Baku, 1901: Die Geburt der Energiegeopolitik

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

Von Shoumojit Banerjee

Ölfässer und Macht – TEIL 1

Der Iran-Krieg hat einen der schwersten Energieschocks in Jahrzehnten ausgelöst. Die fünfteilige Serie des Autors Shoumjit Banerjee beleuchtet entscheidende historische Momente, in denen Turbulenzen der Energiewelt den Verlauf der Geopolitik beeinflusst haben. Banerjee ist ein geschichtlich und kulturhistorisch außergewöhnlich versierter indischer Journalist, dessen Texte in ‚The Perfect Voice‘ (Mumbai) erscheinen. Wir danken ihm für freundliche die Genehmigung zu Übersetzung und Abdruck.

Der Ölboom am Kaspischen Meer zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte erstmals, wie Erdöl Märkte, Imperien und Revolutionen prägen konnte.

Ludvig Nobel

Lange bevor der Persische Golf ins Zentrum der modernen Energiegeopolitik rückte, entstand dessen erste große Bühne im 19. Jahrhundert rund um Baku, wo die Ölfelder der kaspischen Region einen industriellen Boom und einen erbitterten Kampf zwischen Imperien, Finanziers und Ölpionieren auslösten.

Die Konflikte, die man dort um Technologie, Transportwege und Marktbeherrschung austrug, legten die Muster fest, die später die globale Politik des Erdöls bestimmen sollten.

Für einen kurzen Moment konnte Baku in Aserbaidschan mit jeder industriellen Pionierregion der Welt mithalten. Ölfördertürme säumten die Skyline, Raffinerien spuckten Rauch und Vermögen wurden in erstaunlicher Geschwindigkeit gemacht. Um die Wende zum 20. Jahrhundert hatte die Region Pennsylvania überholt und war zur weltweit führenden Ölquelle aufgestiegen.

Joseph Stalin

Öl war in der Region schon seit Jahrhunderten bekannt. Reisende berichteten von geheimnisvollen Flammen, die aus der Erde schossen, wo Erdgas durch Spalten im Gestein entwich. Der venezianische Entdecker Marco Polo hielt fest, dass er von Quellen in der Nähe von Baku gehört habe, die Öl förderten, das zwar ungeeignet zum Kochen war, aber gut brannte und bei der Behandlung von Räude bei Kamelen half.

Doch erst im 19. Jahrhundert, im expandierenden Russischen Reich, erlangte Bakus Öl weltweit Bedeutung. Jahrzehntelang blieb die Industrie klein, eingeschränkt durch ein staatliches Monopol. In den frühen 1870er Jahren dann hob die zaristische Regierung das Monopol auf und öffnete die Region für private Unternehmen. Was folgte, war eine rasante unternehmerische Aktivität, als man handgegrabene Gruben durch Bohrlöcher wurden und Raffinerien aus dem Boden schossen.

Bald war Baku eines der dynamischsten Industriezentren in Eurasien. Investoren aus ganz Europa strömten an die kaspische Grenze, angezogen von der Aussicht auf gigantische Gewinne. Der rasante Ölboom verwandelte Baku in eine kosmopolitische Stadt.

Die Familie Nobel

Zu den Persönlichkeiten, die durch Bakus fieberhaftem Boom angezogen wurden, gehörten auch Mitglieder der bemerkenswerten Familie Nobel. Die Dynastie ist heute vor allem durch Dynamit und für die von Alfred Nobel gestifteten Preise bekannt, doch das industrielle Vermögen der Familie verdankte sich zu einem großen Teil dem Öl.

Die Geschichte begann im Jahr 1873, als Robert Nobel in Baku eintraf, um nach Walnussholz zu suchen, das er für die Herstellung von Gewehrschäften für das russische Militär brauchte. Obwohl er mit Geldern für den Kauf von Holz betraut war, erlag er dem Ölfieber das die Region erfasst hatte, und nutzte das Geld, um eine kleine Raffinerie zu kaufen.

