Flucht aus der DDR – Flucht nach Deutschland

Vortrag gehalten in Soltau am 17.08.2016

Flucht und Vertreibung waren bittere Realität im letzten Jahrhundert. Wie sich gezeigt hat, sind sie auch ein entscheidendes Thema in diesem Jahrhundert, nicht nur für Deutschland, sondern für Europa. Die Lösung der sogenannten Flüchtlingskrise ist eine Schicksalsfrage, die über das Bestehen der EU und die Errungenschaften der Friedlichen Revolution, wie offene Grenzen, entscheidet. Da hilft ein Blick in die Vergangenheit, ohne die wir die Gegenwart nicht verstehen können.

 

Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg gab es riesige Flüchtlingsströme. Dazu kamen die Menschen, die aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern befreit wurden und sich zu Tausenden als „Displaced Persons“ wiederfanden, weil sie Heimat und Familie verloren hatten. In der Nähe von Soltau gab es ein „Camp for Displaced Persons“. In diesen Camps waren Rückkehrer aus den Konzentrationslagern zusammengepfercht, die nicht in ihre Heimat zurück konnten oder wollten, oder als Minderjährige ihre gesamte Familie verloren hatten. Sie waren dort zusammen mit ehemaligen „Ostarbeitern“, die in der Sowjetunion oder anderen osteuropäischen Staaten für die Zwangsarbeit in Deutschland rekrutiert worden waren und nun befürchten mussten, im sowjetisch beherrschten Osteuropa als Kollaborateure verurteilt zu werden.

Für unser Thema interessant ist ein Bericht des polnischen Nobelpreisträgers Czeslaw Milozs über Menschen in so einem Camp. Ein Beispiel ist der junge polnische Dichter Tadeuz Borowski, der während der deutschen Besatzung zur Widerstandsbewegung gehörte, verhaftet und ins KZ Auschwitz gebracht wurde, wo er miterleben musste, wie Menschen ins Gas getrieben wurden. Er hat darüber ein erschütterndes Buch geschrieben, das heute kaum noch rezipiert wird, weil es als „verstörend“ gilt.

Borowski landete nach seiner Befreiung aus dem KZ in einem Lager für Displaced Persons, war von den dortigen Zuständen und seiner Perspektivlosigkeit bald desillusioniert und folgte einer Einladung der Kommunisten, nach Polen zurückzukehren. Er stellte sich dort in den Dienst der Parteiideologie, hielt das aber nicht aus und verübte mit nur 29 Jahren Selbstmord, obwohl er als begabter und erfolgreicher Schriftsteller galt.

Massenhaltung, gepaart mit Perspektivlosigkeit macht Menschen anfällig für Radikalismus. Deshalb haben die Kommunisten besonders in solchen Lagern nicht nur erfolgreich agitiert, sondern Mitarbeiter für ihre Staatssicherheitsdienste rekrutiert.

Man könnte aus dem damaligen Umgang mit Displaced Persons lernen. Aber die europäische Politik scheint Erfahrungen, die Europa in dieser Beziehung gemacht wurden, nicht zu berücksichtigen. Davon später. Die letzten dieser Lager wurden erst 1957, also zwölf Jahre nach dem Krieg aufgelöst. (Anmerkung: Wie ich nach dem Vortrag erfuhr, gab es in Wolterdingen ein Lager bis in die 60er Jahre hinein.)

Dreißig Jahre später machte wieder eine Fluchtbewegung Schlagzeilen. Diesmal war es ein Massenflucht aus der DDR, die das System, neben den bekannten Montagsdemonstrationen innerhalb kürzester Zeit destabilisiert und delegitimiert hat. Bis zum Schluss wollte das Politbüro der DDR nicht wahrhaben, dass es ein ernstes Problem gab, das schließlich entscheidend zum Zusammenbruch beitrug. Die Behauptung Erich Honeckers im Januar 1989, die Mauer würde noch hundert Jahre stehen, traf auf keinen Widerspruch. Nur elf Monate später war sie Geschichte.

Wie ging die BRD damals mit dem Massenzustrom aus dem zweiten deutschen Staat um? Wie reagierten die Meinungseliten?

