Der Verfassungsschutz wird zur Staatssicherheit

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Demokratie als System der checks and balances war eindeutig gestern. Heute werden die demokratischen Kontrollorgane vor aller Augen umgebaut und Unterdrückungsinstrumenten immer ähnlicher. Das passiert auf allen Ebenen.

Gestern, am 8. Juni 2022 meldete die Thüringer Allgemeine auf der Titelseite unter der Überschrift: „Verfassungsschutz: Proteste in Pandemie extremer“, dass Thüringens Innenminister Maier (SPD) dafür plädiert, dass „Corona-Leugner und sogenannte Querdenker konsequent dem rechtsextremistischen Spektrum zuzuordnen“ seien. Wer Corona-Leugner und Querdenker ist, bestimmen Maier & Co. Darunter fallen alle Kritiker, die an der Wirkung von Lockdowns, Maskenzwang, Schulschließungen, Schließungen von Einzelhandelsgeschäften und kulturellen Einrichtungen gezweifelt haben. In 2020 wurden Schulen bei einer Inzidenz von 100 geschlossen, 2022 bei einer Inzidenz von um die 1000 waren sie geöffnet. Ohne Maskenzwang und Lockdown sanken die Infektionszahlen in diesem Jahr, internationale Studien bewiesen, dass Lockdowns und Maskenzwang so gut wie unwirksam sind.

Aber in Deutschland werden alle, die das gesagt haben, zu Rechtsextremisten erklärt, von einer Politik, die sich weigert, die Corona-Maßnahmen zu evaluieren, bzw. alles dafür tut, dass diese Fakten hier nicht bekannt werden.

Nun hat sogar das ZDF in einer Sendung scharf kritisiert, dass die Evaluierung der Coronamaßnahmen von Gesundheitsminister Lauterbach hintertrieben wird. Ist Theo Kroll nun ein Querdenker und damit ein Rechtsextremist, Herr Minister Maier? „Der Verfassungsschutz wird zur Staatssicherheit“ weiterlesen

Besuch im Labyrinth – einige Anmerkungen zum jüngsten Roman von Uwe Tellkamp

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Von Gastautor Helmut Roewer

In diesem Beitrag schildere ich die Eindrücke, die ich bei der Lektüre von Tellkamps Roman Der Schlaf in den Uhren gesammelt habe. Ich erwarb den Roman am 27. Mai 2022 und legte ihn am 31. Mai 2022 – gelesen – aus der Hand. Ich warne Neugierige: Dieses hier ist keine meiner gewohnten Buchbesprechungen, die für gewöhnlich keine 50 Zeilen lang sind. Das Buch – so bekenne ich freimütig – hat sich dagegen mit Erfolg gesträubt.

