Teheran, 1953: Der Putsch, der die Ölpolitik veränderte

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

Von Shoumojit Banerjee

Der Iran-Krieg hat einen der schwersten Energieschocks in Jahrzehnten ausgelöst. Die fünfteilige Serie des Autors Shoumjit Banerjee beleuchtet entscheidende historische Momente, in denen Turbulenzen der Energiewelt den Verlauf der Geopolitik beeinflusst haben. Banerjee ist ein geschichtlich und kulturhistorisch außergewöhnlich versierter indischer Journalist, dessen Texte in ‚The Perfect Voice‘ (Mumbai) erscheinen. Wir danken ihm für freundliche die Genehmigung zu Übersetzung und Abdruck.

Ölfässer und Macht – Teil 2

Der Staatsstreich, der den Schah wieder an die Macht brachte, verfestigte zugleich ein Erbe aus Ölpolitik und ausländischer Einmischung, das den Iran bis heute überschattet.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Persien ein im Niedergang begriffen, regiert vom alternden Kadscharen-Monarchen Mozaffar al-Din Schah Kadschar. Das Land verfügte kaum über Industrie, eine schwächelnde Staatskasse und eine Regierung, die zum Erzielen von Einnahmen zunehmend auf ausländische Konzessionen angewiesen war. Unter seinen Wüsten jedoch lag eines der größten Ölvorkommen der Welt – ein Vermögenswert, der die Aufmerksamkeit der Großmächte wecken und Persien in einen zentralen Schauplatz der globalen Energiepolitik verwandeln sollte.

William Knox D’Arcy

Die Geschichte begann 1901, als der Schah dem britischen Finanzier William Knox D’Arcy eine außergewöhnliche Konzession zur Ölförderung in weiten Teilen des Landes gewährte. D’Arcys Wagnis wäre nach Jahren kostspieliger Bohrungen in abgelegenem Gelände beinahe gescheitert. Erst 1908 war das Unterfangen von Erfolg gekrönt, als im Südwesten Persiens endlich Öl gefunden wurde. Das führte zur Gründung der Anglo-Persian Oil Company, aus der später die Anglo-Iranian und schließlich der moderne Energieriese BP hervorging.

Kronjuwel

Ihr Kronjuwel war die weitläufige Raffinerie in Abadan, die sich bis in die 1930er Jahre zur größten Raffinerie der Welt entwickelte, Zehntausende von Arbeitern beschäftigte und Rohöl verarbeitete, das Schiffe, Fabriken und Militärflugzeuge im gesamten Britischen Empire antrieb.

Die Raffinerie war so riesig, dass sie als Firmenstadt fungierte, komplett mit getrennten Wohnvierteln, die die Ungleichheiten zwischen ausländischen Managern und iranischen Arbeitern deutlich machten.

Im Jahr 1914, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, übernahm die britische Regierung eine Mehrheitsbeteiligung an der Anglo-Persian Oil Company, um die Treibstoffversorgung der Royal Navy sicherzustellen, die von Kohle auf Öl umstellte. Diese Entscheidung band die britische Imperialmacht faktisch an das persische Öl. Von diesem Zeitpunkt an waren das Schicksal des Unternehmens und die Geopolitik des Nahen Ostens untrennbar miteinander verwoben.

Unterdessen trat Persien selbst in eine neue politische Ära ein. 1925 ergriff der ehrgeizige Offizier Reza Schah Pahlavi die Macht, beendete die Kadscharen-Dynastie und leitete ein Modernisierungsprogramm ein, das auch die Neuverhandlung der Bedingungen für die Tätigkeit ausländischer Unternehmen in den iranischen Ölfeldern umfasste.

Anfang der 1950er Jahre machte das iranische Öl etwa 40 Prozent der Produktion im Nahen Osten aus. Doch der durch dieses riesige Unternehmen geschaffene Wohlstand wurde ungleich verteilt. Für viele Iraner war die Anglo-Iranian Oil Company ein Symbol für ausländische Vorherrschaft und wirtschaftliche Ungerechtigkeit. Obwohl der Iran Lizenzgebühren und einen Anteil an den Gewinnen erhielt, argumentierten nationalistische Politiker, das werde Land ausgebeutet und seine Reichtümer kämen nur ausländischen Aktionäre zugute.

Während des Zweiten Weltkriegs blieb der Iran weitgehend im strategischen Einflussbereich Großbritanniens. Doch als sich der Kalte Krieg verschärfte, begann Washington, den Iran als entscheidende Front im Kampf gegen die sowjetische Expansion zu betrachten. Stalin hatte bereits während des Krieges den Norden des Iran besetzen lassen, und die USA befürchteten, dass das schwache und instabile Land unter den Einfluss Moskaus geraten könnte.