Die Linke der Bundesrepublik, weit entfernt von jeder Willkommenskultur, verfolgte die Fluchtbewegung aus der DDR mit größtem Argwohn. Täglich wurde den Menschen geraten, doch lieber im Lande zu bleiben, das Leben in der BRD sei schließlich auch kein Zuckerschlecken, die kulturellen Unterschiede, die sich angeblich in der historisch eher kurzen Zeit der absoluten Trennung entwickelt hätten, seien schier unüberwindlich. Was dachten sich die Ossis, die laut Grundgesetz immerhin BRD-Bürger waren, eigentlich, einfach in Westdeutschland einreisen und bleiben zu wollen?

Zu diesen dringenden Fragen sollte Stefan Heym, ein auch international bekannter Autor der DDR, der als regiekritisch galt, anlässlich seines Aufenthaltes hier in der Künstlerwohnung in Soltau Stellung nehmen. Der NDR reiste extra für ein Interview an. Heym weigerte sich, etwas zur Fluchtwelle zu sagen. Er wollte über alles reden: seine Erfahrungen als Presseoffizier der US-Army beim Besuch im Konzentrationslager Bergen-Belsen, über seine Literatur, darüber, warum der Stalinismus, den die DDR seiner Meinung nach immer noch nicht ganz überwunden hatte, nichts mit dem Sozialismus zu tun hätte, aber nicht zu den brennendsten Fragen des 89er Sommers. Der einstige Großbürger Heym blieb Kommunist. Nach dem Mauerfall saß er für die SED, die nun PDS hieß, eine Legislaturperiode als Bundestagsabgeordneter im Parlament. Er trug damit erheblich zur Legendenbildung über die angebliche Erneuerung der Partei bei.

Ganz anders Lew Kopelew, der mit seiner Frau Raissa Orlowa ebenfalls Gast der Künstlerwohnung war. Kopelew war ein glühender Kommunist, allerdings musste er sich von dem Verdacht befreien, ein Anhänger Trotzkis zu sein, was ab 1936, dem Beginn der Säuberung der KPdSU von „Trotzkisten“ tödlich sein konnte. Also beteiligte er sich als Student an der Aktion des Komsomol, den verhungernden Bauern der Ukraine das letzte Getreide und Vieh wegzunehmen. Bis an sein Lebensende erfüllte ihn das mit tiefer Scham. Er konnte sich später nicht mehr erklären, wie er das vermocht hatte. Kopelew ging als Freiwilliger in den Krieg und erlebte nach dem Einmarsch der Roten Armee in Ostpreußen die Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung mit. Weil er dazu nicht schwieg, sondern versuchte, mäßigend auf seine Kameraden einzuwirken, wurde er wegen „Propagierung des bürgerlichen Humanismus“ angezeigt und mit Lagerhaft im Gulag bestraft.

Nach Stalins Tod wurde Kopelew 1954 entlassen , später rehabilitiert und konnte eine Zeit lang wissenschaftlich und schriftstellerisch arbeiten, ehe er wieder als Dissident reglementiert wurde.

Auf Einladung Heinrich Bölls traten Kopelew und Orlowa 1980 eine Studienreise in die BRD an und wurden prompt ausgebürgert, trotz der vorhergehenden Versicherung, dies würde nicht geschehen.

Im Gegensatz zu Kopelew, der gut Deutsch sprach und wegen eines deutschen Kindermädchens und seiner ersten großen Liebe, einer Deutschen, eine Affinität zum Deutschen hatte, fiel es Orlowa ausgesprochen schwer, sich einzuleben. Sie fremdelte bis zu ihrem Tod mit Deutschland, so sehr, dass sie ein Buch über ihre Integrationsschwierigkeiten verfasste. Dieses Buch möchte ich am liebsten zur Pflichtlektüre von Politikern wie Claudia Roth machen, die heute einfach den „Integrationsturbo“ anwerfen möchte. Als ob Integration etwas wäre, das einfach staatlich verordnet werden kann. Das möchte ich Ihnen auch an Hand eines kurzen Zitats von Frido Mann, Lieblingsenkel des berühmten Thomas, belegen, dessen Buch ich übrigens hier in Soltau in der roten Telefonzelle eingetauscht habe. Er schreibt: „…Um in diesem Land Wurzeln zu schlagen, müsste man eigentlich noch sehr, sehr lange hierbleiben können. Mindestens so stark behindert hat mich die Zweigleisigkeit meiner Herkunft: einmal die Zugehörigkeit zu Amerika, dessen Staatsbürgerschaft ich durch Geburt erhielt, zum zweiten diejenige zum europäisch-deutschen Kulturraum, die meine Verwandten…mit ins Exil genommen hatten. Dadurch kam ich von Anfang an in Gefahr, weder dort noch hier Fuß zu fassen und auf beiden Kontinenten ein fremder zu sein.“

Wenn Integration schon so schwierig ist, wenn man von einer europäischen in die amerikanische Kultur wechselt, wie sieht es da aus, wenn Menschen aus fremden, zum Teil vormodernen, oder gar tribalistischen Kulturen kommen?