1. Das Labyrinth

Nach dem Durchschreiten der Tür händigt mir einer eine Handskizze aus, in der Mitte gefaltet. Ich ignoriere diesen schwer lesbaren Zettel nach einem kurzen Hineinsehen, bemerke aber beim Blick zurück, dass es Leute gibt, die ihn eifrig zu studieren scheinen. Was soll das? denke ich und trete in den schwach beleuchteten Gang hinein. Man hatte mich davor gewarnt, ich solle, um mich nicht zu verlaufen oder entnervt aufzugeben, noch einmal den Turm besichtigen. Ja, was denn nun? hatte ich eingewendet, soll ich nach oben auf den Turm oder soll ich ins Labyrinth nach unten? Ich entschied mich fürs Unten.
Doch wo beginnen? Der Baumeister hat sich nicht gescheut, den Besucher in die Irre zu führen. Die Gänge sind verwinkelt, man erreicht sie nur, wenn man ununterbrochen kaum erkennbare Leitern hinauf und hinunter steigt. Ich bemerke, wie ich in Rage gerate, besonders, wenn es an kahlen Wänden entlanggeht, wo mit ungelenker Hand Namen angekritzelt wurden. Nicht einer oder zwei, sondern in überbordender Vielzahl. Wie an einem sogenannten Naturdenkmal, wo Unbefugte mitteilen, dass Hans & Grete und viel andere auch hier waren. Nie würde ich nach einem Telefonbuch greifen, um zu ergründen, wer wohl Hans & Grete sind.
Ich ertappe mich, wie ich dem Baumeister zurufe: Warum tust du das? Name dropping für Insider? Und füge noch ein paar Bemerkungen hinzu, die ich hier weglasse. Ich lausche ins Labyrinth hinein. Natürlich bleibt mein Schmäh unbeantwortet. Ich dringe weiter vor. Jetzt finde ich an allen Ecken die Ichs des Baumeisters, die vielstimmig auf mich einreden. Ach, auf einmal, sage ich zu den Ichs, aber es will kein Gespräch zustande kommen. Bis zu dem Moment, wo mir klar wird, wo ich mich in Wirklichkeit befinde.
Ich befinde mich im Labyrinth, das sagte ich schon, aber dieses Labyrinth ist im Kopf des Baumeisters. Ach so ist das, sage ich. Ich sehe ihn zweifelnd lächeln. Es ist dieses Lächeln, das nicht eben schmeichelhaft für mich ist. Ich deute es so: Merkst du es auch schon. Hat wohl ein bisschen gedauert, bis bei dir der Groschen fiel. Zu meiner Verblüffung bin ich nicht den Hauch von beleidigt, sondern eher angriffslustig. Ja, wenn das so ist, das kann ich auch. Wirst ja sehen, was du davon hast.
Von diesem Moment an ändert sich mein Lesestil – ich benutze das Wort Lesestil hier mal, weil mir kein besseres Pendant zu Schreibstil einfällt. Ich mache nämlich etwas, was, wie ich es mir vorstelle, dem Baumeister zutiefst missfallen wird. Ich benutze den Gang durchs Labyrinth, also den Kopf des Baumeisters, um mitunter munter die Gänge desinteressiert zu durcheilen, zum Beispiel den von Ich & Thomas Mann, den ich unangemessen aufgeblasen finde – zuviel Plüsch–, was ich dem Baumeister über die Schulter hinweg zurufe. Stattdessen mache ich Station, wo es mir passt – und nur mir. Hier halte ich an, lasse meinen Gedanken freien Lauf, lasse die Erinnerungen spazieren gehen. Sperre damit den Baumeister aus meiner Gedankenwelt aus. Diese Erinnerungen wären mir ohne den Aufenthalt im Labyrinth nie gekommen. Zugegeben. Zugegeben auch, dass sich der Aufenthalt im Labyrinth immer stärker in ein Verschwimmen der Wirklichkeit verwandelt.
Was also ist es, was mich fortan in Anspruch nimmt? Es ist das Nachvollziehen fremder und das Anstoßen eigener Gedankenkapriolen, die mühelos zwischen Raum und Zeit wechseln, weil sie auf der Jagd sind, das Gleiche im Unterschiedlichen aufspüren. Gleichgültigkeit gegenüber den Fassaden von Diktatur und Demokratie. Es ist das Manövrieren in einem mir nur zu bekannten Gelände, das man den Ort der Macht nennen könnte, der ganz unbeschadet vom geographisch exakten Ort immer da liegt, wo Macht ausgeübt wird. Natürlich ist es bei einer solchen Sichtweise ohne Belang, ob dieser Ort, wie es das Labyrinth suggeriert, nun an der Elbe, dem Rhein oder, wie ich weiß, an der Spree liegt, und ob dieser Ort ins Meer mündet, wo in der äußersten Elbemündung ein bekannter, wiewohl im Labyrinth umbenannter Leuchtturm steht. Nein, Herr Baumeister, an einem solchen Grenz- und Vergangenheits-Symbol halte ich mich nicht lange auf.
Das durch drei bis vier Dichterbrillen gebrochene Symbolische hat mich nie zu tiefschürfenden Gedankenspielen angeregt. Meine Gedankenwelt war immer an Personen und deren Handlungen gebunden. Dafür allerdings bietet der Rundgang im Labyrinth Meter um Meter reichlich Material. Nein, mich stört es keineswegs, dass die auftauchenden Männer und Frauen zum Teil sehr konkret, zum Teil aus einer verschwommenen Wirklichkeit entlehnt sind. Ich weiß sehr wohl, dass ich mich im Kopf des Baumeisters und nicht im Museum für deutsche Geschichte aufhalte. Dieses Letztere befindet sich im Zeughaus und jener hier in meiner Hand und ich mich auf meinem Sofa mit der Möglichkeit aufzustehen, Tee zu kochen und in eigenen Aufzeichnungen zu wühlen. Aber nicht zu oft, denn ich will schließlich weiterkommen.
