Teil 2.
Von Shoumojit Banerjee
Schottische Aufklärung
David Hume (1711–1776)
Montesquieus Schüler und die schottische Aufklärung brachten diese Art ‚philosophischer Geschichte‘ zu vollendetem Ausdruck. David Humes Geschichte Englands – veröffentlicht zwischen 1754 und 1762 – zeigte, dass Historiografie philosophische Einsicht mit literarischer Eleganz verbinden konnte – was auch Gibbons eigene Prosa später tiefgreifend prägen sollte. Wie Montesquieu behandelte Hume Handel und öffentliche Meinung als historische Kräfte, die ebenso wichtig waren wie Schlachten oder Dynastien, während er nationalen Mythen mit ironischer Distanz begegnete.
William Robertson erweiterte übergreifende historische Fragestellungen sogar noch mehr. In seiner „Geschichte Schottlands“ (1759), „Geschichte der Herrschaft von Kaiser Karl V.“ (1769) und „Geschichte Amerikas“ (1777) reichte die Erzählung über das Hofgeschehen und die Feldzüge hinaus bis hin zu Kolonialismus, Religion und sozialer Entwicklung. Gibbon verehrte Robertson außerordentlich, übernahm dessen Ansatz, und verband ihn mit der Strenge eines Tacitus, seinem größten antiken Vorbild. Für Gibbon war Tacitus der einzige römische Historiker, der verborgenen Mechanismen der Macht klar artikulierte, und so die Furcht und Unterwürfigkeit, Korruption und imperiale Heuchelei, die unter der offiziellen Sprache der römischen Regentschaft lauerten, offenlegte.
Bei der Lektüre zeigt sich Gibbons fulminante Gelehrsamkeit auf fast jeder Seite. Schon in den ersten Kapiteln bewegt er sich mühelos zwischen den antiken Historikern – Tacitus, Polybius, Dion Cassius, Josephus und anderen – während er kirchliche Autoren wie Eusebius und Sozomenos fast wie ein Ankläger ins Kreuzverhör nimmt. Aber auch fachlich scheint er überall gleich souverän, ob bei römischem Recht, militärischer Organisation, kaiserlicher Besteuerung, Provinzverwaltung, Grenzverteidigung, Geografie, Münzwesen, Handel, Demografie oder religiösen Kontroversen.
Was Gibbons Zeitgenossen verblüffte, war nicht nur die immense Bandbreite seines Wissens, sondern die Brillanz, mit der er es nutzte, um seine Argumentation zu belegen. Er schien die gesamte erhaltene Literatur der Antike zu kennen, zog griechische und lateinische Chronisten, Kirchenväter, byzantinische Annalen, Gesetzbücher, Inschriften, theologische Abhandlungen und mittelalterliche Chroniken heran, um seine Darlegungen zu untermauern. Zwölf Jahre nach Erscheinen des ersten Ausgabe, nach mehr als einer Million Worte und sechs Bänden schloss Gibbon seine Geschichte 1788 ab, nachdem er die Geschicke Roms von der Zeit der Antoniner bis zum Fall Konstantinopels an die osmanischen Türken 1453 nachgezeichnet hatte – eine Zeitspanne von dreizehn Jahrhunderten.
Was Gibbon von allen seinen Vorgängern unterscheidet, ist das Verständnis des Niedergangs als Prozess und nicht als Folge eines einzelnen katastrophalen Ereignisses. Rom, so Gibbons, war bereits im Moment seines Zenits dem Untergang geweiht.
Heftige Kontroverse
Kein Teil von „Decline and Fall“ löste einen größeren Sturm der Entrüstung aus als die Kapitel XV und XVI, in denen Gibbon nüchtern argumentierte, dass das Christentum, weit davon entfernt, das Römische Reich zu retten, wesentlich zu dessen Schwächung beigetragen habe, indem es die Energien der Menschen von der staatsbürgerlichen Pflicht und dem öffentlichen Leben weg und hin zu den Belangen der ‚jenseitigen‘ Welt gelenkt habe.
Doch entgegen der landläufigen Meinung behauptete er nicht, dass das Christentum Rom im Alleingang zerstört habe, sondern vielmehr, dass es die Prioritäten Roms erst in dem Moment verschob, als militärische Disziplin und die zivilen Energien bereits im Schwinden begriffen waren. Der Rückschlag kam direkt und wutentbrannt. In ganz Großbritannien verurteilten Geistliche Gibbon. Der antwortete erst 1779 in seiner Vindication (‚Rechtfertigung‘) und verteidigte sich mit vernichtender Gelehrsamkeit und eisiger Haltung.
Es ist eher Gibbons Umgang mit Byzanz, der heute problematisch erscheint. Er beschrieb das Oströmische Reich mit kaum verhüllter Ungeduld als eine Zivilisation von Eunuchen, voll theologischer Pedanterie und endloser Palastintrigen.
Steven Runciman beklagte später, Gibbon hätten das griechische Grundlagenwissen und das theologische Verständnis gefehlt, die nötig seien, um die byzantinische Zivilisation aus sich heraus zu verstehen. Gibbons Abscheu für das, was er als durch Mönche verunstalteten Aberglauben beschrieb, habe ihm verwehrt, die geistige Inbrunst byzantinischer Theologie zu erfassen.
Doch selbst dort, wo er Byzanz falsch einschätzt, bewahrt Gibbons Prosa ihre hypnotische Großartigkeit. Unter seiner Feder werden die Herrschaft des Heraklius, der Aufbruch des Islam, die mongolischen Invasionen und der Fall Konstantinopels 1453 Teil eines in sich geschlossenen zivilisatorischen Dramas, bei dem Rom das Mittelmeer langsam an jüngere, härtere und diszipliniertere Mächte abgibt.
Jeder Historiker, der sich an einem zivilisatorischem Panorama vergleichbaren Formats versucht hat, tat dies im Schatten Gibbons – von Theodor Mommsen über Arnold Toynbee bis hin zu Ronald Syme, dessen „The Roman Revolution“ (1939) Gibbons Ironie und Autorität vielleicht am nächsten kommt. In Indien verlieh Sir Jadunath Sarkar seiner Geschichte vom Niedergang der Moguln eine unverkennbar gibbonische Erhabenheit.
Kein historisches Werk dieser Größenordnung hat seine Autorität so lange bewahrt wie Gibbons „Decline and Fall“.
Wie Hugh Trevor-Roper mal feststellte: „Sein intellektueller Gehalt ist bis heute gültig, und jede Diskussion über den Verlauf und die Ursachen des Niedergangs Roms wird nach wie vor durch ihn dominiert. Von keinem anderen Historiker, der vor 1830 schrieb, kann dies gesagt werden.“
Warum wirkt Gibbon immer noch so modern? Weil die Ängste, die ihn quälten, die unseren bleiben. Ausufernde Staaten, polarisierte Gesellschaften, militärische Überdehnung, ideologischer Fanatismus, Dekadenz der Eliten, bürokratische Lähmung und die Illusion, dass Wohlstand Dauerhaftigkeit garantiert, sind nicht nur römische Probleme.
Deshalb hört Rom nie auf zu fallen. Denn jede Epoche sieht in Gibbons Rom ein Abbild ihrer selbst.