Mit finanzieller Unterstützung seines Bruders Ludvig Nobel modernisierte Robert die Raffinerie und etablierte sich rasch als einer der effizientesten Produzenten in Baku. Im Jahr 1876 erreichten Lieferungen von Nobel-Kerosin St. Petersburg, wo Kerosinlampen die traditionellen Talgkerzen ersetzten und die städtische Beleuchtung revolutionierten.

Ludvig schloss sich bald seinem Bruder an und brachte eine industrielle Vision mit, deren Ausmaß mit dem von John D. Rockefeller vergleichbar war. Unter seiner Führung bauten die Nobels ein integriertes Ölunternehmen auf, das Produktion, Raffination und Transport kontrollierte. Ludvig gab zudem den weltweit ersten Öltanker in Auftrag, um Erdöl sicher über die oft stürmischen Gewässer des Kaspischen Meeres zu transportieren.

Andere Investoren folgten. Bankhäuser wie die Rothschilds stiegen in den Ölhandel von Baku ein, während ein ehrgeiziger Londoner Kaufmann namens Marcus Samuel innovative Tankerrouten entwickelte, um Kerosin vom Kaspischen Meer zu den globalen Märkten zu transportieren. Samuels Unternehmungen sollten später den Grundstein für Royal Dutch Shell legen, einen der Giganten der Erdölindustrie des 20. Jahrhunderts.

Wie der Energieexperte und Historiker Daniel Yergin in seinem Meisterwerk The Prize: The Epic Quest for Oil, Money and Power (1991) schildert, stieg Baku in den 1890er Jahren zum Zentrum eines globalen Energiesystems auf, das das Russische Reich mit Märkten in ganz Europa und Asien verband. Neben Raffinerien entstanden palastartige Villen, und die Stadt erhielt sogar eines der prächtigsten Opernhäuser der Welt – ein ungewöhnliches Symbol kultureller Ambitionen inmitten einer Industrielandschaft aus Bohrtürmen und Pipelines.

Der russische Ölboom

Die rasante Expansion der Ölindustrie in Baku war zu einem Gutteil das Werk Sergei Wittes, der zwischen 1892 bis 1903 als Finanzminister des Russischen Reiches diente und Russlands Industrialisierung vorantrieb. Als Mathematiker hatte er in diversen Eisenbahnverwaltungen gearbeitet und suchte ausländische Investoren für die Industrieentwicklung zu gewinnen. Der Ölsektor profitierte enorm von diesem Kapitalzufluss.

Doch der Wandel legte auch die Schwächen des russischen Staates offen. Das Reich blieb politisch instabil, regiert von Nikolaus II., dessen Hof für Inkompetenz und Realitätsferne berüchtigt war. Die Industrialisierung brachte schwere soziale Spannungen mit sich. Arbeiter in den Ölfeldern lebten in überfüllten Massenunterkünften, getrennt von ihren Familien, und plagten sich unter harten Bedingungen viele Stunden am Tag.

Der wachsende russische Ölhandel alarmierte bald Standard Oil in den Vereinigten Staaten. John D. Rockefellers Imperium, das die globalen Kerosinmärkte dominierte, sah sich plötzlich einem mächtigen neuen Konkurrenten gegenüber, der billigen kaspischen Brennstoff nach Asien und Europa exportierte. Der Kampf zwischen amerikanischen und russischen Ölproduzenten wurde zu einer der ersten echten globalen Rivalitäten unter Energiekonzernen.

Eine Zeit lang schienen die von den Interessen der Nobel- und Rothschild-Familien unterstützten russischen Exporteure in der Lage zu sein, den Griff von Standard Oil auf die Weltmärkte zu brechen. Ihr Kerosin gelangte kostengünstig über das Kaspische Meer und durch das Schwarze Meer nach Europa und Asien und eroberte in den 1890er Jahren bedeutende Marktanteile. Doch die immense Raffineriekapazität, das globale Vertriebsnetz und aggressive Preiskämpfe von Standard Oil stellten letztendlich seine Dominanz wieder her.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts dann eskalierten die sozialen Konflikte im russischen Reich, und der Kaukasus wurde zu einer der unruhigsten Regionen. Insbesondere Baku entwickelte sich zu einem Zentrum revolutionärer Unruhen.

