Bauch oder Leben? 


Von Gastautor Josef Hueber

„Hätte Maria abgetrieben
Wär‘ uns das Christentum erspart geblieben.“

(Eines der unzähligen Plakate, die ein in Eichstätt stadtbekannter
Religions-Hasser an wechselnden Orten anbringt. Der Islam wurde
bisher aus unbekannten Gründen von seiner Kritik ausgeschlossen.)

Man erinnert sich. Der Slogan „Mein Bauch gehört mir“ war keine Erfindung zur Beschreibung von mit Schwangerschaftsbäuchen zum Verwechseln ähnlichen männlichen Bierranzen, deren Träger  auf Volksfesten gerne mal ein paar Liter Hopfengold mehr tranken, als es der Durst befahl.

“Mein Bauch gehört mir“ – das war der von Alice Schwarzer geprägte Kampfruf von Aktivistinnen, die nicht in der Schwangerschaft, sondern in der Beendigung derselben die Verwirklichung von Emanzipation und Selbstbestimmung sahen. Das Kuriose dabei war, dass der sichtbare Bauch, sozusagen das Gefäß, in welchem sich Leben entfaltete, mit dem lebenden Inhalt, dem menschlichen Embryo, gleichgesetzt wurde. Freilich, so klang die Forderung nach „weg damit!“ schon harmloser.

Aufsehen erregend war die Aktion des Magazins Stern „Ich habe abgetrieben“, die mit der Forderung nach einer generellen Freigabe von Abtreibung verbunden war. 374 Frauen, so liest man auf emma.de, bekannten dies anfangs in aller Öffentlichkeit (http://bit.ly/2AJaJoO).

Die Bewegung, die damit ihren Lauf nahm, löste unter Moraltheologen, Medizinern, Philosophen und den für die Gesetzgebung Zuständigen eine umfangreiche Diskussion aus. Der „Knackepunkt“, wie unsere in sprachlichen Dingen häufig unsichere Kanzlerin sagen würde, lief immer wieder auf die Frage hinaus, ob das neu entstandene Leben ein menschliches Leben sei, oder ob es nur als eine Art Zellbündel gelten könne (um nicht von einem Zellhaufen zu sprechen), das erst nach einer bestimmten Frist Anspruch auf das Qualitätssiegel „Mensch“ hatte und somit ein Menschenrecht auf Leben beanspruchen konnte. Verständlicherweise einigten sich deswegen Abtreibungsbefürworter und
-gegner nicht. Die Erkenntnisse der Wissenschaft Biologie, wonach es  sich ab Sekunde 1 wohl um menschliches Leben, d.h. einen Menschen, handelt, war für die Gesetzgebung offensichtlich irrelevant. Denn dann wäre Abtreibung nach moralischer und  juristischer Logik Mord. 

Die Zahl der zugelassenen Kraftfahrzeuge lässt sich ohne einen Unsicherheitsfaktor genau angeben. Bei der Feststellung der vorgenommen Abtreibungen in Deutschland pro Jahr ist man sich in erheblichem Umfang unsicher. Man liest von einer Zahl zwischen 50.000 und 100.000. Ärzte, die sich in dem Geschäft des Wegmachens  gut auskennen, sprechen von Dunkelziffern, die wohl höher liegen dürften. „Auf 30 Millionen Abtreibungen im Jahr weltweit schätzte die UNO noch Mitte der 60er Jahre die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche“ lesen wir auf A. Schwarzers Homepage. Da sieht die deutsche Quote doch recht harmlos aus.

 

Ohne moraltheologische Überlegungen als allgemein verbindlich vorauszusetzen, verdienen es die Befürworter der Bedenkenlosigkeit von Abtreibungen dennoch, nach der inneren Logik ihrer Argumentation hinterfragt zu werden. Hier fällt nun eine recht merkwürdige Kausalität ins Auge.

Ursula Ott, die Chefredakteurin des evangelischen Monatsmagazins „chrismon“ , geprägt von christlichem Selbstverständnis, protestiert gegen den Paragraphen 219a. Danach ist es strafbar, wenn jemand, sozusagen als Serviceleistung mit Gewinnabsicht, “ Dienste zur Vornahme eines Schwangerschaftsabbruchs (…) anbietet, ankündigt oder anpreist“. Also: Keine straffreie Werbung für ausgebildete und nach Profit strebenden Abtreibungs-Experten. Anlass war das Gerichtsurteil gegen die Frauenärztin Kristina Hänel aus Gießen, weil sie für ihre Abtreibungs-Tätigkeit geworben hatte. Chrismons Chefin sieht in dem Urteil einen „Skandal“, weil „übelste Sexismen“im Netz straffrei, aber ein sorgfältiger und verantwortungsvoller Umgang mit dem “ weiblichen Körper“, d.h. eine professionelle Tötung eines Embryos, bestraft werde (http://bit.ly/2CVKJvu). Interessanterweise sind fast 80% der Teilnehmer an einer Chrismon-Umfrage GEGEN die Abschaffung des Paragraphen. Die Chefetage zeigt sich hier offensichtlich in einer nicht geringen Distanz zu ihren Lesern. Was dieser Protest mit einer christlichen Ausrichtung zu tun hat, bleibt unklar. Klar bleibt jedoch, dass der (christliche) Kirchensteuerzahler diese Schrift (mit)finanziert.

Vor einigen Tagen hatte ich ein Erlebnis, das in meinen Augen die Antwort auf die Streitfrage zur Abtreibung ist. Meine jüngste Enkelin, 10 Wochen alt, beginnt gerade, die Augen zielgerichtet zu bewegen. Sie liegt am Boden, ich beuge mich über sie. Ich spreche und singe sie an, sie konzentriert sich auf mein Gesicht. Sie öffnet den Mund, gibt das erste bewusste Lächeln von sich und beginnt die erste Kommunikation mit Lauten, die keinen Wortsinn, aber in der Melodie die emotionale Botschaft einer unmissverständlich glücklichen Begegnung signalisieren.

In einem unlängst veröffentlichten Interview gestand Alice Schwarzer, dass sie gerne Großmutter wäre, aber dies nicht möglich sei, da sie ja nie Mutter war.

Vielleicht hat sie, bevor sie den Besitzanspruch auf ihren „Bauch“ anmeldete, nie mit einem Säugling Aug‘ in Auge sein erstes Gespräch geführt?