Digitalisierung wird zur Obsession

Von Gastautor Josef Hueber

“Only a fool doesn’t know that a new technology produces losers and winners.“ (N. Postman)
Laut „Wiktionary“ versteht man in der Psychologie unter Obsession eine Zwangsvorstellung, eine Besessenheit, eine fixe Idee. Dieses wohl nicht auf psychische Gesundheit verweisende Symptom hat offensichtlich die Diskussion um Bildung und deren Optimierung unangreifbar und vollständig vereinnahmt. Gemeint ist die mittlerweile zum Trommelfeuer mutierte Dauerberieselung mit dem Begriff „Digitalisierung“. Sie scheint das Alpha und Omega einer Erörterung der Problematik „Bildung im 21. Jahrhundert“ zu sein. Allerdings: Was dieser Obsession im öffentlichen Diskurs zugrunde liegt, ist eine geistlose Gleichsetzung von Ungleichem: Das Transportmittel wird mit dem Transportgut verwechselt, die Verpackung mit dem Inhalt.
Die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft hat in diesem Zusammenhang eine Studie in Auftrag gegeben. Frank Fischer, Professor für empirische Pädagogik und pädagogische Psychologie an der LMU München, hat 400 Lehrer befragt, Lehrpläne durchforstet sowie Aus- und Fortbildung von im Lehramt Tätigen untersucht. Das zentrale Interesse galt dabei der Frage nach der Umsetzungsdichte von medienbezogenen Kenntnissen in Ausbildung und Lehre.
Hier die Ergebnisse, die, um der Forschung den Geruch von Relevanz zu verleihen, schockieren sollen: Ein sogenanntes Medienkonzept gibt es nur an einer von vier Schulen. Jeder zweite Lehrer konstatiert, dass die Netzanbindung an seiner Schule zu langsam sei. Der Support von außerschulischen IT-Experten sei mangelhaft. Der olle Beamer ist das am häufigsten vorhandene technische Gerät, nur 17% der Klassen steht ein Tablet zur Verfügung. Noch schlimmer: Nur ca. 30% der Unterrichtsräume haben Notebooks, nur 4% erfreuen sich unabkömmlicher interaktiver Tische.
Soweit der als skandalös präsentierte Zustand schulischer Einrichtungen. Weiter geht’s in der Studie mit der Konstatierung des völlig überholten Frontalunterrichts sowie der fraglos zu entsorgenden präpädagogischen Hilfsmittel Tafel und Kreide (Die Entwicklung eines Gedankens anhand eines während der Erklärung entstehenden Tafelbildes hielt man vermutlich früher irrtümlicherweise für einen sehr wichtigen, Erkenntnis und Verständnis fördernden Prozess.). Innovatives Arbeiten mit Medien (ohne Powerpoint gar nicht möglich, klar) gibt es an den Schulen nur zwischen 9% und 18%. Ja, und dann fand man noch alles Mögliche zu Lehrerausbildung und antiquierten Einstellungen von Lehrern zu den bildungsrevolutionären digitalen Medien. Am schlimmsten dann dies: Wegen der unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten der für die Ausstattung der Schulen zuständigen Kommunen, so der Augsburger Oberbürgermeister Gribl, sei eine Zweiklassen-Schulsystem zu befürchten. Nein, nicht diskriminierende Schulen für Hoch- und für Weniger-Begabte, sondern Schulen mit Tablets und Schulen nur mit Tafel und Kreide (Würde das nicht gegen das Grundgesetz verstoßen?). Das, so sinngemäß das überzeugende Argument des obersten Wirtschaftsvertreters von Bayern, Alfred Gaffal, würde Bayern im Wettbewerb mit anderen High-Tech Nationen weltweit abkoppeln.
Diese Ansammlung von irrtumsgeleiteten Scheinwahrheiten ist politisch längst zum Dogma geworden. So erstaunt es nicht, dass die Bayerische Staatsregierung den Kommunen eine dreistellige Millionensumme hinlegt, damit das Nonplusultra nachhaltiger Geistesbildung gewährleistet ist. 40 Millionen Euro in 2018, sage und schreibe 122,5 Millionen in 2019/2020. Bei der Vorstellung des “Bildungspaktes Bayern“ schränkte der Kultusminister Spaenle jedoch ein, dass diese Summen nur als „Einstieg“ gedacht seien. Man darf also davon ausgehen, dass ein Mehrfaches an Beträgen für die Allheilmittel Tablets, Notebooks und ihre Verwandten aufzubringen sein wird, damit endlich das “digitale Klassenzimmer“ die staubige Kreide auf dem verstaubten Weg zur Bildung ablösen und die „vierte Kulturtechnik“, der Umgang mit digitalen Medien, sattsam vermittelt wird.