Natürlich habe ich mich auf längere Abwege begeben, als es um so zentrale Dinge geht, wie die drei Aufgalopp-Monate in den tatsächlichen Verfall eines Staates namens DDR hinein. Die Flucht der Roman-Zentralfiguren in die deutsche Botschaft in Prag, die Innenschau dort. Der Zerfall der Zuversicht bei den Herrschenden. Das Wenden der Geschickten. Das ist eine DDR-Innensicht, die ich in dieser Dichte und Eindringlichkeit selten gelesen habe.
Ich stelle mir den Kopf des Baumeisters vor und versuche, mich in diesen, den Kopf nämlich, hineinzuversetzen. Ich bemerke, wie er sich selbst nicht mehr zutraut, genau zu sagen, wie alles zugegangen ist. Es ist zu viel Zeit vergangen, zu viele Ereignisse habe den Blick auf das Vergangene getrübt. Wohl wahr und übereinstimmend mit dem, was ich aus jenen Tagen – wiewohl aus gänzlich anderem Blickwinkel – heute noch zu wissen meine, und was meine Tagesnotizen von damals als sicher erlebt festgehalten haben. Alles ist verschwommen. Was für eine Pleite für das eigenen Zeugnis.
Nun wäre es verkürzend und damit unzutreffend, das Labyrinth als einen Erinnerungsmarsch der und des Gestrigen zu beschreiben. Das führt in die Irre. Die kompliziertesten Windungen nimmt das Labyrinth, wo es solche Oberfläche verlässt und tief nach unten in die Niederungen der Macht vordringt. Es sind, so der Baumeister, dieselben Gänge und Windungen im Vorgestern, Gestern und Heute, das Abstützen auf Seilschaften, oder viel stärker noch, so jedenfalls beschreibt es der Baumeister, die familiären Bindungen, die über Systembrüche mühelos hinwegreichen. Hinwegreichen bis hinein in die bis 2021 aktuelle Kanzlerschaft der Romanfigur Anne. Man lacht unwillkürlich, wenn man’s liest. So plastisch sind die Figuren, die Kanzlerin A. selbst und ihre Paladine.
Doch zurück zur Macht in nuce. Zunächst durcheilt der Besucher die gut ausgeleuchteten Räume im Palais Schaumburg der Adenauer-Ära, sieht dort den Helden, seine Knappen und den Hofnarren, getarnt als den Leiter des Bundespresseamts, Felix von Eckart, der zugleich der fiktive Informant des Baumeisters ist. Macht, so der Baumeister, ist eine Frage der zutreffenden, oder besser: der im Augenblick brauchbarsten Information. Zur Illustration dessen betritt man ein Spiegelkabinett. Figuren, die einem sehr bekannt vorkommen, entweder weil man den Turm besichtigt hat, oder weil man lange Jahre beruflich Informationen sammelte und weitergab, oder beides. Ich will der Buch-Lektüre durch den Leser dieser Rezension nicht vorgreifen. Zu sagen bleibt indessen, dass die scharf und unnachgiebig Portraitierten das, was sie im Buch über sich lesen können, kaum freuen wird.
Ich sagte es schon, das Labyrinth ist nicht nur auf den einzelnen Ebenen verwirrend, sondern der Besucher ist gezwungen, ständig zwischen oben und unten hin und her zu steigen. Bis tief in den stinkenden Morast von Verrat und moralischer Verkommenheit hinein. Wer bespitzelte wen und warum? Und wer steuerte wen und wie lange und mit welcher moralisierenden Selbst-Exkulpation? Was ist anrüchiger – dies, oder was jetzt kommt? In grellem Neonlicht beleuchteten Gänge, in denen der Besucher an großflächigen gestochen scharfen Schwarzweiß-Aufnahmen vorbeigeführt wird. Das, was zu sehen ist, ist der Scheinglanz der Westgesellschaft, den man unangenehm berührt wiedererkennt, auch ganz ohne Bildlegenden. Diese Bilder zeigen gnadenlos die Schminke und die nur mühsam übertünchte Verkommenheit. Zwischen den Bildern sehe ich Spiegel stehen. Während ich mich noch frage, ob sie wirklich da stehen, oder ob ich mich lediglich vorübergehend aus dem Kopf des Baumeisters herausgestohlen habe, verliere ich mich in den Gängen der Grünen.
Hier hat der Baumeister die Videoinstallation gewählt, so dass der Besucher vom unerträglich-scheinmoralischen Gewäsch dieser Flora-Fauna eingehüllt wird. Da riecht es abgestanden, wie in jedem guten Bioladen. Diese Gewächse riechen nicht nur, sie sind klebrig. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die einstigen Lobpreiser des Turm-Baumeisters – sie entstammen genau solchem Milieu – diesen Angriff nicht bemerkt haben könnten. Ich mutmaße, dass sie alles in ihrer Macht stehende unternehmen werden, um das neugierige Volk vom Besuch des Labyrinths abzubringen. Hosianna und Kreuziget-ihn kommen, wie man weiß, dichtgedrängt in der selben Geschichte vor.
Bei der Rückkehr ans Tageslicht findet der Besucher erneut den in der Mitte gefalteten Handzettel mit der Konstruktion des Labyrinths. Bei meiner eigenen Rückkehr habe ich mich lediglich dafür interessiert, ob der Zettel am Ende derselbe ist wie der am Eingang. Das trifft zu. Ich habe beide nicht gebraucht, um wieder in den Alltag zu gelangen.

