Der Iran-Krieg hat einen der schwersten Energieschocks in Jahrzehnten ausgelöst. Die fünfteilige Serie des Autors Shoumjit Banerjee beleuchtet entscheidende historische Momente, in denen Turbulenzen der Energiewelt den Verlauf der Geopolitik beeinflusst haben. Banerjee ist ein geschichtlich und kulturhistorisch außergewöhnlich versierter indischer Journalist, dessen Texte in „The Perfect Voice“ (Mumbai) erscheinen. Wir danken ihm für die freundliche Genehmigung zur Übersetzung und Abdruck.
Ölfässer und Macht – Teil 4
Da der eskalierende Konflikt zwischen Iran, den USA und Israel kein Ende nimmt und Störungen rund um die Straße von Hormus – die Lebensader für fast ein Fünftel der weltweiten Versorgung – die Märkte weiterhin erschüttern, ist die Diskussion um Ölpreise von 200 Dollar zu einer Sorge in den Vorstandsetagen geworden.
Das aktuelle Szenario reflektiert fast spiegelbildlich die Ereignisse vom Oktober 1973 wider, als sich ein regionaler Krieg im Nahen Osten zu einer globalen Energiekrise auswuchs und die Ölhierarchie tiefgreifend veränderte.
Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren laut dem Historiker und Energieexperten Daniel Yergin die Epoche des „Kohlenwasserstoff-Menschen“. Zwischen 1949 und 1972 stieg der weltweite Energieverbrauch um mehr als das Dreifache, die Nachfrage an Öl um mehr als das Fünffache. Nirgendwo war das klarer abzulesen als in den Industrieländern. In Amerika verdreifachte sich der Ölverbrauch, während sich der Bedarf Westeuropas verfünfzehnfachte. Japans Hunger nach Öl stieg um das erstaunliche 137-Fache.
Der wachsende Wohlstand brachte eine Konsumrevolution mit sich. In seinem Werk „The Prize“ (1990) stellt Yergin fest, dass die Zahl der Fahrzeuge in Amerika von 45 Millionen in den späten 1940ern auf atemberaubende 119 Millionen Anfang der 1970er Jahre kletterte.
Falsche Selbstzufriedenheit
All dies finanzierte billiges Öl. Es trieb nicht nur Industrien an, sondern auch den zunehmend energieintensiveren klimatisierten und motorisierten Lebensstil, und da es reichlich billiges Öl gab, betrachteten viele Amerikaner dies als ihr Geburtsrecht. Selbst geopolitische Schocks konnten diese Selbstgewissheit nicht erschüttern. Denn das arabische Embargo, das auf den Sechstagekrieg von 1967 folgte, erwies sich als weitgehend wirkungslos. Tatsächlich waren die größten Verlierer die Produzenten selbst, die Einnahmen einbüßten, ohne politisch etwas zu gewinnen. Für viele im Westen nährte das die Illusion, dass ihre üppige Ölversorgung vom Weltgeschehen abgekoppelt und gesichert sei.
Anfang der 1970er Jahre begann dieser Trugschluss jedoch zu bröckeln. Die Nachfrage holte das Angebot ein. Das schmälerte den Überschuss, der zwei Jahrzehnte lang bestanden hatte. Den USA, die weltweit als Ausgleichsproduzent fungierten, gingen die Reservekapazitäten aus.
Gleichzeitig nahmen die Spannungen zu, da die Ölexporteure im Nahen Osten zunehmend selbstbewusster auftraten und einen größeren Anteil an den Einnahmen forderten. Angeführt von radikaleren Mitgliedern wie Libyen und dem Irak drängten sie darauf, die Spielregeln zu ändern. Im September 1973 übernahm Libyen unter Muammar al-Gaddafi die Mehrheitskontrolle über die verbleibenden ausländischen Betriebe, in der Zuversicht, dass der angespannte Markt seine Produktion aufsaugen werde.