Schmelztiegel der Revolution

Versteckt in den labyrinthartigen Gassen des tatarischen Viertels von Baku befand sich eine geheime Druckerei namens ‚Nina‘. Aus dieser Untergrunddruckerei strömten Tausende von Exemplaren der Iskra, der von Wladimir Lenin herausgegebenen revolutionären Zeitung, und das Vertriebsnetz der Ölindustrie trug unbeabsichtigt dazu bei, revolutionäre Propaganda im ganzen Reich zu verbreiten.

Die Stadt wurde zudem zu einer Ausbildungsstätte für zukünftige bolschewistische Führer. Unter ihnen befand sich ein junger georgischer Revolutionär namens Josef Stalin, der unter den Ölarbeitern tätig war und Streiks und Proteste organisierte. Unter dem Decknamen ‚Koba‘ leitete Stalin die Arbeiteragitation gegen die Interessen ausländischer Ölgesellschaften.

Im Jahr 1903 riefen die Ölarbeiter einen Streik aus, der sich über das gesamte Reich ausbreitete und Russlands ersten Generalstreik auslöste. Die sozialen Unruhen verschärften sich, als ethnische Spannungen in Gewalt ausarteten.

Das zaristische Regime, das darum kämpfte, die innenpolitischen Unruhen einzudämmen, suchte Ablenkung in einem Auslandseinsatz. Im Jahr 1904 zog Russland gegen Japan in den Krieg – ein verheerender Konflikt, der im Mai 1905 mit der dramatischen Niederlage und fast kompletten Zerstörung der russischen Flotte in der Seeschlacht von Tsushima gipfelte – und die Schwäche des imperialen Russland bloßlegte, und unmittelbar zur ersten Russischen Revolution von 1905 führte.

Streiks breiteten sich in ganz Baku aus und legten die Ölindustrie lahm. Es kam zu ethnischer Gewalt zwischen Armeniern und Tataren, Ölanlagen wurden attackiert und in Brand gesetzt.

Die Zerstörung war gigantisch. Ölquellen wurden zerstört. Die Produktion brach zusammen. Flammen brennender Bohrtürme und explodierende Lagertanks füllten den Himmel mit Rauch. Ein Augenzeuge verglich die Szene mit den letzten Tagen von Pompeji.

Zum ersten Mal in der modernen Geschichte unterbrachen politische Umbrüche die globale Energieversorgung. Die Folgen waren weit über den Kaukasus hinaus zu spüren. Durch das Unterbrechen russischer Lieferungen konnte Standard Oil Märkte in Asien zurückgewinnen, die sie zuvor an russischen Exporteuren verloren hatte. Fast zwei Drittel der Ölquellen Bakus waren, und die Exporte brachen dramatisch ein.

Die Ereignisse in Baku offenbarten eine tiefgreifende Wahrheit: Öl war eine strategische Ressource, die gegenüber politischen Umwälzungen äußerst anfällig war. Das Muster aus Unternehmensrivalität, ausländischen Investitionen, Arbeitsunruhen und geopolitischem Wettbewerb, das sich im Kaukasus etablierte, sollte sich im Laufe des Jahrhunderts über die Ölgrenzen hinweg vom Nahen Osten bis nach Lateinamerika wiederholen.

Als die Sowjetunion Jahrzehnte später zusammenbrach, rückte die Kaspische Region erneut in den Mittelpunkt des globalen Energiewettbewerbs. Westliche Unternehmen beeilten sich, die neu zugänglichen Ölreserven Aserbaidschans und der Nachbarstaaten zu erschließen, und lösten damit einen modernen Kampf aus, den einige Kommentatoren als neues „Great Game“ bezeichneten.

Baku bot einen ersten Einblick in die Fragilität des globalen Ölsystems, als Revolution, Streiks und ethnische Gewalt Ölquellen in Brand setzten, die Produktion abrupt zum Erliegen kam und Schockwellen durch die Weltmärkte schickten.

Da der Krieg der USA und Israels gegen den Iran die Schifffahrtswege im Persischen Golf bedroht, bleibt das moderne Energiesystem anfällig für dieselben Kräfte, die einst Baku erschütterten.



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