„Wir haben einen Generationenkonflikt. Dieser war schon immer da“

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Von Lothar W. Pawliczak

Simon Mariam Hoffmanns Aufstand der Jugend ist eigentlich einer Beachtung nicht wert

Ein Buch zum gleichnamigen Film () oder der Film zum Buch. Filme und Bücher sind unterschiedliche Genres. Jedes muß für sich stehen und daher sei hier nur vom Buch die Rede.

Hoffmann lädt ein, „an der Perspektive eines jungen Menschen teilzunehmen“ (S. 9), nämlich seine eigene. Und er lobt sich gleich: „Das Aufstand der Jugend -Buch begründet die Philosophie der Jugend und leistet einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung des Menschen.“ (ebd.) Jugendlichem Überschwang mag man das durchgehen lassen, aber mit inzwischen 30 Jahren sollte die Eigenbewertung wohl etwas nüchterner sein. Mit 28 Jahren habe er beschlossen, die Welt zu verändern. Ups, hatten wir nicht mal einen, der bekannte, beschlossen zu haben, Politiker zu werden? Mindestens hier hätte ein Lektor zweimal zum Rotstift raten müssen. Dann S. 29: „Dies ist kein Aufschrei. Dies ist ein Aufbrüllen! Es ist ein Aufstand der seinesgleichen sucht.“ Geht es nicht eine Nummer kleiner?

Der studierte Philosoph weiß offensichtlich, daß Philosophie „Arbeit am Begriff“ (Hegel) ist, definiert einige Begriffe, die er benutzt. Das ist ihm positiv anzurechnen, zumal heutzutage viele glauben, mit einem Wort einen Begriff zu haben, glauben, etwas erkannt zu haben, ohne daß klar zu definieren, wovon die Rede ist. Jugend ist der Altersabschnitt von 14 bis 28 Jahren (dazu S. 63f, 73), davor liegt die Kindheit (S. 10, dazu S. 83-85); einige selbst kreierte Begriffe werden S. 20f definiert. Die sind hier schon aus Platzgründen nicht zu diskutieren.

Zu diskutieren wären auch Hoffmanns Thesen:

  1. Es gäbe einen Aufstand der Jugend: „Wir empfinden uns nicht mehr als Teil dieser gewordenen Welt … Wir haben uns auf verschiedene Weise davon distanziert“ (S. 12).
  2. „Die Jugend bringt das Neue auf die Welt … Wir können oftmals besser wahrnehmen, was nicht stimmig ist“ (ebd.).
  3. „Die Jugend ist die Transformationskraft der Gesellschaft und wir haben diese Krisen, weil wir die Jugend benutzen, um unsere alten Systeme zu erhalten, anstatt ihnen die Möglichkeiten zu lassen, neue, bessere Ordnungen zu schaffen.“ (S. 13)
  4. „Wir alle haben einen inneren Jugendlichen und dieser sollte jetzt aufstehen und zu den Unstimmigkeiten, die wir wahrnehmen, ‚Stopp‘ sagen (S. 13f; zum „Inneren Jugendlichen“ dann S. 21-25)
  5. „Die Jugend ist nicht nur Gegenstand der Erziehung oder Rebellion, sondern eine Akteurin und stetige Transformationsquelle für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse.“ (S. 16)
  6. „Die Jugend entscheidet, ob die Gesellschaft eine Zukunft hat oder nicht.“ (S. 17) Es sei dies ihre Aufgabe (S. 18).

Hoffmanns Deklarationen, Schilderungen persönlicher Erfahrung (S. 26-28, 52-54, 59-63, 106-108, 112f), persönlicher Befindlichkeiten (passim) und Vorwürfe an die Altvorderen (S. 44-50) sind für die Diskussion seiner Thesen kaum interessant. Nach der Einleitung, die man noch wohlwollend gelesen hat, auch die Gendersternchen großzügig ignorierend, folgt ein „Manifest jugendlicher Visionen“ (S. 55-99).