2. Enge und Weite

Am Freitag, dem 27. Mai 2022, habe ich an der Lesung von Uwe Tellkamp in der Buchhandlung in Dresden Loschwitz teilgenommen. Man sitzt eng dort, dicht bei dicht. Nicht mein erster Besuch am Orte, aber der erste mit dem Autor Tellkamp. Was er liest, sind einige wenige Seiten aus einem erstaunlich dicken Buch. Sein Titel Der Schlaf in den Uhren. Das ist nichts, was überraschen könnte. Bestenfalls der Umstand, dass er im Gegensatz zu den meisten Schriftstellerkollegen sehr gut lesen kann.
Gut, haken wir das ab. Denn im Mittelpunkt der Veranstaltung steht eine Art Zwiegespräch mit der Buchhändlerin Susanne Dagen. In diesem Zweiergespräch entwickelt der Autor mit kurzen, leicht verständlichen Worten den Zweck und den Inhalt des Romans. Ich gebe zu, dass mir Zweifel kommen, als ich das dicke Buch in seinen Händen sehe, denn wenn es so ist, wie er sagt, käme bestenfalls ein Insel-Bändchen ans Licht. Doch offenbar ist es anders. Ich beschließe, nicht aufzumucken, sondern die Lektüre des hernach zu erwerbenden Buches abzuwarten.
Eine Einlage eigener Art präsentiert das ungleiche Paar Tellkamp-Dagen, indem es ein Interview zwischen einem skurrilen Alter Ego des Ich-Erzählers und der Buchhändlerin fingiert, indem diese die gängigen abwertenden Floskeln, die über Tellkamp im Umlauf sind, ihn platt auf den Kopf zu abfragt, so: Warum er so ein schlechtes Buch schreibe? Warum er dieses oder jenes geäußert habe, und ob er sich nicht entschuldigen wolle und anderes mehr. Tellkamp, verkleidet mit einer schwarzen Quasi-Uniformjacke mit Blindenbinde, schwarzem Hut und schwarzer Brille, äußert gestanzten Unsinn und die gängigen Plattitüden. Das Publikum ist erheitert. Einen Moment geht mir durch den Kopf, wie gut und glaubhaft er eine Mischung aus einem einstigen, jedoch aktiv gebliebenen Kämpfer an der Geheimen Front und einem Mainstream-Agitator auf die Bühne bringt.

