). Von Ordnern und Polizei aus der Leseinsel gedrängt gingen die Sprechchöre draußen weiter: „Nie, nie, nie wieder Deutschland“, „Say it loud, say it clear, refugees are welcome here“, der einzige Ruf, dem man mit viel gutem Willen irgendeinen Bezug zum Gegenstand attestieren könnte, war „Kubitschek, Du Lügner“. Aber auch dieser wäre erklärungsbedürftig gewesen. Ein Dialog zwischen Rechts und Links fand jedoch nicht statt.

Kubitschek: „Es gibt 20 Foren über uns aber keins mit uns!“ Zu ergänzen wäre aus eigener Anschauung, dass die drei von uns besuchten Podien, die sich mit den rechten Verlagen befassten, auf intellektuell recht überschaubarem Niveau abliefen.

Rechte Verlage stark unterrepräsentiert
Gemessen am Medienecho lag der „gefühlte“ Anteil der rechten Verlage auf der Buchmesse in der Größenordnung 20-25%.
Und wie ist die Realität? Hier die Zahlen des Veranstalters [4]:
2.635 Aussteller aus 46 Ländern, bilanziert die Leipziger Buchmesse. Zu Europas größtem Lesefest „Leipzig liest“ luden 3.600 Mitwirkenden in 3.400 Veranstaltungen.

Es waren fünf rechte Verlage angemeldet (2 davon hatten später abgesagt), und es gab sechs Veranstaltungen. Der tatsächliche Anteil der rechten Verlage betrug also nur 5/2700 ≈ 0,2 % (bei den Veranstaltungen ist der Anteil etwa der gleiche).

Die Propaganda der Medien hat grob geschätzt einen Faktor 100 (20% gefühlt zu 0,2% real) an medialer Verstärkung für die rechten Verlage erzeugt. Götz Kubitschek nannte daher auch sehr zu Recht die Medien seine beste PR-Agentur.

Die gegenwärtige extreme Situation wirft die Frage auf, wie viele rechte Aussteller es eigentlich auf der Messe geben muss, damit diese das politische Meinungsspektrum der Bevölkerung adäquat repräsentiert. Setzen wir zur Beantwortung einmal den Anteil der „Rechten“ in der Bevölkerung gleich dem Anteil der Wählerstimmen der AfD, also 12,6%, nach unten gerechnet 10%. Dann müssten also ca. 270 (=2700×10%) rechte Aussteller mit ca. 340 (=3400×10%) Veranstaltungen präsent sein. Anders gesagt, müsste es ca. 50-mal (270/5 ≈ 50) so viele rechte Aussteller auf der Messe geben wie in diesem Jahr.

Nationalmasochismus
Das ist vielleicht das interessanteste Buch des rechten Verlages antaios in diesem Jahr.
Der Tagesspiegel schreibt [8]: „Bevorzugt wird es da alarmistisch, so wie in der vor einem schwarzen Hintergrund zackig rot-weiß gestalteten Anthologie „Nationalmasochismus“. Darin wird unter anderem behauptet, Angela Merkel treibe „ihr Volk in den Untergang“ und nur ein Wunder könne „unser schönes Land noch retten“. Ja, und genau, „die linken Deutschlandhasser“ seien ihrem Ziel „so nah wie nie zuvor“, nämlich „der Zerstörung Deutschlands, seiner christlich-abendländischen Wurzeln sowie der Familienstruktur“.“

Vereinfacht formuliert geht das Buch der Frage nach, warum und auf welche Weise die im Westen herrschende linke Ideologie den Hass auf das Eigene kultiviert und alles Fremde heilig spricht. Manchmal wird die Frage von Nicht-Linken auch so formuliert: „Warum machen die das?“
Schwächt Realitätsbezug die literarische Qualität?
In einem Podiumsgespräch mit Monika Maron [10] über ihr Buch „Munin oder: Choas im Kopf“ glaubte der Gesprächspartner Carsten Otte gegen Ende noch seinen politischen Auftrag erledigen zu müssen, indem er eine Passage aus dem Buch zitierte: „In der Straße wäre es beinahe zu einer Vergewaltigung einer Frau gekommen; durch zwei Männer, von der Frau als südländische Typen bezeichnet.“ und fragte „Warum nehmen Sie solche bekannten und oft auch instrumentalisierten Nachrichten in Ihren Roman rein? Mein Eindruck war, Sie schwächen damit im Grunde genommen Ihren Roman. Warum haben Sie es getan?“, antwortete Maron gelassen „Weil es diese Nachrichten gibt und weil sie beunruhigen.“ und sie ergänzte: „Wenn ich erklären will, warum in dieser Straße sich plötzlich der Zorn der Nachbarschaft entzündet, dann gehört die allgemeine Stimmung im Land auch dazu. Und wenn jedes Benennen immer sofort Klischee oder Ressentiment ist, dann macht es die Stimmung nicht besser.“

