Von Sven Lingreen
Um es gleich an den Anfang zu stellen: Besuchen Sie den Genter Altar und lassen Sie sich von der genialen Kunstfertigkeit der van Eycks, der tiefgründigen Symbolik und einer restaurierten, atemberaubenden Gesamterscheinung überwältigen – solange es noch geht.
Warum so dramatisch? Weil es den Genter Altar zum einen nur noch gibt, weil über die Jahrhunderte nur Zufälle, mutige Einzelentscheidungen und schicksalhaftes Glück für seine bis heute währende Existenz gesorgt haben. Zum anderen ändert sich Europa in einer dramatischen Weise, die den Fortbestand insbesondere der christlichen Kunstwerke beginnt, infrage zu stellen. Islamische Ikonoklasmen wie zerstörte Kirchen und gesprengte Buddha-Statuen in aller Welt sind leider längst Realität.
Adam, Eva, die Sünde und das Lamm
Als der Altar von Jan van Eyck, den er zusammen mit seinem Bruder Hubert begonnen hatte, 1432 vollendet wurde, zählten die 12 Tafeln mit 20 Bildseiten als riesiges, detailbesessenes, farblich brillantes und als ein kunstgeschichtlich geltendes Übergangswerk vom Mittelalter zur Renaissance. Er gilt heute als eines der ersten Hauptwerke der Ölmalerei und eines der wichtigsten Kunstwerke überhaupt.

Der Genter Altar in der Kathedrale St. Bavo Gent (Wikimedia)
Christus als Erlöser manifestiert sich in der zentralen Tafel im Gleichnis des Agnus Dei, des Lamm Gottes, das mit seinem Blut die Menschheit von der Erbsünde reinwäscht, indem es sein Leben dafür opfert. Johannes der Täufer bezeichnete Jesus erstmals als das Agnus Dei und van Eyck zeigt diese Symbolik auf der Altarrückseite mit einem Lämmchen im Arm von Johannes.

In der oberen Reihe ganz links und rechts sieht man die Tafeln mit Adam und Eva, die über die Zeit auch nicht von Moral und Sitte verschont blieben. Eine Zeitlang waren Kopien zu sehen, die Adam und Eva mit Fell („dierenhuiden“) bekleidet zeigten, wie von der belgischen Regierung 1861 bestellt. Lange Zeit war nämlich in Gent nur eine Mischung aus einigen Original-Tafeln und Kopien zu sehen.

Foto: links Adam und Eva, Kopie von Victor Lagye 1865 – rechts: Grisaille Johannes der Täufer Altarrückseite
Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der Altar mit Übermalungen versehen. Was dies für Kontroversen bei der Restaurierung erzeugte, wird auch in Bezug auf die Darstellung der Christus-Lamm-Symbolik zum Ende des Beitrages angedeutet.
Auch heute ist in der Kathedrale St. Bavo die obere Reihe (noch) eine Kopie, denn die Originale sind noch bis Anfang 2027 in der Restaurierungswerkstatt des MSK (Museum voor Schone Kunsten Gent) zu bewundern.
Kunstkrimi – Zerteilung und Wiedervereinigung
In den letzten fast 600 Jahren war es immer wieder ein wahrer Kunstkrimi und ein Glück, dass bis auf eine Tafel alles dieses Meisterwerkes erhalten wurde über diese lange Zeit. Dabei wanderten Teile des Altars in den letzten 200 Jahren quer durch halb Europa, um heute wieder vereint in Gent zu sein
1566 beim Bildersturm der Calvinisten gegen die Kunst der Katholiken wegen angeblichem „Götzendienst“ waren es die Entscheidungen und das Engagement Weniger, die den Altar zerteilt an Seilen in den Glockenturm der Kathedrale hochzogen und ihn später auch im Rathaus versteckten.
In den napoleonischen Besatzungszeiten wurde die zentralen Tafeln des Altars mit dem berühmten Lamm Gottes nach Paris gebracht und erst nach der Niederlage von Waterloo zurückgegeben.
