“Erfolg haben – Mensch bleiben” oder “Alle scheißen alle an”

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von Gastautor Dr. Wolfgang Hintze

Heute interessante Frühstückslektüre im Tagesspiegel: Jürgen Hesse von Hesse/Schrader, Deutschlands führenden Experten auf dem Gebiet der Bewerbungs- und Karriereberatung, Motto “Erfolg haben – Mensch bleiben”, rät einer sich unwohl fühlenden Webdesignerin “Wie gehe ich gegen Rassismus an?” [1].

Stefan Krawczyk, Liedermacher der DDR, Autor des “Polizeistaat-Liedes”, dessen Refrain “Frag doch mal’n Polizist, was ‘n Polizeistaat ist, und zur Antwort kriegst du dann, alle scheißen alle an, alle scheißen alle an.” 1988 von den Verhafteten der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration im Gefängnis Rummelsburg gesungen wurde [2].

Um zu verstehen, was das eine mit dem anderen zu tun hat, lesen wir einfach weiter.

Zuerst die Frage:

Ich bin Webdesignerin und sitze mit meinem Team in einem Großraumbüro. Schlimmerweise bekommen wir häufig mit, über was sich die anderen Kollegen unterhalten. Ihre vermeintlichen Witze sind oft rassistisch, sie freuen sich über AfD-Tweets, diffamieren andere Mitarbeiter. Leider bin ich nicht so mutig, aufzustehen und etwas dagegen zu sagen. Aber ich fühle mich sehr unwohl Was kann ich tun?

Hier die Antwort des Experten gegen dieses Unwohlsein. Es wird nicht erkennbar, ob der Experte – anders als wir Leser – etwas Genaueres wusste, oder Beispiele kannte.

Oh, je, da haben Sie ein großes Problem. Was ist zu tun?

Es folgt ein ausgeklügelter Stufenplan der sukzessiven Eskalation mit klaren Anweisungen, wie die Designerin beim Kampf gegen ihr Unwohlsein zum Erfolg kommen und dabei Mensch bleiben kann:

Stufe 1: Mitstreiter suchen

Finden Sie zunächst heraus, wie viele Personen aus Ihrem Team die Lage ähnlich beurteilen wie Sie. Sprechen Sie Ihre Kollegen gezielt darauf an. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob nur Sie oder auch fünf weitere Kollegen die Situation als unangenehm erleben. Beobachten Sie, wie Ihre direkte Umgebung auf die (Politik-) Dummschwätzer reagiert, und fordern Sie auch diese Kollegen auf, mit zu überlegen, was Sie gegen diese Aggressionen tun können.

Dummschwätzer, Aggressionen. So viel Inhaltliches weiß der Experte offenbar immerhin. Vermutlich auch deshalb, weil der Begriff “AfD” fiel.

Stufe 2: Hierarchie in allen gesellschaftlichen Schichten ansprechen

Ist es Ihnen und Ihren Kollegen nicht möglich, diese Mitarbeiter direkt auf ihr politisch unkorrektes Verhalten und ihre Beleidigungen anzusprechen, auch weil Sie fürchten, selbst in den Angriffsfokus dieser Gruppe zu geraten, sollten Sie Ihren direkten Vorgesetzten, den Betriebs- oder Personalrat und in einem weiteren Schritt die Unternehmensleitung ansprechen.

Dokumentieren Sie dazu schriftlich aktuelle Verbalattacken und Entgleisungen (Wer hat was wann gesagt oder getan?, Hervorhebung vom Tagesspiegel) und benennen Sie dafür Zeugen. Damit gehen Sie zu Ihrem direkten Vorgesetzten und/oder Betriebsratsmitglied Ihres Vertrauens und bitten um Unterstützung.

Stufe 3: auf wirtschaftlichen Schaden hinweisen

Falls diese belegten Vorfalle nicht reichen und es noch weiterer Begründungen bedarf, vermitteln Sie, dass Sie und andere nicht nur empört sind über diese Äußerungen, sondern dadurch in der Konzentration und Arbeitsleistung erheblich gestört werden. Dies möchten Sie und Ihre Kollegen auch im Interesse des Betriebes und einer gedeihlichen Arbeitsatmosphäre sofort abgestellt wissen.

Stufe 4: Wenn alles nichts half, Top-Management zur Hilfe rufen

Sollte diese Meldung und Aufforderung an den Vorgesetzten und/oder Betriebsrat nicht fruchten, ist der nächste Schritt ein Schreiben an die Geschäftsleitung. Fordern Sie diese auf (freundlich, als Bitte formuliert), dafür zu sorgen, dass der Betriebsfrieden und damit die Arbeitsleistung und Konzentration durch derlei unkorrektes Verhalten nicht weiter in Mitleidenschaft gezogen wird.

Ende der “Anscheißregeln”, der zeitgemäßen Weiterentwicklung der früheren Anstandsregeln (“Code of conduct”).

Es fehlt die explizite Erwähnung der Konsequenzen, auf die die junge Dame die Hierachie drängen sollte, nämlich Abmahnung oder Rauswurf der “Rassisten”. Aber das versteht sich vielleicht von selbst.

Falls allerdings der “Rassismus” und die politische Unkorrektheit bereits in die Mitte der Firma vorgedrungen sein sollte, rät der Experte ganz einfach

Finden Sie in dieser Angelegenheit keine Unterstützung, kann ich Ihnen nur raten, sich schnell nach einem anderen Arbeitsplatz umzuschauen.

Sehr enttäuschend! So mutlos und fatalistisch kann der Kampf gegen Rechts nicht gewonnen und damit der gesellschaftliche Frieden wieder hergestellt werden.

Links

[1] https://www.hesseschrader.com/

[2] Stefan Krawczyk Polizeistaat-Lied, https://www.mdr.de/damals/archiv/krawczyk104.html

[3] Jürgen Hesse, Büro für Berufsstrategie, “Wie gehe ich gegen Rassismus an?”, Tagesspiegel 10. Fabruar 2018, Seite K1



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