Wir sind alle Deutschland
Ein Stand erregte unsere Aufmerksamkeit, weil die vielen jungen Männer des Standdienstes T-Shirts trugen, die mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne und der Aufschrift „Wir sind alle Deutschland“ geschmückt waren. Darauf angesprochen stellte sich verblüffenderweise heraus, dass die Männer nicht deutsch sprachen. Einer konnte aber ein wenig Englisch und erzählte, sie seien aus Pakistan und gehörten zur Ahmadiyya-Bewegung, die auf der Messe mit dem Islam-Verlag vertreten ist.
Ein bizarres Kontrastprogramm zur Antifa, die in der „rechten Ecke“ derselben Halle 3 „Nie wieder Deutschland“ und „Deutschland ist Scheiße“ brüllt. Vielleicht hätte man die beiden Gruppen einmal zu einer Dialog-Veranstaltung auf eins der vielen Podien bitten sollen …
Tatsächlich hatte die Ahmadiyya-Gemeinde die Aktion schon im Juni 2017 gestartet.

Aktuelle Ergänzung: der letzte Satz von Kanzlerin Merkel bei ihrer Antrittsrede am 21.03.18 lautete (ohne Hinweis auf die Ahmadiyya): „Deutschland das sind wir alle.“
Darf man noch 95% sagen?
Die bekannte Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen stellte diese Frage – halb im Scherz – auf einem Podium, in dem es um den „Umgang mit Rechts“ ging. Sie hatte in der inzwischen von 7.800 Menschen unterzeichneten so genannten Charta 2017 [6] im Anschluss an die Buchmesse in Frankfurt die Einschränkung des Meinungskorridors im Lande beklagt und vor einer Gesinnungsdiktatur gewarnt.
Auf dem Podium ging es nun vor allem um das öffentliche Streitgespräch [5] zwischen Uwe Tellkamp und Durs Grünbein in Dresden, in dem Tellkamp u. a. gesagt hatte, „Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern. Über 95 Prozent!“. Leider wurde Tellkamps kurz darauf im selben Streitgespräch gegebene nähere Erläuterung nicht diskutiert: „Die Probleme fangen mit denen an, die nicht verfolgt sind, sondern über sichere Drittstaaten einwandern.“

Gemeinsame Erklärung 2018
Zufällig oder nicht, am ersten Tag der Buchmesse wurde eine von Vera Lengsfeld initiierte „Gemeinsame Erklärung 2018“ [7] ins Internet gestellt und sogleich von zahlreichen bekannten und unbekannten Personen der kritischen Öffentlichkeit unterzeichnet.
Der Text ist kurz und deutlich:
„Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“
Die Zahl der Unterzeichner steigt inzwischen rasant an, wobei – es ist schon „vertrackt“ – vor allem die linken Medien wieder die Hauptrolle als PR-Agentur spielen.

Matthias Matussek
Der bekannte Starautor hat ein neues Buch geschrieben, „White Rabbit oder der Abschied vom gesunden Menschenverstand“. Auf der Buchmesse hat er dazu ein Interview gegeben, an dessen Ende er meinte, man müsse heutzutage auf die Straße gehen und er werde das am Montag in Hamburg tun.
Gesagt, getan. Als Redner auf der dortigen „Merkel-muss-weg“-Demo übte er sich als Volkstribun, der sogar Sprechchöre anführte [11]. 200 Demonstranten standen 1000 Gegendemonstranten gegenüber. Matussek kam wohl gesund nach Hause, ein anderer Teilnehmer nicht.
Die Hamburger Morgenpost schreibt [12]:

„Brutale Attacke am Montagabend: Ein Teilnehmer der Demo „Merkel muss weg!“ wurde auf dem Weg nach Hause von zwei Unbekannten am U-Bahnhof Stephansplatz angegriffen. Er erlitt schwere Kopfverletzungen und musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Die Polizei sucht nun Zeugen.“

Die beiden Täter hatten nach Polizeiangaben ein „deutsches Erscheinungsbild“ und „sprachen akzentfrei deutsch“.
Anmerkung: Monika Maron hätte gut und gerne auch diese Geschichte, in der es keine „südländisch aussehenden Täter“ gibt, in ihr Buch aufnehmen können, um der Beunruhigung im Lande Ausdruck zu verleihen.
Fazit: Normalisierung des Rechtsrucks?
Zum Schluss noch einmal Gerrit Bartels vom Tagesspiegel [8]:
„Die rechten Verlagsstände, sie wird es auch auf den nächsten Buchmessen in kleiner Zahl geben. Es dürfte klug und angebracht sein, sich weniger darüber zu empören und mit mehr Coolness auf sie zu reagieren.“
Götz Kubitschek formuliert das sehr ähnlich [9]:

„Wir verstehen uns als erweiterte Verleger, die selbst für den Resonanzraum für ihre Bücher sorgen müssen. Und ich hoffe sehr, dass wir dieses erweiterte Verlegertum in zwei drei Jahren auf ein Verlegertum reduzieren können, weil dann ganz klar ist, dass wir Teil der Buchmesse sind und unsere Resonanzräume nicht mehr erstreiten müssen.“
Das klingt zunächst nach einer Art mittelfristigem „Friedensschluss“, nach Normalisierung.
Eine echte Normalisierung auf der Buchmesse wird aber erst dann erreicht sein, wenn die Gesellschaft selber dort adäquat repräsentiert sein wird, wenn also die zur Zeit existierende extreme linke Übergewicht abgebaut worden ist.

Links:
[1] https://jule.linxxnet.de/index.php/2018/03/19291/ (01.03.2018, Juliane Nagel)
[2] http://www.unwritten-future.org/ (14.03.2018)
[3] https://verlagegegenrechts.com/2018/02/08/aktualisierte-unterschriftenliste-mehr-als-65-verlage-und-160-einzelpersonen-initiativen-unterzeichnen-statement-gegen-rechte-hetze-auf-der-leipziger-buchmesse/
[4] https://www.boersenblatt.net/artikel-bilanz_der_leipziger_buchmesse.1443383.html
[5] https://www.youtube.com/watch?v=w-bZoT0LgiY (Tellkamp/Grünbein, 08.03.2018)
[6] https://www.openpetition.de/petition/online/charta-2017-zu-den-vorkommnissen-auf-der-frankfurter-buchmesse-2017 (Susanne Dagen, 16.10.2017)
[7] https://www.erklaerung2018.de/index.html (Vera Lengsfeld, 15.03.2018)
[8] https://www.tagesspiegel.de/kultur/rechte-verlage-auf-der-buchmesse-die-protestfalle/21085234.html (Bartels, 18.03.2018)
[9] https://www.youtube.com/watch?v=R8LWB3vJqWo (Kubitschek, 18.03.2018)
[10] https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/lesenswert/carsten-otte-im-gespraech-mit-monika-maron-munin-oder-chaos-im-kopf/-/id=659892/did=21350642/nid=659892/19qs7ed/index.html (15.03.2018, Maron, Otte)
[11] https://www.youtube.com/watch?v=ys9mOgvuygc (19.03.2018, Matussek)
[12] https://www.mopo.de/29898854 (20.03.2018)



Unabhängiger Journalismus ist zeitaufwendig

Dieser Blog ist ein Ein-Frau-Unternehmen. Wenn Sie meine Arbeit unterstützen wollen, haben Sie die Möglichkeit, mich mit einem Geldbetrag Ihrer Wahl zu unterstützen, so dass ich eine Recherchehilfe beschäftigen kann.
Bitte nutzen Sie dazu folgende Kontoverbindung:
Vera Lengsfeld
IBAN: DE55 3101 0833 3114 0722 20
Bic: SCFBDE33XXX

oder per PayPal:
Vera Lengsfeld unterstützen