Nach einem weiteren Seetag, diesmal durch die Wasserwüste des Mittelmeeres, erreichen wir den Hafen von Málaga. Außer, dass es der Geburtsort von Pablo Picasso ist, kann man Málaga für seine wunderschöne botanische Anlage zwischen den beiden Uferstraßen rühmen.
Ich tauche in die historische Altstadt auf der Höhe des Römischen Theaters ein, das von Touristen belagert wurde. Nach meinem Erlebnis in der halb freigelegten Arena in Cadiz, die unter den Schichten der nachfolgenden Jahrhunderte verschwindet, hatte ich eh keine Lust auf ein weiteres römisches Bauwerk.
Picassos Geburtshaus steht am Rande eines großen Platzes, wird weniger beachtet und bietet eine relativ unambitionierte Ausstellung über seine Familie. Die wahre Picasso-Schau befindet sich im gleichnamigen Museum in den Gassen der Altstadt, in denen sich die Touri-Menge in einer Dichte wälzt, dass ein Durchkommen sehr schwierig ist.
Zum Glück hatte ich die Ausstellung im Herbst bewundern können, als ich mit Kunstfreunden hier war. Damals hatte ich die berühmte Kathedrale ausgelassen, also stellte ich mich nach kurzem Zögern in die kürzer gewordene Schlange vor dem Ticketschalter an.
Im Halbdunkel des atemberaubenden Innenraums störten die anderen Besucher kaum. Ich staunte wieder, was die Kraft des Glaubens an Schönheit hervorgebracht hat. Das Deckengewölbe mit seinen Malereien ist überwältigend.
Leider bringen nicht alle Mitmenschen so viel Respekt auf, sich der unübersehbaren Bitte anzunehmen, das Gotteshaus nur mit angemessener Kleidung zu betreten.
Als ich im Herbst hier gewesen war, hatte ich etwas mehr Zeit, weil wir in Málaga vor dem Heimflug übernachteten. Ich besuchte am freien Vormittag das Russische Museum, in dem ich allein war, trotz der interessanten Ausstellungen. Eine war der berühmten Balletttänzerin Anna Pawlowna gewidmet, die ein Millionenpublikum in ganz Europa begeistert hat, obwohl ihr der Familienarzt in ihrer Kindheit bescheinigte, dass sie ihren Traum, Tänzerin zu werden, aufgeben müsse, denn ihr fehlten alle körperlichen Voraussetzungen dafür. Vor allem hätte sie viel zu große Füße. Pawlowna ließ sich nicht entmutigen, überwand mit eisernem Willen alle Hindernisse und wurde zum Superstar.
Am Ende des Rundgangs wurden Ausschnitte aus dem einzigen Film gezeigt, den sie gedreht hat. Es war faszinierend, die Person über mehr als ein Jahrhundert hinweg lebendig zu sehen. Die Erfindung des Films ist eine der unsterblichen Innovationen, die der heute von den Linken so verachtete Westen der Menschheit geschenkt hat.
Nach dem letzten Seetag landeten wir in Palma de Mallorca. Außer uns war noch ein Kreuzfahrtschiff da. Die Schiffe waren so weit draußen, dass es ein Shuttle zu einer Haltestelle unterhalb der Kathedrale gab, ein überwältigender Bau, der über Jahrhunderte ein deutliches Signal an alle sendete, die im Hafen festmachten.
Ich war schon einmal vor etwa dreißig Jahren auf Mallorca gewesen und hatte am Ostersonntag in Palma die heilige Messe besucht. Ich hatte die Gesichter der einheimischen Gottesdienstbesucher, die damals neben mir saßen, noch in Erinnerung, die Kathedrale jedoch nicht.
Heute muss man sich, um zu ihr zu kommen, durch ein endlos scheinendes Meer von Schwarzhändlern kämpfen, die billige Nachahmungen von Markenprodukten anbieten: Klamotten, Uhren, Taschen, Sonnenbrillen. Wovon diese Menschen leben, ist mir ein Rätsel, denn ich sah keinen Touristen, der etwas gekauft hätte.
Um die Kathedrale herum war alles voll, obwohl sie geschlossen war. Ich folgte einem Hinweisschild zum arabischen Bad, dem einzigen Überrest aus maurischen Zeiten. Das war eine gute Entscheidung, denn ich gelangte in einen zauberhaften Garten, der rund um die maurischen Ruinen angelegt worden war. Zwar war, als das Bad in Betrieb war, hier ein reiner Nutzgarten gewesen, aber der war kaum so schön wie heute. Ein Video wies auf interessante architektonische Details hin und erklärte die Badekultur.

Vom Bad aus schlenderte ich durch Gassen, die trotz ihrer Nähe zur Touri-Meile menschenleer waren.

Hier lebt der alte Reiz von Palma noch. Auf dem Rückweg sah ich von der Anhöhe, auf der die Kathedrale steht, aufs Meer hinaus. Die beiden Kreuzfahrtschiffe wirkten von hier, als belagerten sie die Stadt. Viele Einheimische müssen das ähnlich empfinden, denn ich sah Graffiti: Tourist go home.