Wegweisendes Abkommen

In Washington war man zudem zunehmend der Ansicht, dass der Iran einen größeren Anteil an seinem Erdölreichtum verdiene. Der amerikanische Diplomat George McGhee, der gerade ein wegweisendes Abkommen über eine fifty-fifty-Gewinnbeteiligung zwischen Saudi-Arabien und dem von den USA unterstützten Konsortium Saudi Aramco aushandelte, argumentierte, dass die bestehenden Vereinbarungen mit Iran veraltet und politisch gefährlich seien.

In Nachkriegs-London war die Stimmung weit weniger entgegenkommend.

Der mächtige Vorsitzende der Anglo-Iranian Oil Company, William Fraser, widersetzte sich dem Druck, das Abkommen des Unternehmens mit Teheran zu überarbeiten. Als harter, kompromissloser Manager erklärte Fraser die bestehenden Bedingungen für fair, weil er fürchtete, dass jegliche Zugeständnisse weitere Forderungen schüren würden. Derweil rangen in der britischen Regierung hochrangige Beamte wie Außenminister Ernest Bevin und später Anthony Eden darum, die diplomatischen Realität mit der strategischen Rolle des iranischen Öls für die fragile britische Nachkriegswirtschaft in Einklang zu bringen.

1950 löste das Abkommen mit den Saudis in der gesamten Öl-produzierenden Welt große Erwartungen aus. Wenn Saudi-Arabien die Hälfte der Gewinne aus seinem Öl beanspruchen könne, fragten iranische Nationalisten, warum sollte ihr Land dann weniger akzeptieren? Die Debatte schlug hohe Wellen. In Teheran betrachten Kritiker der Anglo-Iranian Oil Company die bestehende Vereinbarung zunehmend als Relikt imperialer Privilegien.

Das politische Klima wurde immer explosiver. Premierminister Ali Razmara, ein umstrittener Militäroffizier, lehnte die Verstaatlichung der Ölindustrie ab. Er argumentierte, dem Iran fehle das technische Know-how, um ein so komplexes Unternehmen zu führen. Seine Warnungen erwiesen sich als politisch fatal. Im März 1951 wurde Razmara, als er sich einer Moschee in Teheran näherte, von einem religiösen Extremisten ermordet. Sein Tod beseitigte das letzte große Hindernis für einen radikalen Politikwechsel.

Innerhalb weniger Wochen stimmte das iranische Parlament für die Verstaatlichung der Ölindustrie. Im Mittelpunkt stand der charismatische und exzentrische nationalistische Führer Mohammad Mossadegh. Von der Geburt her ein Aristokrat, war Mossadegh politisch ein Populist, der lange gegen ausländischen Einfluss im Iran gekämpft hatte. Er entwickelte sich rasch zum Helden der Verstaatlichungsbewegung.

Bald darauf folgte das Verstaatlichungsgesetz, das Großbritannien einen schweren Schlag versetzte. Abadan war nicht nur die größte Raffinerie der Welt, sondern auch ein Eckpfeiler der britischen Energieversorgung und finanziellen Stabilität. Doch London hatte wenig Optionen.

Unterdessen stieg Mossadeghs Popularität im eigenen Land sprunghaft an. Für Millionen Iraner hatte er einen historischen Akt der nationalen Befreiung vollbracht. Selbst als sich die wirtschaftliche Lage des Landes verschlechterte, die Ölexporte einbrachen und die Staatseinnahmen sanken, sahen viele Anhänger dieses Opfer als notwendig an, um die Souveränität des Iran zurückzugewinnen. Mossadegh selbst erklärte, das Öl könne auf unbestimmte Zeit im Boden bleiben, wenn dies der Preis für die Unabhängigkeit sei.

Hohe Einsätze

Doch die Krise veränderte die iranische Innenpolitik. Um an der Macht zu bleiben, stützte Mossadegh sich zunehmend auf die Mobilisierung der Massen, und nutzte das Radio, um seine Anhänger auf die Straße zu rufen.

Der Schah fühlte sich durch diese Ereignisse zunehmend an den Rand gedrängt. Obwohl er weiterhin der Monarch des Landes war, lag die tatsächliche Macht bei dem charismatischen Mossadegh und der ihn unterstützenden nationalistischen Bewegung.

Gleichzeitig wurden die geopolitischen Karten neu gemischt. Als Nordkorea im Juni 1950 in Südkorea einmarschierte, verwandelte sich der Kalten Krieg in einen offenen militärischen Schlagabtausch. Der Einsatz schoss in die Höhe. Westliche Politiker betrachteten die Ölvorkommen des Nahen Ostens nun als unverzichtbar für die globale Sicherheit. Die Möglichkeit, dass der Iran in Richtung Sowjetunion abdriften oder unter den Einfluss der kommunistischen Tudeh-Partei geraten könnte, alarmierte die politischen Entscheidungsträger in Washington und London.