Nun gut, er erläutert hernach, dass sein hauptsächliches Erzähl-Ich aus dem Roman als dieselbe Person ein zweites Ich habe, einen Schatten, dem er den Namen „Nemo“ (mit den Anführungszeichen) gegeben habe, der die Dinge aus der Sicht der Staatssicherheit gesehen habe. Mir kommt in dem Moment der Verdacht, dass der Autor, wie ich es weiter oben zu schildern versucht habe, Spiegelfechtereien mit dem Lesepublikum treibt. Der Verdacht verstärkt sich, als ich feststelle, dass ein Dritter aus dem Roman, der im Turm so positiv gezeichnete Onkel Meno, im neuen Buch eine überaus dubiose Rolle spielt. Erst mühsam wird mir später das Wortspiel von Meno zu Nemo klar. Tellkamp deutet, für mich in dem Moment noch unverständlich, an, dass ihn der reale Onkel hernach beschimpft habe. Ich kann das Sächsische hier nicht wiedergeben, es würde verunglücken.
Bei allem Hin und Her, auch nachdem das Publikum mit einigen Bemerkungen involviert worden ist, zeigt sich, von Satz zu Satz verstärkend, ein Mann auf dem Podium, der durch die üble Behandlung seit Jahr und Tag in seinem Innersten getroffen wurde, weil er alles das, was man ihm an Empörendem unterstellt hat, deswegen nicht einzusehen vermag, weil es nicht der Wahrheit entspricht. Er ist nicht rechts, sagt er zum Beispiel. Das ist die Wahrheit, wie er sie sieht, und die er so zu sehen mit guten Gründen berechtigt ist.
Hier zeigt sich auch ein kaum spürbarer Dissens zur Buchhändlerin. Sie sieht in erster Linie einen fabelhaften Verkaufserfolg des neuen Buches, der Autor hingegen den Verlust seiner Ehre. Ich stimme dem ohne Vorbehalte zu.

3. Die Maske des Biedermanns

Ab dem 26. Mai 2022 strahlen deutsche Fernsehsender die mit großem Pomp angekündigte Sendung über den „umstrittenen Autor“ Tellkamp aus. Sie dauert zwei Stunden, und sie dient einem einzigen Zweck: Mainstream sieht sich geradezu zwanghaft zu einer Rechtfertigung veranlasst. Man ist speziell wg. der Behandlung der Causa Tellkamp mit dem nicht zur Ruhe kommenden Vorwurf konfrontiert, man könne in Deutschland nicht mehr alles sagen. Dieser Vorwurf kollidiert in beunruhigender Weise mit dem Selbstbildnis von Mainstream, im besten und freisten aller Deutschlands zu leben. Das allerdings glaubt in Deutschland – jenseits des Sumpfes der Propagandisten – nur noch eine Minderheit.
Es ist also nicht verwunderlich, wenn der öffentliche Rundfunk, der sich als Speerspitze von Mainstream einschätzt, einen Versuch unternimmt, in dem er die verruchte Meinung der Meinungs-Unfreiheit widerlegt. Es gibt daher, so der Gedankengang, keine bessere Möglichkeit als diejenige, diesen Tellkamp mit seiner verderblichen Meinung ausgiebig zu Wort kommen zu lassen und – jetzt kommt‘s – beim Publikum den Umstand der Wortmeldung, aber nicht deren Inhalt ankommen zu lassen – ein ebenso einfacher, wie gängiger Propagandatrick.