Lew Kopelew bin ich Anfang der 90er Jahre in Bonn noch begegnet, als er unsere Bundestagsgruppe Bündnis 90/Grüne besuchte.

Wir sprachen mit ihm unter anderem darüber, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei, oder nicht. Wir hatten als Gruppe gerade eine Einwanderungsgesetz in den Bundestag eingebracht und standen unter heftigster Kritik. Deutschland sei kein Einwanderungsland, wäre es nie gewesen und würde es nie sein. Wir seien nicht mehr als Laienspieler, die auf Politik machten, wurde uns damals in den Medien vorgeworfen, sofern sie überhaupt unseren Vorstoß zur Kenntnis nahmen. Ossis eben, die erst mal lernen sollten, was die große freie Welt bedeutet, ehe wir den Mund aufmachten. Kopelew erzählte von den Schwierigkeiten, die seine Frau gehabt hatte, sich in Deutschland zu integrieren. Integration sein das Wichtigste, wenn Menschen kämen, die bleiben wollten.

Bei den Grünen, mit denen er eng verbunden war, jedenfalls was die damaligen Realos betraf, wurde das nicht gern gehört. In jenen Jahren war die Subkulturbildung schon in vollem Gange, die zu den heutigen Problemvierteln geführt hat.

Inzwischen wird uns auf allen Ebenen von der Politik und den Medien eingebläut, Deutschland sei ein Einwanderungsland. Es gibt aber immer noch kein ordentliches Einwanderungsgesetz, keine Einwanderungsbehörde, keine Einwanderungsstruktur. Alle Migranten werden gezwungen, einen Asylantrag zu stellen oder sich als Kriegsflüchtlinge auszugeben, auch wenn sie weder das eine, noch das andere sind. Von Wirtschaftsmigration auch nur zu sprechen ist unter Kuratel gestellt, obwohl mehr als die Hälfte der Einwanderer Wirtschaftsmigranten sind.

Es könnte gefährlich werden, dieser Tatsache nicht endlich ins Auge zu sehen.

Zwar wird inzwischen von offizieller EU-Seite eingeräumt , dass mindestens 60% der im letzten Jahr nach Europa gekommenen Migranten keine Flüchtlinge sind, aber es werden bislang daraus keine Konsequenzen gezogen.

Wir sind ein Einwanderungsland ohne Einwanderungsgesetz und ohne Einwanderungsbehörde, ohne die nötigen Einwanderungsstrukturen. Das überfordert die Aufnahmegesellschaft, ihre Behörden, die Polizei, aber auch die Bürger. Die über eine Million Migranten des letzten Jahres wurden auf Kleinstädte, Dörfer und auf Gebiete wie Berlin- Neukölln verteilt, wo sie weitgehend ohne Perspektive verharren. Das wird auf Dauer nicht gut gehen.

Statt klarer Regeln herrschen ideologische Scheuklappen, die zu unhaltbaren Zuständen führen. Elf Monate nach der Masseneinwanderung des letzten Jahres, ausgelöst von Kanzlerin Merkels „Wir schaffen das!“, was als Einladung nach Deutschland verstanden wurde, sitzen die meisten Neuankömmlinge immer noch in Massenunterkünften, die komfortableren Camps für „Displaced Persons“gleichen.

Die Politik folgt, wie in früheren Jahrzehnten, ihren ideologischen Vorstellungen, die mit der Realität nicht viel zu tun haben. Hauptsächlich jene Kreise, die sich heftig gegen eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten gewandt haben, weil die beiden Kulturen angeblich unvereinbar seien, die immer noch darauf bestehen, dass Ossis und Wessis nicht kompatible Spezies seien, leugnen heute alle Schwierigkeiten, die eine Masseneinwanderung aus vormodernen, teilweise tribalistischen Kulturen mit sich bringt.

Der Kardinalfehler aller Migrationsbefürworter ist, die Argumente für die individuelle Migration einfach auf die Massenmigration zu übertragen. Dabei übersehen sie unbewusst oder absichtlich, dass individuelle Migranten in ein Land kommen, mit der Absicht, ein neues Leben aufzubauen und sich im Land anzupassen. Massenmigranten kommen, um ihr gewohntes Leben mit mehr Sicherheit und materiellem Wohlstand fortzusetzen. Dabei spielt auch die Legende, dass in Europa die Regierungen Geld verteilen, wofür man nichts leisten muss, eine große Rolle.