Bis 1952 verschlechterte sich die iranische Wirtschaft rapide. Ohne ausländisches Fachwissen und Märkte wurde die verstaatlichte Ölindustrie ihre Produktion nicht los. Mossadeghs Basis begann zu bröckeln, als sich Konservative, Monarchisten und Teile des Militärs gegen ihn zu verbünden begannen.

Im Sommer 1953 beschlossen die Vereinigten Staaten und Großbritannien, heimlich einzugreifen. Die Operation mit dem Codenamen Ajax wurde gemeinsam von der CIA und dem britischen Geheimdienst organisiert. Ihr Einsatzleiter war Kermit Roosevelt, ein Enkel von Theodore Roosevelt, der im Juli 1953 heimlich in den Iran einreiste.

Roosevelt stand vor einer gewaltigen Herausforderung. Der Schah selbst war zögerlich und ängstlich. Da er überzeugt war, dass Mossadegh breite Unterstützung in der Bevölkerung genoss, bezweifelte der Monarch die Erfolgsaussichten. Roosevelt gelang es schließlich, ihn heimlich im Palast zu treffen, wobei er sich auf dem Rücksitz eines Autos unter einer Decke versteckte, um nicht entdeckt zu werden. Bei diesem Treffen überzeugte er den Schah, den Plan zu unterstützen.

Der Putsch begann Mitte August mit einem Erlass des Schahs, mit dem Mossadegh seines Amtes enthoben wurde. Doch der erste Versuch scheiterte schnell, als Mossadegh von der Verschwörung erfuhr und den Offizier verhaftete, der ihm den Erlass überbrachte. Regierungsanhänger strömten auf die Straßen, während der Schah zunächst nach Bagdad und dann nach Rom floh. Im Exil glaubte er, seine Herrschaft sei vorbei.

Auch in Washington ging man zunächst davon aus, dass die Operation gescheitert sei. Doch die Ereignisse in Teheran nahmen eine unerwartete Wendung. Am 19. August kam es in der Hauptstadt zu einer pro-Schah-Demonstration. Was als kleine Versammlung begann, wuchs rasch zu einer riesigen Menschenmenge an. Ringer, Gewichtheber und Straßenkünstler marschierten durch die Basare, mobilisierten Anhänger und prangerten Mossadegh an.

Als die Menschenmassen wuchsen, begannen wichtige Militäreinheiten die Seiten zu wechseln. Soldaten, die entsandt worden waren, um die Demonstranten zu zerstreuen, schlossen sich stattdessen ihnen an. Bald hatte sich das Blatt gewendet. Mossadegh flüchtete aus seiner Residenz und kletterte über eine Gartenmauer, während pro-Schah-Truppen die Kontrolle über die Hauptstadt übernahmen.

In Rom erhielt der Schah die Nachricht in einer Hotelsuite, in der er und seine Frau in banger Verbannung gelebt hatten. Ein Reporter einer Nachrichtenagentur eilte herbei und verkündete die Schlagzeile über Mossadeghs Sturz. Der Schah soll blass geworden sein, bevor er erklärte: „Ich wusste, dass sie mich liebten.“

Innerhalb weniger Tage kehrte er triumphierend nach Teheran zurück. Mossadegh wurde verhaftet, und General Fazlollah Zahedi neuer Premierminister.

Das politische Drama hatte tiefgreifende Folgen für die globale Ölindustrie. Obwohl der Schah seinen Thron zurückerobert hatte, konnte das alte, von der Anglo-Iranian Oil Company installierte System nicht einfach wiederhergestellt werden.

Stattdessen schmiedeten westliche Regierungen eine neue Vereinbarung. Ein Konsortium internationaler Ölgesellschaften – amerikanischer, britischer und europäischer – sollte die iranische Erdölindustrie gemeinsam betreiben. Die Anglo-Iranian würde zwar weiterhin beteiligt bleiben, das Unternehmen jedoch nicht mehr dominieren. Amerikanische Unternehmen, die zuvor vom iranischen Öl ausgeschlossen gewesen waren, erhielten nun einen bedeutenden Anteil.

Der Staatsstreich von 1953 zeigte, wie tief das Öl mit der globalen Machtpolitik verflochten war. Für den Iran sollten die Folgen noch Jahrzehnte nachwirken. Viele Iraner sahen den Sturz Mossadeghs als Inbegriff ausländischer Einmischung in die Angelegenheiten ihres Landes. Der dadurch ausgelöste Groll schwelte eine Generation lang unter der Oberfläche, bis er sich in der durch die Mullahs gekaperten Revolution 1979 Bahn brach.



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