Anwar Sadat
Das geopolitische Umfeld war ähnlich explosiv. Nach dem Tod von Gamal Abdel Nasser hatte Anwar Sadat ein geschwächtes Ägypten geerbt, das wirtschaftlich angeschlagen und militärisch überfordert war. Um den Nationalstolz wiederherzustellen und das militärische Patt zu durchbrechen, kam Sadat zu dem verhängnisvollen Schluss, dass er Israel angreifen müsse. Nachdem er seine Macht im Inneren gefestigt und Nassers sowjetische Berater ausgewiesen hatte, bereitete er sich gemeinsam mit dem Syrer Hafez al-Assad auf den Krieg vor. Entscheidend dabei war, dass er sich die Unterstützung von Saudi-Arabiens König Faisal sicherte und damit das saudische Öl in seine strategischen Überlegungen einbezog.
Der ägyptisch-syrische Angriff erfolgte am 6. Oktober 1973, am Jom-Kippur-Tag, und überraschte die Israelis. Ägyptische und syrische Streitkräfte koordinierten ihre Angriffe von Norden und Südwesten. Damit lösten sie den heftigsten arabisch-israelischen Konflikt seit 1948 aus. Doch ihre wirkungsvollste Waffe kam nicht auf dem Schlachtfeld zum Einsatz. Es war das Öl. Durch gezielte Produktionskürzungen und Embargos setzten die arabischen Produzenten den Rohstoff als Druckmittel ein und verwandelten so einen regionalen Krieg in eine globale Wirtschaftskrise. Das, so stellte Henry Kissinger später fest, habe die Nachkriegsordnung unwiderruflich verändert.
Der neuralgische Zeitpunkt war entscheidend. Zum ersten Mal war der Ölmarkt angespannt, anfällig für Störungen und stark vom Nahen Osten abhängig. Schon vor der Krise von 1973 drohte eine Verknappung. Der Ölpreis zog an. Amerika hatte Importquoten abgeschafft, da die heimische Produktion die Nachfrage nicht mehr decken konnte. Unabhängige Raffinerien kämpften um Lieferungen. Das alte System stand kurz vor dem Zusammenbruch.
König Faisal und das saudische Kalkül
Seit den 1950er Jahren kokettierten arabische Führer mit der Idee, ihre „Ölwaffe“ gegen Israel und dessen westliche Unterstützer einzusetzen. Doch solange Amerika noch über Reserven verfügte, fehlte der Waffe die Schlagkraft. Jahrelang blieb sie daher eher Rhetorik.
Anfang der 1970er Jahre begannen dann sich die Machtverhältnisse umzukehren. Die USA hatten volle Produktionskapazität erreicht. Ihr Potenzial, die Märkte zu stabilisieren, schwand. An die Stelle der Amerikaner traten die Saudis als neuer Swing-Produzent. Plötzlich war das Öl aus dem Golf unverzichtbar, und damit wurde es auch erstmals zu einer politisch scharfen Waffe mit realer Kraft.
Dennoch zögerte Faisal trotz Sadats Drängen zunächst, davon Gebrauch zu machen. Obwohl er Israel zutiefst feindlich gesonnen war, hielt er Embargos nach der Erfahrung von 1967 für so sinnlos wie gefährlich, zumal sowohl die Sicherheit wie der Wohlstand Saudi-Arabiens von den Vereinigten Staaten abhing. Es erschien ihm unklug, Washington zu verärgern, besonders angesichts des Ausbreitens radikaler und oft marxistischer Bewegungen in der arabischen Welt, die Monarchien wie die seine bedrohten.
Schließlich änderte die Konvergenz von Märkten und Politik sein Kalkül. Als die Ölnachfrage stieg, kletterten auch die Preise. Saudi-Arabiens Anteil an den Exporten stieg steil an und festigte seine Position. Derweil untergruben Währungsabwertungen den Wert der auf Dollar lautenden Reserven, und Produktionskürzungen anderer Länder verknappten das Angebot. Der Markt verstärkte die Macht Saudi-Arabiens.
Zugleich verschob sich die regionale Dynamik. Anders als sein Vorgänger Nasser strebte Sadat keine panarabische Revolution mehr an, sondern wollte Ägypten wiederbeleben. Er pflegte gute Beziehungen zu Riad. Ohne saudische Unterstützung lief Ägypten Gefahr, wieder in Abhängigkeit von der Sowjetunion zurückzufallen. Das wiederum wollte Faisal unbedingt vermeiden. Sadat bedrängte ihn, Öl als strategische Waffe einzusetzen.