Dann verkauften die Kleriker 1816 aus Geldnot Seitentafeln des Altars zu einem lächerlichen Preis, die mit jedem Verkauf von Kunsthändler zu Kunsthändler teurer und teurer wurden. Über verschiedene Stationen erwarb schließlich 1821 der preußische König Friedrich Wilhelm III. die Tafeln, die auf Vorder- und Rückseite bemalt sind. Deshalb wurden sie so zersägt, dass beide Seiten der Tafeln gelichzeitig nebeneinander gezeigt werden konnten. Es ist Glück, dass die Handwerker offenbar echte Profis waren, die nur 15 mm dicken Tafeln geschickt zu zerteilen. Die Berliner Tafeln des Genter Altars gehörten zur Berliner Gemäldegalerie; zuletzt waren sie im Kaiser-Friedrich-Museum, dem heutigen Bode-Museum, ausgestellt.
Obwohl die Flügeltafeln regulär gekauft wurden, mussten sie als Reparation Deutschlands aufgrund des Versailler Vertrages 1920 an Belgien abgegeben werden.
1921 kehrten auch die Tafeln mit Adam und Eva zurück und der Altar war erstmals wieder vollständig im Original.
1934 ereilte der bisher vorletzte Akt in einem wahren Kunstkrimi das Genter Meisterwerk. Diebe stahlen die Tafel „Die Gerechten Richter“ mit der wundervollen Grisaille von Johannes dem Täufer auf der Rückseite. Während die Rückseite mit Johannes dem Täufer nach einer Lösegeldforderung als „Beweis“, dass man die andere Tafel auch habe, von den Dieben in einem Bahnhofsschließfach abgelegt wurde und so gesichert werden konnte, ist die Vorderseite mit den gerechten Richtern bis heute verschollen und durch eine Kopie ersetzt worden. Wäre die Tafel in Berlin nicht zersägt worden, würden wohl heute beide Bildseiten im Original fehlen.
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Genter Altar erneut demontiert und auf eine gefährliche Reise geschickt. Zunächst brachte man ihn zur Sicherung 1940 nach Südfrankreich in das Schloss Pau. 1942 wurde er von dort unter deutscher Kontrolle nach Schloss Neuschwanstein gebracht. Später sollte er in den Bestand des von Hitler geplanten „Führermuseums“ in Linz eingehen und wurde schließlich in das Salzbergwerk Altaussee in Österreich ausgelagert. Dort lagerten Tausende geraubte oder ausgelagerte Kunstwerke. In den letzten Kriegstagen sollte die Mine gesprengt werden. Entscheidend war jedoch der Widerstand örtlicher Bergleute und Verantwortlicher, die die Sprengung sabotierten. Dadurch konnten die amerikanischen Monuments Men die Kunstwerke sichern, darunter rund 6.500 Gemälde. Im August 1945 wurde der Genter Altar nach Brüssel zurückgebracht und später wieder nach Gent überführt.
Trägt das ursprüngliche Lamm Gesichtszüge von Jesus?
Das mystische Lamm mit dem goldenen Strahlenkranz in der zentralen Tafel hatte aufgrund einer Übermalung aus dem 16. Jahrhundert fast ein halbes Jahrtausend eine völlig andere Anmutung und es sah über diese Zeit für alle Betrachter nur aus wie ein übliches Lamm oder Schaf. Wer genau hinschaute, konnte sogar vier Ohren erkennen.
Die jetzt freigelegte Malschicht des Originals von van Eyck präsentiert jetzt (wieder) ein Lamm mit direkterem Blick, graphisch klarer Schnauze und großen frontal ausgerichteten Augen. Wer möchte, sieht darin vielleicht den Gedanken van Eycks, dass das Lamm für Christus als das Opfer steht und der Maler deshalb diese menschlicheren Gesichtszüge einfließen ließ. Man kann den Effekt verstärken, um Christus zu sehen, indem man die Augen beim Betrachten des Agnus Dei etwas zusammenkneift.
Der Strahlenkranz bildet durch die unterschiedliche Bündelung der Strahlen ein angedeutetes Kreuz und weist damit auch auf den üblichen kreuzförmigen Heiligenschein von anderen Jesusdarstellungen hin.
