Wir sind das Pack !

Von Gastautorin Marion Titze

Wenn ich mich outen müsste als Gastautorin, würde ich mich – obwohl ich mal Tischdame war von Bundeskanzler Schröder und auch schon zu Tisch saß im Schloss Bellevue – ich würde mich umstandslos als Pack bezeichnen. Denn das ist nun mal der Stand der Dinge. An den Zuschreibungen lässt sich offenbar nichts mehr ändern.

Zuerst waren es meine Landsleute, die Pack wurden. Vielleicht hätte ich nicht so sensibel reagiert, wenn die Mecklenburger oder Brandenburger Vorreiter beim Pack-Sein gewesen wären. Aber nein, es waren meine rebellischen Sachsen. Wir sind eigentlich keine Aufständischen. Wir haben den Stülpner Karl, und dann ist da auch schon Ruhe. Der Stülpner Karl ist so etwas, wie für Tirol der Andreas Hofer. Ein Kerl aus dem Wald, Widerstand vom Berg herunter, Mut und Trotz gegen eine fein angezogene Übermacht. Schwere Zunge. Kein Mann des Wortes.

Ich weiß nicht, liebe Landsleute, ob Ihr dieselben feinen Zeitungen wie ich lest.

Ich schaffte mir heute für ganze acht Euro Zeitungen an. Das geht natürlich nicht immer. Aber heute war halt der Tag nach dem Wahltag. Ich war froh gestimmt. Ich dachte, dass wir uns als Wahlvolk wacker geschlagen hatten. Ich schrieb gleich eine Mail an meine Freundin in L., für die der Titel Heldenstadt nicht ironisch klingt, wie manchmal für mich.

Ich glaube, wir können zufrieden sein, schrieb ich. Zufrieden mit uns als Wahlvolk. Keine Gefährdung der Demokratie, sondern ihre Stärkung. – Die Grünen bleiben im Bundestag als Hüter des Klimas. Vielleicht kommen Boris Palmer oder Winfried Kretschmann nach Berlin. Immerhin herrscht bei den Grünen, anders als in der CDU, noch innerparteiliche Demokratie. Die FDP hat, was ein großes Pfund ist, die Erfahrung des Scheiterns. Durch Scheitern entsteht persönliche Reife. Insofern ist Christian Lindner die weitaus hoffnungsvollere Figur als Macron, mit dem er verglichen wird, Abteilung Smartheit. Doch Lindner ist nicht smart, er zeigt Rückgrat. Er wird sich nicht einwickeln lassen von Merkels berüchtigtem Politikstil. Die SPD ist zur Opposition entschlossen. Und Martin Schulz blüht gleich auf und zeigt Qualitäten, die Gott sei Dank, in ihm schlummern. Er hat Herz und lernt wahnsinnig schnell. Die Linke sollte uns schon wegen Sahra Wagenknecht erhalten bleiben. Was die AfD betrifft, kann ich nur sagen: Lieber Rüpel im Parlament als auf der Straße.

Mit diesem Fazit im Kopf lief ich zum Zeitungskiosk und dachte, die Medien sind jetzt auch einmal froh und erleichtert. Doch was musste ich sehen? Gleich wieder drauf aufs gemeine Wahlvolk. Vor allem die  Sachsen…-Schmuddelkinder, mit denen sich ehrenwerte Menschen nicht einlassen dürfen.

Derselbe Tenor wie gestern Abend. TV nicht als Landesfernsehanstalt, sondern als Landeserziehungsanstalt. Der Moderator tritt nicht als Journalist auf, sondern als bestallter Erzieher: Frau W., nehmen Sie Stellung zu Äußerungen von Herrn G. – Ist das der Auftrag des Fernsehens?

Aber gewiss doch. Die Stellungnahme ist das Hauptgeschäft des Fernsehens geworden. In meiner Kindheit war die Stellungnahme das Geschäft von Pionierleitern. Die Pionierorganisation Ernst Thälmann brachte die Schüler auf den Pfad des politisch korrekten Verhaltens. Es war missionarisch. Nach dem Motto: Wehret den Anfängen!

Ich glaube, Ingo Zamperoni wollte auch den Anfängen wehren als er die AfD-Spitzenkandidatin am Wahlabend zu einer Stellungnahme nötigen wollte. Aber vielleicht hatte er sich auch nur am Verhalten seiner Chefs orientiert. Chefs, die in der Große Runde genannten Sendung nicht fragten, sondern Stellungsnahmen-Journalismus praktizierten. Selbst dem unverdächtigen bayerischen Innenminister platzte kurzeitig der Kragen angesichts der Fixiertheit auf die rundum Unehrenhaften, die nun in unser gebenedeites Parlament einziehen.

Also Sachsen. Landsleute. Römer. Lasst bitte ab von unflätigen Sprüchen. Bietet keine Angriffsfläche. Und vor allem hütet Euch vor kollektivem  Erbostsein.

Die gönnen uns nämlich unsere friedliche Revolution nicht. Die wollen, dass Ihr auch Pflastersteine aus dem Pflaster herausreißt. Die wollen, dass aus Dresden Hamburg wird. Sagt Nein zu dieser üblen Beziehungsdynamik. Sagt einfach:  Wir  sind  das  Pack !