Ulrich Schacht: Im Schnee treiben

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Von Gastautor Helmut Roewer

Es handelt sich hier um einen Aufsatzsammelband des verstorbenen Journalisten Ulrich Schacht. Ein solches Buch muss es sich gefallen lassen, dass man in die Beiträge hineinließt, um herauszufinden, was einem lesenswert erscheint und was nicht. In diesem Fall hätte ich fast nach wenigen Minuten aufgegeben, denn der von mir willkürlich angelesene Aufsatz begann derartig verschroben, dass ich keinen Anlass sah, mich weiter ärgern zu lassen (Eichendorff, Ungaretti oder Der Blick über die Grenze, S. 98):

Am Ende seines Lebens sehen wir den ein Jahr vor Ausbruch der französischen Revolution von 1789 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor geborenen Dichter, Ex-Offizier der Lützowschen Jäger im anti-napoleonischen Befreiungskrieg und preußischen Staatsbeamten Josef Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff in jenem Zeitalter angekommen, in dem auch das Portrait als Kunstwerk nicht mehr nur potentielle Vorlage, manueller Kopie, sondern wie Walter Benjamin in seinem berühm-ten Essay aus dem Jahre 1936 entwickelte: Objekt „technischer Reproduzierbarkeit“ geworden ist.

Was bedeutet das? Was soll das? Wer liest so was? Wenn dann im selben Aufsatz ein Gedicht von Eichendorff wie folgt zitiert wird…

Es war als hätt der Himmel/die Erde still ge-

küsst,/Dass sie im Blütenschimmer/von ihm nun

träumen müsst. //Die Luft ging durch die Fel-

der, /Die Ähren wogten sacht,/Es rauschten leis

die Wälder,/so sternklar war die Nacht.// Und

meine Seele spannte/Weit ihre Flügel aus,/Flog

durch die stillen Lande,/ als flöge sie nach Haus.

…ja, da ist man baff. Es handelt sich hier nach dem Subtitel des Buches um poetisches Weltverständnis. So skurril sah ich Eichendorff selbst von seinen Feinden nicht verhunzt. Erwähnen will ich immerhin, dass ich zum Regal geeilt bin, und zwei Abende lang Eichendorff gelesen habe. Aus dem Leben eines Taugenichts wird mir einfach nicht langweilig, andere Erzählungen las ich zum ersten Mal.

Da ich mir lange schon abgewöhnt habe, Verrisse mehr zu schreiben, muss der Grund für diese Rezension ein anderer sein. Und richtig: Ich habe in dem Buch nach Überwindung des Ärgers etliche Goldkörner gefunden. Denn immer wenn der Autor seinen Hang zu selbstverliebten Belesenheitsnachweis abstreift und vom Feuilleton zur Reportage übergeht, wird der Leser belohnt. Mir haben es die beiden Nordlandexpeditionen Schachts nach Spitzbergen und nach Franz-Josef-Land angetan. Mein Lieblingsstück ist indessen seine Beschreibung Dresdens, wo er ein Jahr lang ein Stipendium als Stadtschreiber auslebte. Allein sein früher Besuch im dortigen Antiquariat Bücherscheune ist ein Kleinod. Das ist Reportage pur – man blickt Schacht über die Schulter.

Ulrich Schacht: Im Schnee treiben. Essays zum poetischen Weltverständnis. Dresden, Edition Buchhaus Loschwitz, 2021, 262 Seiten, 18 €.

 

 



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