Was die Tagesschau warum berichtet- Eine Klarstellung

Manchmal haben Texte Wirkung. Nicht immer meldet sich aber gleich ein Intendant:

Sehr geehrte Frau Lengsfeld,

zu dem Eintrag auf Ihrer Internetseite möchte ich Folgendes festhalten:

Das Zitat auf der Internetseite pi-news.net unter der Überschrift „Tagesschau: Keine Berichte mehr über Bluttaten“ stammt nicht von mir, sondern aus einer Antwort des Publikumsservice ARD-aktuell auf die Frage, warum die „Tagesschau“ nicht über die Evakuierung des „Weser Parks“ in Bremen am 27. Juli 2016 berichtet habe.

Ich habe mir die Antwort des Publikumsservice, die ich bis dahin nicht kannte, daraufhin angesehen. Sie ist missverständlich und entspricht weder meiner Auffassung noch der journalistischen Praxis im NDR. Selbstverständlich berichtet die „Tagesschau“ angemessen und ausgewogen über alle relevanten aktuellen Ereignisse. Auf meine Bitte hin erfolgte eine nochmalige Prüfung der Antwort und eine Klarstellung durch die Redaktion. Die Stellungnahme von ARD-aktuell füge ich Ihnen bei.

Mit freundlichen Grüßen

Lutz Marmor

Intendant des Norddeutschen Rundfunks


Stellungnahme der Redaktion

ARD-aktuell erreichen täglich im Durchschnitt mehrere hundert E-Mails zu unseren Programmangeboten. Diese werden vom Publikumsservice der Redaktion beantwortet. ARD-aktuell bedauert, dass die Antwort vom 15.08.2016 zu Missverständnissen geführt hat, und stellt klar:
Die Redaktion enthält den Menschen keine Informationen vor oder verschweigt sie aus falsch verstandener Rücksicht auf die Zuschauerinnen und Zuschauer. Sollte dies der Antwortbrief nahegelegt haben, so bedauert ARD-aktuell diese fehlerhafte Formulierung. ARD-aktuell hat über die Terrorgefahr sowie über Terroranschläge in Europa – und natürlich auch in Deutschland – umfassend, angemessen und verantwortungsvoll berichtet. Die Redaktion ist bei der journalistischen Bewertung insbesondere angewiesen auf die Einschätzung der Gefährdungslage durch Sicherheitsbehörden. Die Suche der Polizei nach einem Algerier, der aus der Psychiatrie Bassum entwichen war, wurde von der Polizei ausdrücklich nicht als „Anti-Terror-Einsatz“ bezeichnet. Weitere Details können der Pressemitteilung der Bremer Polizei entnommen werden:
http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/68439/3390042 ARD-aktuell hat den Fall richtig gewichtet. Auf tagesschau.de wurde über ihn berichtet und zusätzlich in der Meldung auf radiobremen verlinkt: http://www.radiobremen.de/nachrichten/gesellschaft/polizeieinsatz148.html Aufgabe der „Tagesschau“ ist es, Ereignisse nach den Kriterien der Aktualität und Relevanz einzuschätzen und zu berichten. Die Räumung eines Einkaufszentrums in Bremen im Rahmen der Suchaktion fand also aufgrund einer journalistischen Beurteilung und nicht aufgrund einer wie auch immer gearteten Zensur nicht in der „Tagesschau“ statt. Kritik an der Programmentscheidung nehmen wir ernst. Es gibt bei ARD-aktuell, dies ist klar festzuhalten, keine zurückhaltende Berichterstattung über Terrorakte. Die umfassende Berichterstattung über den Amoklauf in München im Ersten sei als nur ein Beispiel genannt. Wir versuchen jeden Fall aufs Neue auf Basis der verfügbaren Informationen zu bewerten. Vage und unbestätigte Bedrohungen finden insofern nicht automatisch Eingang in die Berichterstattung.
Die Redaktion ARD-aktuell wird auch künftig bei Amokläufen grundsätzlich die Gesichter der Täter unkenntlich machen und die Berichterstattung so gestalten, dass es nicht zu einer Heldeninszenierung und Ikonisierung der Täter kommt. Insofern halten wir in Übereinstimmung mit namhaften Kriminologen und Psychologen eine gewisse Vorsicht beim Umgang mit Bildmaterial für geboten.
Natürlich haben die Gewalttaten der letzten Monate zur Verunsicherung der Bevölkerung beigetragen. Bund und Länder haben auf die Bedrohungslage reagiert. Über die Sicherheitslage in Deutschland und die politische Diskussion hat ARD-aktuell über lange Strecken täglich berichtet. Es gelten hierbei uneingeschränkt die bekannten Nachrichtenkriterien. Berichte über terroristische Anschläge werden sich natürlich weiterhin in unseren Nachrichtenangeboten wiederfinden. Die Zuschauerinnen und Zuschauer können sich dabei weiterhin darauf verlassen, dass die „Tagesschau“ über Amokläufe, Attentate und Anschläge vorurteilsfrei berichtet.

Dr. Kai Gniffke, Erster Chefredakteur ARD-aktuell