Women to go

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Ein geheimnisvoller Tod, acht Frauen und ein Testament, lautet der Untertitel des ersten Romans der Filmemacherin und Autorin Kay Konrad. Der Titel ihres Werks wird sofort verständlich, wenn man liest, dass die Hauptheldinnen, zwei freie Filmemacherinnen, die sich aus guten Gründen von den Öffentlich-Rechtlichen verabschiedet haben, Kaffee in Pappbechern bevorzugen. In allen möglichen und unmöglichen Situationen haben sie einen coffee to go in der Hand. Das Buch handelt von einer ganz besonderen Freundschaft zwischen zwei Frauen, die nach den ungeschriebenen Regeln ihres Berufs Konkurrentinnen sein müssten, sich statt dessen gegenseitig unterstützen. Beide eint, dass sie den inzwischen leider üblich gewordenen Haltungsjournalismus ablehnen.

Insofern liest sich das Buch wie eine Illustration zu dem kürzlichen veröffentlichten „Manifest für einen neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ in dem die 130 Unterzeichner mehr Meinungsvielfalt von ARD, ZDF und Deutschlandradio fordern. Im Roman wird beschrieben, wie der Redaktionschef fordert, dass gestrandete Wale an der dänischen Küste Opfer des Klimawandels und der Meeresverschmutzung zu sein haben, obwohl sie von Schiffsschrauben getötet wurden. Oder eine afghanische Frau, die nach zehn Jahren in Deutschland immer noch kaum Deutsch spricht und in der Wohnung mit ihren Töchtern auf dem Fußboden sitzen muss, weil nur der Ehemann und die Söhne aufs Sofa dürfen, als Beispiel für gelungene Integration porträtiert werden soll. Toni und Fanny, so heißen die Freundinnen, verweigern sich diesen Zumutungen.

Ihre Freundschaft hält auch die Trennung aus, die sich ergibt, nachdem Toni nach Neuseeland ausgewandert ist. Allerdings hören sie jetzt seltener voneinander. Als Toni durch eine Hamburger Rechtsanwaltskanzlei vom Tod ihrer Freundin unterrichtet wird, will sie das nicht glauben. Sie kommt zu dem Schluss, dass Fanny, die zuletzt Filme über Israel und seine feindlichen Nachbarn gemacht hat, in den Hinterhalt der Hamas geraten sein muss, weil sie in ihren Filmen für die Israelis Partei nahm. Sie reist nach Hamburg, um der Sache auf den Grund zu gehen.

In der Rechtsanwaltskanzlei trifft sie zunächst keine Anwälte, sondern sieben Frauen, die sie nicht kennt. Weil sich das Warten auf die Anwälte in die Länge zieht, beginnen die Anwesenden, sich zu erzählen, was sie mit Fanny verbunden hat. Was eine Mörderin, eine Zahnärztin, eine Christin, eine Café-Besitzerin, eine Psychotherapeutin, eine Hinterbliebene eines Flugzeugabsturzes und ein Holocaust-Überlebende gemeinsam haben, wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur ein beeindruckendes Detail aus dem Leben von Rachel: Die Ungarin saß im letzten Zug von Budapest nach Auschwitz, der aber nicht ins Lager gelassen wurde, weil die Insassen nicht auf der Liste standen. Wer nicht auf der Liste stand, wurde nicht vergast. Der Zug musste Ausschwitz verlassen. Das ist tatsächlich passiert, auch wenn man es kaum glauben mag. Konrad hat mehrere solcher unglaublichen Geschichten, die das Leben schrieb, zusammengetragen. Das macht das Buch so authentisch. Wenn die hippelige Hauptheldin Toni weniger nervige Angewohnheiten hätte, wäre es noch lesenswerter.

Kay Konrad: Women to go

 



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