Was Jan van Eyck symbolisieren wollte, war 500 Jahre unter einer Malschicht verborgen, die von jemandem aufgetragen wurde, der die Genialität der Symbolik van Eycks wohl nicht verstand. Es sollte nie ein gewöhnliches Schaf sein, sondern ein Lamm, aus dem uns Jesus anschaut, um sein Opfer zu erkennen.

Bild: „Das mystische Lamm“: links vor und rechts nach der Restaurierung. Quelle: „The Adoration of the Mystic Lamb“, Closer to Van Eyck, KIK/IRPA, Brussels. © KIK-IRPA, Brussels.
Die Restaurierung seit 15 Jahren im Spannungsbogen der Deutungshoheit
Wer legt eigentlich fest, was das wahre Aussehen des Altars ist und ob im Extremfall das Meisterwerk überhaupt noch mit viel Geld und vor allem Können erhalten werden kann in der Zukunft?
Zuerst braucht es weiterhin Mehrheiten bei den Entscheidungsträgern, um die notwendigen Gelder für die konservatorische Arbeit aus öffentlichen Mitteln bereitzustellen. Es wäre naiv zu glauben, dass eine sich abzeichnende nichtchristliche Mehrheitsgesellschaft das dann noch ewig unterstützen will.
Die Restaurierung kostete rund 5 Millionen Euro und zusammen mit dem Aufbau der gesicherten und geschützten Präsentation in einem riesigen Glaskasten insgesamt 30 Millionen Euro. Dieser Betrag ist ein gerechtfertigter Beitrag zum Erhalt eines europäischen Kunswerks von Weltrang und das Ergebnis ist atemberaubend.
Das „Königliche Institut für das Kunsterbe“ stellt im Auftrag der Kathedrale St. Bavo das wissenschaftliche und restauratorische Kernteam, das die Malschichten untersucht und mit der Expertenkommission entschieden hat, was spätere Übermalung ist und was originale Van-Eyck-Substanz sein könnte.
Es gab deutliche Spannungen im Restaurationsteam aber auch durch Kunsthistoriker von außen, die sogar einen Stopp der Restaurierung forderten. Denn im Raum stand die Frage, ob man alte Übermalungen entfernen soll, wenn darunter möglicherweise Originalsubstanz liegt oder ob die Übermalung selbst kunsthistorisch bedeutsam und erhaltenswert ist.
Beim Lamm gewann die Restaurierungsphilosophie „Zurück zu Van Eyck“. Die Übermalung ist zumindest digital erhalten worden.
Die Restaurierung wurde trotz Kontroverse weitergeführt, aber mit stärkerer Dokumentation, Expertenaufsicht und öffentlicher Transparenz. Damit nahm man die Kritik auch ernst.
Und die entstandenen hochauflösenden Scans des Altars ermöglichen es uns allen heute, bis in den Millimeterbereich in die Großartigkeit des Altars digital hineinzuzoomen und dabei die Bilder vor und nach der Restaurierung nebeneinander im direkten Vergleich zu sehen.
Sich ändernder Zeiten
Im Belgischen Flandern erstarken konservative Parteien und Kräfte, die stärker auf nationale Identität setzen, ohne Menschen, die innerhalb von gesellschaftlichen Regeln dazugehören wollen, auszugrenzen.
Der Genter Altar ist zusammen mit dem Aufwand für seine Konservierung ein Beispiel dafür, wie wichtig uns auch in digitalen Zeiten das Erhalten unserer analogen kulturellen Wurzeln in Europa sein muss.
Ja, Zeiten ändern sich und Gesellschaften ändern sich. Aber es ist an uns, für notwendige Mehrheiten zu sorgen, damit nirgends wieder Bilderstürmer als Ikonoklasten Kunst zerstören, um damit Identität und Geschichte auszulöschen. Noch haben wir die Wahl.
https://closertovaneyck.kikirpa.be/ghentaltarpiece
Lamgods open – File:Retable de l’Agneau mystique.jpg – Wikimedia Commons
