Die Facebook- Festung

Am Tag des Terroranschlags von Brüssel am 22. März ging wegen eines kritischen Posts über Kanzlerin Merkel mitten in einer von den Qualitätsmedien entfachten Kampagne meine persönliche Facebookseite vom Netz. Der beanstandete Post, in dem Merkels Politik in Verbindung mit dem Terroranschlag in Brüssel gebracht wurde, war zu diesem Zeitpunkt schon seit Stunden gelöscht. Keine fünf Minuten alt war meine Stellungnahme, mit der ich auf die Medienkampagne reagiert habe.

Politiker sind keine schützenswerte Minderheit, die man nicht kritisieren darf. Auch wenn man den Post sarkastisch oder geschmacklos finden konnte, war das kein Grund für eine Sperrung.

Schon am nächsten Tag wurde publik, dass drei der Attentäter die so genannte Balkanroute benutzt hatten, für deren Öffnung und die Unterlassung hinreichender Kontrollen der einreisenden Asylsuchenden Merkel tatsächlich verantwortlich ist.

BILD online nannte den Satz auf meiner Facebook- Seite am 22. März noch „absurd“ und „zynisch“. Am nächsten Tag musste der BILD online- Chef Reichelt in Bezug auf die Balkanroute einräumen: „Politiker, die weiterhin nichts dagegen tun, unterstützen in der Sache den Vormarsch von ISIS.

Ich verbrachte den Abend damit, auf der von Facebook angebotenen Plattform zu erfahren, was zur Sperrung meiner Seite geführt hatte. Ergebnislos. In den nächsten Wochen wandte ich mich erst an die Chefin der Facebook- Hauptstadtrepräsentanz Frau Kirschsieper, mit drei E- Mails, die unbeantwortet bleiben. Drei Anrufe bei Facebook Germany Hamburg bleiben ebenso ohne Reaktion. Zum Schluss bekam ich die Handynummer der Facebook- Pressefrau Tina Kulow, die meine SMS ebenfalls ignorierte.

Also entschloss ich mich zu einem Mittel, das im Zeitalter der elektronischen Post wirkungsvoller ist, als eine Mail. Ich schrieb einen Brief. Meine Recherchen ließen mich vermuten, dass Facebook über keine Postadresse verfügt. Also würde ich den Brief persönlich abgeben. Ein Freund erklärte sich bereit, als Zeuge mitzukommen.

Meine Vermutung erwies sich als richtig. Nichts weist am Kemperplatz 1 in Berlin darauf hin, dass Facebook hier eine Repräsentanz unterhält. Wir hatten Glück. Ein Hausmeister bugsierte gerade einen Aufsteller durch die gläserne Eingangstür. Wir konnten eintreten. Im Fahrstuhl stellten wird fest, dass er für Unbefugte nicht benutzbar war. Während wir noch überlegten, wurde die Kabine in den vierten Stock gerufen, es stieg aber niemand ein und wir schwebten wieder nach unten. Dort hatte sich vor dem Fahrstuhl eine Gruppe junger Männer eingefunden, die offenbar von der Mittagspause zurückkamen. Ich sagte ihnen, dass wir auch nach oben wollten. Einer hatte bereits auf die 7 gedrückt und seine Legitimation an den Scanner gehalten, als ich gefragt wurde, wohin wir wollten. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass die 7. Etage unser Ziel sei. Das brachte uns abschätzende Blicke von zwei der Männer ein. In unseren Regenkutten sahen wir aber offenbar harmlos aus.

In der siebten Etage wies ebenfalls nichts auf Facebook hin. Aber eine Tür öffnete sich für die jungen Männer. Wir gingen einfach mit ihnen ins Allerheiligste.

Im Vorraum, mit atemberaubenden Blick über den Tiergarten bis zum Reichstag befand sich eine Art Empfangstresen, hinter dem eine junge Frau uns fragend ansah.

Ich stellte mich vor und sagte, dass ich die Chefin, Frau Kirschsieper, gern sprechen würde. Ob ich einen Termin hätte? Leider nein, denn meine Bitten um einem Termin seien unbeantwortet geblieben. Frau Kirschsieper sei leider nicht im Hause. Dann würde ich gern Herrn Stojanow sprechen, den Koordinator für Kommunikation in Deutschland.

Der sei leider auch nicht da. In diesem Fall würde ich sie bitten, meine Schreiben an die beiden Abwesenden zu überbringen. Mein Begleiter kam auf die Idee, nach den Stellvertretern der beiden Chefs zu fragen. In diesem Fall müssten wir warten.