In der Praxis der hier besprochenen Sendung ging das so. Tellkamp redete tatsächlich minutenlang in die Kamera. Ich nehme an, dass er die Worte so sprach, wie sie gesendet wurden. Was unklar blieb, war, in welchem Zusammenhang er das sprach, was zu hören war. Unklar war zum Beispiel: auf welche Fragen oder Einwürfe reagierte er. Zum Beispiel wurde ihm in einer Dauerschleife vorgehalten, der habe mit seiner Äußerung unrecht, 95 Prozent aller Flüchtlinge hätten allein das Motiv, in die Sozialsysteme Deutschlands einzuwandern, was letztlich nicht gut gehen könne. Das Letztere, die Selbstzerstörung, ist die eigentliche Aussage, doch in der Sendung ging es allein um die Zahl, und diese Zahl 95 sei erwiesen falsch. Soso, ist das erwiesen? Als ob es darauf ankäme. Es könnten genauso gut 55, 80, 96 oder 100 Prozent sein, denn worauf es alleine ankommt, ist der Umstand und die Folgen, nicht hingegen die Zahl.
Der Rest war von ähnlicher Gedankenschärfe. Tellkamp wurde argumentativ von Leuten umstellt, die alle nichts Gutes über ihn zu berichten wussten. Beispielsweise weil er schon mit Leuten, wie der Buchhändlerin Dagen gesehen worden sei, welche wiederum mit Leuten gesehen worden sei, welche eindeutig rechts seien, wie der Verleger des Antaios Verlages, der die Stirn gehabt habe, auf der Frankfurter Buchmesse unter einer Tarn-Adresse aufzutreten. Und so weiter und so fort. Die alte Leier von der Kontaktschuld, ein Scheingefecht also, aufgeführt zur Stimmungsmache.
Was, so fragt man, hat das mit dem Meinungs-Korridor zu tun, den Tellkamp wiederholt beschrieben hat, den zu überschreiten in Deutschland die Existenzvernichtung eines Schriftstellers bedeute? Nichts, es sein denn, man nimmt den im Film ausgiebig zu Wort kommenden Dresdner Schriftsteller Ingo Schulze zum Exempel. Er merkt an, dass man sich selbstverständlich an so einem verrufenen Ort wie dem der Buchhändlerin Dagen nicht mehr sehen lassen könne, weil man so etwas wie diesen Ort nicht unterstützen dürfe und so weiter und so fort. Gefahr von Affenpocken? Bei mir kommt nur an: hier äußert sich ein selbstgerechter, zudem ein unterlegener Konkurrent unter der Maske des Biedermanns – der Biedermann als Brandstifter.
Toleranter Umgang bedeute, so die reichlich eingestreuten Kultur-Vermittler, die Grenzen der Toleranz strikt zu beachten. Mit einem solchen, wie dem Tellkamp, sei deswegen ein Gespräch nicht mehr möglich, weil er sich außerhalb des Sagbaren gestellt habe. Besser kann man es kaum sagen. Toleranz ist die Meinung des Wir, so dass das abweichende Du nicht mehr zu Wort kommen darf.
Wenn es eines Beweises für die Wagenburgmentalität von Mainstream bedurft hätte, so genügte die Lektüre der sogenannten Kritiken zu diesem Film. Die Küsschen gebende Branche brachte unisono zu Ausdruck, wie wunderbar dieser Film gelungen sei – ein „Meisterwerk“ –, weil der Beweis geführt worden, dass Tellkamps Aussagen falsch und dagegen die Auffassung richtig sei, dass man in Deutschland alles sagen könne.
Mehrere Stunden sprachen wir im Freundeskreis bis in die späte Nacht hinein über Buch, Lesung und Fernsehklamauk. Einer äußerte, die Kritiker seien in Wirklichkeit erleichtert, dass das von ihnen verrissene Buch so harmlos sei, wie es nun mal sei – jedenfalls keine herbeifantasierte, leicht zu durchschauende Handreichung zum Systemsturz. Mag sein, dass das stimmt. Ich meine die Sicht der Kritiker. Doch ich teile diese Sicht nicht. Das Buch ist äußerst komplex, vielleicht zu komplex, aber alles andere als harmlos. Man lege die dort gnadenlos geschilderten Situationen an das Hier und Heute an. Dann wird klar, was ich meine.

©Helmut Roewer, Fotos HR, Zeichnung Bernd Zeller, Jena, Mai 2022

Der Apfel des Bösen und die Desinformation

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Gastautor Josef Hueber

Der gerechte Kampf gegen rechte Desinformation (weil es linke nicht gibt), neudeutsch Fake News, den die Altmedien im Schulterschluss mit den Altparteien kämpfen, nimmt weiter Fahrt auf. Bayerns Innenminister Herrmann hat da eine Idee.

Desinformation – Fake News im Garten Eden und in Deutschland

Vertrauen in die Desinformation des Satans gilt biblisch als Erstursache menschlicher Verlorenheit. „Ihr werdet sein wie Gott“, das war Fake News 1.0 Versprochen hat das der Versucher dem Menschen nach dem Genuss der verbotenen Frucht vom verbotenen Baum. Das Ergebnis ist bekannt. Die Folge der gestreuten Desinformation war das Ende der heilen Welt. 