Der zweite Fehler ist, alle Migranten als Asylsuchende zu behandeln. Asyl bedeutet, einem Menschen eine vorübergehende Zuflucht zu gewähren, der vor politischer Verfolgung bzw. akuter Lebensgefahr flieht. Asylsuchende sind also nicht dazu da, unsere Renten und unseren Wohlstand zu sichern, oder unsere demographische Lücke zu schließen, wie man immer wieder von Politikern hört.

Seit den ersten Anfängen behandeln sowohl EU-Kommission als auch unsere Politiker die Massenmigration als Verteilungsfrage. Es geht also nicht um die Wünsche und Bedürfnisse der Migranten, sondern um die Sicherung der Masseneinwanderung. Von einer Eindämmung der Migration ist nirgends die Rede. Viel aber von notwendiger „Solidarität“, was nichts anders heißt, als dass alle anderen Staaten verpflichtet sein sollen, Migranten aufzunehmen.

Mit der Massenmigration nach Europa werden die Probleme der Herkunftsländer importiert, worüber aber nicht gesprochen wird. Wo es keine Diskussion geben darf, gibt es auch keine Lösungsvorschläge. Inzwischen gehören Unruhen in Europa zum Alltag. Die Sicherheit, die sich die Migranten hier erhofften, wird von Tag zu Tag weniger. Die massenhafte Zuwanderung überwiegend junger Männer in alternde Gesellschaften beginnt sich bereits destabilisierend auszuwirken. Der Massenverlust an Einwohnern wirkt sich aber auch negativ auf die Herkunftsländer aus.

Kritik an der unkontrollierten Zuwanderung wird rigoros unterdrückt. Die Kritiker müssen sich gefallen lassen, im Extremfall als Nazi und Rassist, im freundlichen Fall als xenophob abgestempelt zu werden.

Aber Europa braucht doch Einwanderung, wegen der Arbeitsplätze und der demographischen Lücke?

Aktuell hat Europa eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit, besonders unter Jugendlichen.

Es gibt um die 23 Millionen Arbeitslose, das sind zehn Prozent des gesamten Reservoirs an Arbeitskräften. Von einem Arbeitskräftebedarf kann nicht die Rede sein. Die Arbeitslosigkeit in Europa ist ein ausschließlich strukturelles Problem.

Was die Demographie betrifft, ist Europa nach wie vor der am dichtesten besiedelte Kontinent und wird es noch lange bleiben. Es ist ein, freundlich gesagt, ausgesprochen mechanistisches Denken, dass es eine Planzahl von Menschen geben muss, die unseren Kontinent zu bevölkern haben.

Ich möchte hinzufügen, dass das demographische Argument noch absurder wird, wenn man sich vor Augen führt, dass in der Klimadebatte anklagend vorgerechnet wird, wie unverzeihlich groß der ökologische Fußabdruck eines jeden Europäers sei. Dieser Logik zufolge müsste es zu begrüßen sein, dass die Europäer weniger werden, statt sie durch Einwanderer und den durch sie erhofften Geburtenzuwachs aufzustocken. Hier kommt eine Ideologie der anderen ins Gehege.

Zu fragen ist auch, ob ein Einwanderungspolitik, die darauf abzielt, den armen Ursprungsländern der Migranten den wohlhabendsten und qualifiziertesten Teil ihrer jungen Bevölkerung abzuziehen, was deren Entwicklung erheblich beeinträchtigen wird nicht neokolonialistisch ist.

Last but not least: Wenn diese chaotische Flüchtlingspolitik nicht gestoppt wird, entsteht ein fragmentiertes Europa, dessen Parallelgesellschaften sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht harmonisch wechselseitig bereichern, sondern feindlich gegenüberstehen werden.

Im vergangenen Jahrhundert hat die Politik, auch die westliche, am grünen Tisch über die Umsiedlung von Millionen Menschen entschieden, die über Nacht ihre angestammte Heimat verlassen mussten. In diesem Jahrhundert wird durch Massenmigration das kulturelle Gefüge Europas auf eine schwere Belastungsprobe gestellt, unter der es zerbrechen könnte, wenn die Korrektur nicht rechtzeitig einsetzt.