Gelegentlich mag es von Nutzen sein, bei der Beurteilung von Zeitphänomenen nicht nur aktuelle Meinungen mit spekulativen (Pseudo-)Zukunftsvisionen zu befragen, sondern den Horizont in Richtung Vergangenheit zu erweitern. Auch dies hat mit Bildung und Erkenntnis zu tun. Lassen wir uns also einmal ein auf Gedanken zur Medienrevolution, wie sie von einem nicht ganz unkundigen Pionier auf diesem Gebiet reflektiert und geäußert wurden, auch wenn er nicht wusste, was ein Smartphone ist. Ich meine den mittlerweile verstorbenen amerikanischen Kommunikationswissenschaftler Neil Postman. Sein Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ hat wohl die größte Verbreitung und Berühmtheit erfahren, und er verdient immer noch, trotz einer kurzen, aber letztlich belanglosen historischen Distanz, unsere Aufmerksamkeit.
In seinem Vortrag, gehalten in den 90er Jahren, „The surrender of culture to technology“ (Die Kapitulation der Kultur vor der Technik) stellt er mehrere Fragen, deren Beantwortung die Sinnhaftigkeit des verordneten schulischen Einsatzes neuer Technologien beurteilen lässt. Nur wer keine Ahnung von der Geschichte der Technik hat, so Postman, glaubt, dass eine technische Erfindung vollständig neutral und wertfrei sei.
Postman benennt die Probleme neuer Technologien, indem er mehrere Fragen dazu aufwirft. Die Antworten sollen Einsichten vermitteln, inwiefern eine neue Technologie sich in eine Kultur einfügt und so unsere sozialen Institutionen fördernd prägt. Die Fragen sind seiner Meinung nach wichtiger als die Antworten, da letztere sich im Laufe der Zeit und unter den Betroffenen ändern können. Die Fragen, so Postman, bleiben jedoch zeitübergreifend eine intellektuelle Waffe gegen die Gefahr, von der Faszination einer neuen Technologie überwältigt zu werden. Einige davon seien hier genannt. Sie müssen, so Postman, an alle neue Technologien gestellt werden.
– Was ist das Problem, für dessen Lösung die neue Technologie einen Ansatz bietet? (Auf das Thema Schule und Internet bezogen: Inwiefern ist Lernen in der Schule Problemen ausgesetzt, die nur mithilfe der Digitalisierung gelöst werden können?)
– Wer wird von der Einführung der neuen Technologie profitieren, und wer bezahlt sie?
– Welche neuen Probleme sind aus der Lösung des Problems zu erwarten, nachdem wir das Problem damit gelöst haben? Sein Beispiel: Das Fernsehen hat Probleme gelöst, aber die Aufgabe der Sozialisierung von Kindern schwieriger, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Es sei unwahrscheinlich, dass irgendeine neue Technologie nach der Lösung von Problemen keine neuen Probleme hervorruft. Deswegen, so Postman, müssen wir, trotz aller Schwierigkeiten, bei der Einführung neuer Technologien auch über die möglichen negativen Folgen einer neuen Technologie in der Zukunft nachdenken.
– Welche Personen/Gruppen werden erwartungsgemäß den größten Schaden von der Einführung neuer Technologien nehmen? Es gibt im Zuge der Einführung neuer Technologien immer Gewinner und Verlierer. Bill Gates, der gewiss kein Verlierer der neuen Computer-Technologie ist, verbreite ständig die These, dass Computertechnologie niemandem Schaden zufügen wird.
Die Verlierer sollen dankbar und begeistert sein und sich vor allem nicht bewusst werden, dass sie die Verlierer sind. Lehrer, so Postman, sind ein Beispiel für begeisterte Verlierer, die man in die Illusion treibt, dass sie zu den Gewinnern gehören. Es gebe keinerlei Beweise, dass gut bezahlte, nicht überforderte Lehrer weniger für Schüler leisten als Computer. Die Lehrer sind in seinen Augen Verlierer, aber es gebe keinen Aufschrei unter ihnen. Im Gegenteil, die Ankündigung millionenschwerer Investitionen in Computer begeistere Lehrer über die Maßen. Zitat Postman: „Bill Gates liebt diese Manifestation von Dummheit.“
Vera Lengsfeld berichtet auf ihrem Blog von einem ihrer Vorträge an einer aus Höflichkeit nicht genannten Hochschule. Die in ihrer dortigen Gastvorlesung anwesenden BWL-Studenten, so Lengsfeld, hatten keine Ahnung vom Unterschied zwischen Marktwirtschaft und Planwirtschaft.
Dies lag sicher an der während derer Schulzeit unzureichenden Ausstattung mit Tablets, Notebooks und interaktiven Tischen. Man erklärte es den Schülern vermutlich nur mittels eines mit Kreide erstellten Tafelbildes.