Wir durften uns auf das bunte Sofa setzen, das ich bereits vom Foto kannte. Mein Begleiter bat, die Waschräume benutzen zu dürfen. Er wurde bis vor die Tür gebracht und dann gefragt, ob er eine Kamera dabei hätte. Nein. Aber ein Handy? Das müsste er draußen lassen, er dürfe nur ohne Handy in die Kabine.

Drinnen, erzählte er mir später, war alles vom Feinsten. Nicht nur Seife und Hygieneartikel waren bereitgestellt, sondern auch Creme, Haarspray, gutes Parfüm.

An der Decke sah etwas verdächtig nach einer Kamera aus. Ob es wirklich eine war, konnte mein Begleiter nicht feststellen.

Während ich wartend auf dem Sofa saß und mich an den zartgrünen Tiergartenbäumen erfreute, führte die Empfangsdame drei offensichtlich schwierige Telefonate, bei denen mein Name immer wieder fiel. Sie schaute zunehmend verunsichert zu mir rüber. Niemand wollte mit mir sprechen.

Schließlich kam sie zu mir und sagte, sie könne nichts für mich tun, als die Briefe weiterleiten. Eine Empfangsbestätigung würde sie mir geben, wenn ich ein Stück Papier hätte. Darauf sei ich nicht vorbereitet, aber sicher hätte sie doch ein Blatt? Sie kam mit einem kleinen Notizzettel zurück, obwohl ein Facebook- Block, auf ihrem Tisch lag.

Ich schrieb die Bestätigung, sie unterzeichnete mit einem Kringel. Auf die Frage meines Begleiters, wie sie heiße, antwortete sie nur zögernd. Schließlich war sie bereit, Kaur in Druckbuchstaben auf den Zettel zu schreiben. Dann gab sei mir noch einen weiteren Notizzettel, mit einer Mailadresse, die man für Terminanfragen nutzen könnte. Leider sah ich mir die Adresse erst später an. Sie lautete: Pressfb@com. Man sieht, so eine Mailadresse kann es nicht geben.

Wir machten uns zum Gehen fertig, als sie plötzlich fragte: „Woher kennen sie den Namen Stojanow?“ Mein Begleiter antwortete: „Von einer Begegnung mit dem Justizminister“. ????? „Ich habe das im Internet gefunden“. Ungläubiges Kopfschütteln. Sie könne das nachprüfen. Sie hätte kein Internet. Am Tresen waren zwei I-Pads an Halterungen befestigt, für die schnelle Recherche im Vorbeigehen. Sie hätte doch ein Handy? „Recherche ist nicht meine Aufgabe“. Das ist sicher eines der wenigen wahren Worte, die wir von ihr gehört haben.

Sie brachte uns noch zum Fahrstuhl. Sie versicherte uns, dass sich das Verhalten von Facebook im normalen Rahmen bewege. Es würde oft Wochen dauern, bis Anfragen beantwortet werden könnten. Merkwürdigerweise hatte sie meine Briefe wieder in der Hand, die auf dem Tresen gelegen hatten. Ich sagte, dass ich hoffte, es würde nicht Wochen dauern, bis die Briefe ihre Empfänger erreicht hätten. Ich würde nicht mehr wochenlang auf eine Antwort warten, sondern nächste Woche an die Öffentlichkeit gehen, das stünde auch in den Schreiben.

Sie verabschiedete uns mit dem merkwürdigen Satz, runter kämen wir mit dem Fahrstuhl problemlos, aber nicht wieder hoch.

Nach nur drei Tagen bekam ich von der Chefin der Hauptstadtrepräsentanz eine SMS. Sie hätte meinen Brief bekommen, sie brauche etwas Zeit, um den „Sachverhalt“ zu klären.

Es dauerte noch ein paar Tage, da bekam ich die Mitteilung, meine Seite sei entsperrt. Die Sperrung sei ein Fehler von Facebook gewesen, dafür würde man sich entschuldigen. Frau Kirschsieper stellte mir ein persönliches Gespräch in Aussicht. Es dauerte allerdings weitere vierzehn Tage und viel sanften Drucks meinerseits, ehe dieses Gespräch zustande kam. Allerdings war es unergiebig. Der Mitarbeiter von Facebook hätte einen Fehler gemacht. Die Anzeigen erfolgten immer anonym, man könne mir also nicht sagen, wer die Sperrung meiner Seite begehrt hatte. Mit der Task Force von Justizminister Maas hätte das Ganze nichts zu tun. Die würde nur beraten.

Für mich blieb die Frage, wie qualifiziert die Mitarbeiter von Facebook sind, die eine Hassmail nicht von einer Politikerkritik unterscheiden können. Wie oft werden ähnliche Fehler schon passiert sein?

Zuerst erschienen auf Wirtschaftswoche online