Ähnlich sinnüberhöht sieht offensichtlich Bayerns Innenminister Joachim Herrmann die Bedrohung der Demokratie durch die Desinformationen der Querdenker und ihrer journalistischen Unterstützer in den neuen digitalen Medien. Deren aller Ziel sei es,  so scheint es in seinen Hirnwindungen zu tönen, mittels Desinformationen die Demokratie zu schwächen, indem sie mit Hass und Hetze die Gesellschaft spalten und die Menschen verwirren, indem sie ihr Wissen mit dem Wissen der politisch korrekt Denkenden in Politik und Wissenschaft anmaßend als ebenbürdig konfrontieren und zur Diskussion stellen wollen (Ganz im Geiste wissenschaftlicher Auseinandersetzung zur Wahrheitsfindung. Oder etwa nicht?). Sie, die ewigen Nörgler, wissen offensichtlich nicht, wie falsch sie liegen und welches Unheil sie anrichten. Gerade im Zusammenhang mit der Pandemie, so Herrmann, habe sich die Gefährlichkeit von Desinformationen gezeigt. Schlussfolgernd will der alles Postenschachern stets überlebende Innenminister Bayerns einen “Aktionsplan gegen Desinformation” bei der Konferenz der Innenminister von Bund und Ländern ( 1.-3.Juni) initiieren.  https://t1p.de/gvojy

Ein Netzwerk statt kilometerlanger Stasi-Akten 

Es gelte, ein “Netzwerk” aufzubauen in Bund, Ländern und Kommunen, an dem auch die “Zivilgesellschaft” beteiligt sein soll. Offensichtliches Ziel ist die Sicherung der Demokratie, weswegen „Lügen in der Absicht, zu spalten und Hass zu verbreiten” verhindert werden müssten. Lügen seien nämlich „keine schützenswerte Meinungsäußerung.” Gezielte Desinformation muss folglich unter Strafe gestellt werden: „Für vergleichbare Tatbestände wie Volksverhetzung oder die Billigung eines Angriffskrieges gilt das ja auch”, so der Minister und seine Einstellung zu Wahrheit und Lüge. 

Konsequent durchdacht muss dies wohl heißen: Wir da oben – weil im Besitz der Wahrheit – wissen, was gesagt werden darf, und was – weil Desinformation und Lüge – gemeldet, unterdrückt und sanktioniert werden muss.

Wissen und Interessenkonflikt

Bei der Bündelung der Daten des herrmannschen Netzwerkes zur Bekämpfung von Desinformationen wird es langfristig vermutlich unumgehbar sein, eine koordinierende Wahrheitsbehörde einzurichten. Aus Gründen des Interessenkonflikts wird sie sich nicht mit den Desinformationen der Regierung und der öffentlich-rechtlichen Medien beschäftigen. 

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Die gute römische Küche

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Jeder weiß, dass man in Italien gut isst und trinkt. Aber auch als Tourist? In Rom sind die Bars, Cafés und Restaurants brechend voll. Es sieht anheimelnd aus, wenn man in eine Gasse schaut, durch die sich Tische wie ein Band den Straßenrand entlang reihen, besonders abends bei Kerzenschein. Aber ist immer gut, was da serviert wird?

Wir sind gleich am ersten Abend in eine Touristenfalle geraten. Wir waren kurz vor 22 Uhr im Hotel angekommen und wollten noch etwas essen. Der Mann an der Rezeption empfahl uns „Il Grotto“ ein paar Meter weiter. Die Lokalität sah ansprechend aus. In einen ehemaligen Stall oder einer Werkstatt gebaut, geben die Balken dem Ganzen ein rustikales Gepräge. Ich will aber nicht mit unseren schlechten Erfahrungen langweilen, sondern erzählen, wie wir in den nächsten Tagen dazu kamen, Spitzenlokalitäten zu genießen.

HG, unser Kenner las das Rom-Buch von Hans-Josef Ortheil (https://www.suhrkamp.de/buch/hanns-josef-ortheil-rom-t-9783458357605), der insgesamt 6 Jahre hier gelebt und seinem Buch den Untertitel „Eine Ekstase“ gegeben hat. Er beschreibt die römischen »Oasen der Sinne«, Gärten, kleine Kreuzgänge, Palazzi und versteckte Aussichtsterrassen. Mehr noch: Ortheil nimmt uns mit in seine Lieblingsrestaurants, in Bars und Osterien. Das Buch erschien schon 2008, also überprüfte HG erst einmal im Internet, welche Lokalität noch existiert. Und danach erstellte er nach Ortheils Beschreibungen eine Hitliste.

Als Erstes besuchten wir „Checco er Carretiere“, ein Traditionslokal im lebhaften Trastervere (Via benedicta 10.Anders als hunderte andere dortige Lokalitäten öffnet es erst um 19.00 Uhr. Eine Reservierung ist mehr als ratsam, denn der Gastraum füllte sich im Handumdrehen. Checco bietet römische Küche zu moderaten Preisen, sehr gute Weine und hervorragende Artischocken auf jüdische Art. Unbedingt probieren sollte man die Innereien in Aspik, auch wenn die Deutschen sich abgewöhnt haben, so etwas zu essen. Die Römer lieben das mit Recht!