Bis 1973 wurden die Signale aus Saudi-Arabien deutlicher. Regierungsvertreter drohten, dass die Saudis ihre Produktion nicht steigern würden, um die westliche Nachfrage zu decken, solange Washington nicht seine Unterstützung für Israel mäßige. Als Sadat im August mit Plänen für seinen Überraschungsangriff nach Riad reiste, erklärte sich Faisal bereit, ihn sowohl finanziell als auch strategisch zu unterstützen.
Versagen der Geheimdienste
Geheimdienstinformationen deuteten auf einen unmittelbar bevorstehenden Angriff hin, und sowjetische Evakuierungen aus Ägypten und Syrien lieferten deutliche Hinweise. Dennoch schätzten sowohl Israel als auch die Vereinigten Staaten die Wahrscheinlichkeit eines Krieges als eher gering ein. Sie glaubten, Sadat sei kein Stratege und bluffe bloß. Frühere Fehlalarme hatten die israelische Wachsamkeit getrübt. Sorgfältig inszenierte Ablenkungsmanöver seitens der Ägypter wiegten sie in falscher Sicherheit.
Sadats Attacke überrumpelte die Israelis. Sie waren erfolgreich in die Irre geführt worden und zunächst völlig überfordert. Anfangs suchte Washington den Konflikt noch einzudämmen. Präsident Richard Nixon und Außenminister Henry Kissinger strebten einen Waffenstillstand an, der den Status quo wiederherstellen sollte, um eine Konfrontation der Supermächte zu vermeiden. Doch die Lage auf dem Schlachtfeld schuf bald ein anderes Bild. Israels Lage war prekärer als erwartet. Der Munitionsvorrat schwand in bedrohlich schnellem Tempo, sodass binnen weniger Tage der Kollaps drohte. Israels Premierministerin Golda Meir appellierte eindringlich an Washington, während der Falke Moshe Dayan warnte: „Der Dritte Tempel geht unter.“
Als die Sowjetunion eine gigantische Luftbrücke nach Ägypten und Syrien einrichtete, drohte das Gleichgewicht entscheidend zu kippen. Am 11. Oktober kam die US-Führung zu dem Schluss, dass Israel ohne ihre sofortige Intervention verlieren könne. Also installierten auch sie eine massive Luftbrücke zur Unterstützung Israels. Für die arabischen Führer war die Botschaft eindeutig: Washington stellte sich klar auf die Seite Israels.
Auf dem Schlachtfeld stabilisierte die IDF die Front und ging alsbald zum Gegenangriff über.
Fast zeitgleich spielte sich weit entfernt vom Schlachtgetümmel in Kuwait ein anderes Drama ab: Bei einem Treffen am 16. Oktober beschlossen die Golfstaaten, den Ölpreis einseitig um 70 Prozent zu erhöhen. Damit beanspruchten sie erstmals die volle Kontrolle über die Preisgestaltung. Der Wandel war historisch: Die Macht ging endgültig von den Käufern an die Verkäufer über.
Alle amerikanischen Zusicherungen, einen Waffenstillstand anzustreben, glichen die Folgen der sichtbaren militärischen Unterstützung für Israel nicht aus. Am 19. Oktober kündigte Präsident Richard Nixon ein umfangreiches Hilfspaket an. Binnen Stunden begannen die Golfstaaten, die USA nun direkt ins Visier zu nehmen. Bis zum 20. Oktober verhängten Saudi-Arabien und andere Golfstaaten ein Embargo für Öllieferungen an die USA. Durch die Krise eines angespannten Marktes wurde ihre Ölwaffe, die in Zeiten des Überflusses stets stumpf geblieben war, plötzlich scharf. Damit war die Nachkriegsordnung im Erdölsektor endgültig tot.