Der Satz, mit dem sich das ganze Buch zusammenfassen läßt, steht S. 64: „Wir brauchen eine physisch und geistig junge Jugend, die sich aktiv für die Welt einsetzt und sich in der Jugendbewegung verbindet.“ Wird da unterstellt, die heutige Jugend sei „physisch und geistig“ irgendwie alt? Trifft sich der Autor da mit anderen, die den jüngeren Generationen vorwerfen, wenig Leistungswillen zu haben und eine allgemeine Chill-out-Kultur zu pflegen? Es sei „Hauptaufgabe der Jugend“, „die Gesellschaft zu transformieren und die Impulse der Zukunft in die Kultur zu tragen.“ (S. 72) Lassen wir es mal dahingestellt, wie man „Impulse der Zukunft“, die ja noch nicht da ist, irgendwo hintragen kann. Ist da „Hereintragen“ im Sinne von Georg Lukács (Geschichte und Klassenbewußtsein, 1923) gemeint? Man meint, in eine soziale Gruppe, die man als Träger von „Hauptaufgaben“ auserkoren hat, „progressive“ Ideen hereintragen so müssen.

Projekte werden als „eine gesunde Jugendhochkultur“ deklariert (S. 79), bundesweite Kampagnen (S. 89f, 136-140). Was wird damit als „ungesund“ abgewertet? Wissen „wir“ wirklich „nicht, wie wir mit Kindern würdevoll umgehen können“ (S. 103)? Schließt da der Autor aus dem Versagen von Eltern – vielleicht auch seinen und seinem eignen – bei der Heranführung der Kinder an die Wirklichkeit auf alle?

Hinreichend bekannte Forderungen kommen als „neue Jugendkultur“ daher:

  • Ein Deutscher Jugendrat (S. 92) ist eine Spezifizierung der Forderung nach Bürgerräten, zu denen Bürger ausgelost und ausgewählt – von wem? – werden sollen.
  • Das Kinderwahlrecht (S. 92-94) ist eine Variante des geforderten modernen Ständewahlrechts mit Quotierungen für Frauen und bestimmte soziale Gruppen.
  • Die Jugendrente (S. 94-97) ist eine andere Variante des bedingungslosen Grundeinkommens.

Gegen Projekte für und mit Jugendlichen ist nichts einzuwenden. Warum aber müssen die in einem ideologischen Gewand daherkommen? Während Jugendeinrichtungen geschlossen werden, weil die Kommunen kein Geld haben, werden Millionen für Ideologieprojekte ausgegeben. Dazu von Herrn Hoffmann kein Wort.

Wir brauchen soziologische Analysen zur Generationenfrage, kein klagendes Geschwätz – „Die Welt der Menschen ist eine Wüste geworden“ (S. 123) – mit draufgesetzten Visionen: „Flowtopia ist jener Geisteszustand der absoluten Fülle, des Einklangs und der Liebe“ (S. 126). Stimmt es, „dass wir momentan einen Generationenkonflikt haben, der unsere Entwicklung als Gesellschaft behindert“? Wenn ein Generationenkonflikt „schon immer da“ war, wie Hoffmann selbst feststellt (S. 11), wo ist dann unser spezielles Problem? Stimmt das?: „Die Jugend darf ihre Aufgabe nicht erfüllen und kann nicht in die Zukunft führen.“ (S. 152) Ist es überhaupt irgendeines Menschen Aufgabe, in die Zukunft zu führen? Die Zukunft kennt niemand, denn sie ist ja noch nicht da. Was wir vor uns haben, sind vergangene Ereignisse und aktuelle Aufgaben. Es braucht gesellschaftliche Akteure und Regierungen, die die heutigen Probleme lösen. Zukunftsbeschwörungen und Fortschrittsbehauptungen helfen dabei wenig (Dazu: Wieso der Glaube an den Fortschritt uns regelmäßig in der Irre führt. Sehen Sie die goldenen Zeiten? In: Junge Freiheit Nr. 4/25 vom 17. Januar 2025, S. 18; erweitert hier: https://www.academia.edu/127300170/Was_ist_Fortschritt).

Wer von Hoffmanns Buch einen Beitrag zur soziologischen Analyse unserer heutigen Jugendlichen erwartet, wird enttäuscht: Nichts zu den 14 bis 28jährigen, die also zwischen 1998 und 2012 geboren sind!



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