Innerstaatlicher Skandal
Während im Nahen Osten Krieg tobte und die Ölkrise eskalierte, wurden die USA von einem innenpolitischen Drama gebeutelt. Was Nixon zunächst als einen geringfügigen Einbruch im Watergate-Hotel abgetan hatte, artete zu einem abgründigen Skandal aus, der seine gesamte Präsidentschaft zerstörte. Die Auswirkungen waren surreal: In eben den Tagen, als Israel am Abgrund stand, war Washington mit dem Rücktritt von Vizepräsident Spiro Agnew und der Ernennung von Gerald Ford zu seinem Nachfolger beschäftigt. In einem Moment globaler Krise untergruben innenpolitische Turbulenzen die amerikanische Führungsrolle.
Nixons angeschlagene Glaubwürdigkeit schwächte Amerikas Fähigkeit, mit Verbündeten, Gegnern und Ölproduzenten gleichermaßen umzugehen. Für ausländische Hauptstädte war das Spektakel um Watergate extrem verwirrend, auch wenn es den Verlauf des geopolitischen Karussells prägte. Die Autorität ging auf Henry Kissinger über, der in seiner Doppelrolle als nationaler Sicherheitsberater und Außenminister zum wichtigsten Entscheidungsträger wurde. Unterdessen bekundete Kissinger zwar, wenig Verständnis für das Wesen der Ware selbst zu haben, erfasste jedoch sehr wohl deren strategisches Gewicht. In den kommenden Monaten sollte er eine zentrale Rolle bei der Eindämmung der Krise spielen.
Weltweite Panik
Die letzten Monate des Jahres 1973 boten ein nahezu perfektes Rezept für Panik, ausgelöst durch den Jom-Kippur-Krieg. Unternehmen und Verbraucher überschlugen sich gleichermaßen, um Ölvorräte zu sichern, nicht nur für den unmittelbaren Gebrauch, sondern auch, um sich für eine unsichere Zukunft einzudecken. Ihre Panikkäufe wirkten wie ein Brandbeschleuniger, der die Preise immer weiter in die Höhe trieb. Die Krise griff rasch von den Märkten aufs tägliche Leben über. Öl, das kurz zuvor noch für wenige Dollar pro Barrel verkauft worden war, erzielte plötzlich um das Drei- bis Vierfache. Von 5,40 Dollar pro Barrel im Oktober stieg der Ölpreis binnen weniger Wochen auf über 17 Dollar. In Extremfällen erreichten die Gebote über 22 Dollar – eine Versechsfachung.
Doch die Schockwellen breiteten sich weit über die Vereinigten Staaten hinaus aus und erschütterten die Grundfesten des Nachkriegswohlstands. Politische Entscheidungsträger befürchteten eine toxische Mischung aus Inflation, Stagnation und Währungsturbulenzen. Für die Entwicklungsländer verdüsterten sich die Aussichten drastisch.
In den USA reichte der Schock tiefer. Warteschlangen vor Tankstellen wurden zum prägenden Bild der Krise von 1973: Wartende Autos standen kilometerweit, Tankstellen liefen leer; einer Gesellschaft, die so an Überfluss gewöhnt war, dass sie angesichts der plötzlichen Knappheit fast zusammenzubrechen schien, wurden Rationierungen auferlegt.
Auch in Europa und Japan war der psychologische Schlag unmittelbar. Erinnerungen an die Entbehrungen der Nachkriegszeit tauchten wieder auf. Regierungen bemühten sich verzweifelt, die schwindenden Vorräte zu verteilen; Industriebetriebe bombardierten Ministerien mit Bitten um Treibstoff. In Japan schlug die Angst in regelrechte Panikkäufe um, wobei Haushalte Alltagsgüter horteten – in Szenen, die an frühere Jahrzehnte der Knappheit erinnerten.
Für die Industrieländer warf die Krise weitaus existenziellere Fragen auf. Wenn billige Energie der Kitt ihrer sozialen Stabilität war, was konnte sie ersetzen? Würden wirtschaftliche Krisen die politischen Brüche früherer Zeiten wieder heraufbeschwören?
Ein halbes Jahrhundert später spukt das Schreckensgespenst von 1973 noch immer durch die Energieordnung der Welt.