Unser zweites Ziel war die „Checcorino dal 1887“ (Via di Monte Testaccio 30).

Wie schon im Namen verraten, wurde das Lokal 1887 gegenüber dem ehemaligen Römischen Schlachthof als Kantine für die Schlachthofarbeiter gegründet. Die Spezialität des Hauses stammt noch aus dieser Zeit: Ein Teller mit Innereien mit einer köstlichen Weinsoße. Die fleischlichen Antipasti stammen aus einer befreundeten Metzgerei, das Gemüse kommt von einem Händler, der speziell für ausgesuchte Restaurants liefert. Ein Highlight ist der römische Apfelkuchen.

Wenn man sich kundig gemacht hat und fragt, wird man in den Keller geführt. Das Haus liegt am Warenumschlagplatz des antiken Roms. Hier kamen die Amphoren mit Öl und Wein an. Wenn ihr Inhalt verkauft war, lohnte es sich nicht, die Gefäße zurückzunehmen. Sie wurden zerschlagen und kunstvoll zu einem Hügel, dem Testaccio, aufgeschichtet, der über 40 Meter hoch wurde. In diesen Hügel wurde der Keller des Restaurants gebaut. Man steht zwischen Wänden aus Amphorenscherben. Durch die Lücken zwischen den Scherben kommt ein stetiger Luftzug. Die Temperatur bleibt sommers wie winters gleich bei 16° Celsius – ideal für die Weinlagerung. Natürlich ist der Rebensaft, der hier gelagert wird, von bester Qualität.

Unser drittes Ziel, das „Otello“ ist so alt, dass schon Goethe, der in der Nähe auf dem Corso wohnte, hier gespeist haben soll. (Via Mario de Fiori 40) „Die gute römische Küche“ weiterlesen

Die gekroosten Deutschen

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Von Gastautor Alexander Freitag

Natürlich kann man den ZDF-Interviewgau nach Abschluss des Champions-League-Finales sportlich nehmen. Passiert halt schon mal. Haken dran. Und generell würde ich das, abseits eines gewissen Spotts über einen bräsigen ÖR, auch so sehen. Wenn man aber mal aus der Vogelperspektive drauf schaut, ergibt sich auch eine andere Sichtweise.

Beginnend beim ZDF-Rasenreporter, der im Frollein-Rottenmeier-Stil den eben erfolgreichen Sportler zunächst indirekt fragend daran erinnert, dass er und seine Mannschaft ja eigentlich gar nicht so dolle gespielt hätten – der germanische Neidreflex lässt da verdrießlich grüßen. Auch die zweite Frage geht in diese Richtung, denn der ÖR-Journalist sieht sich ganz offenkundig in der Position, aufklärend zu wirken. Daraufhin erhält er vom schon genannten, eben erfolgreichen Sportler eine erfrischend klare Ansage, nach der er 90 Minuten Zeit hatte, sich vernünftige Fragen auszudenken – und dabei bis hierhin erkennbar gescheitert ist. Anstatt also nun umzuschalten, und einzusehen, dass es so nicht funktioniert, schiebt der famose ZDF-Rasenreporter, immer noch beseelt vom Auftrage der sachlichen Aufklärung, eine dritte Frage hinterher, die der Dämlichkeit der beiden vorherigen Fragen schnurstracks folgt. Das Ergebnis ist bekannt: Der erfolgreiche Sportler hat keine Lust mehr auf den verkniffenen Deutschen im Reporter-Gewand – und bricht das Interview einfach ab.

Beim Blick auf den Sportler fallen ein paar Dinge auf. Kroos ist einer der erfolgreichsten deutschen Fußballer der jüngeren Geschichte. Weltmeister, nunmehr fünffacher CL-Sieger, leistungsbetont. Seit etlichen Jahren lebt er fern der verkniffen gewordenen Heimat, die sich mit leistungslosem Buntheitsgedöns feiert – ohne indessen dabei Titel oder Erfolge zu erzielen. Kroos lebt in einer völlig anderen kulturellen Welt, weitab deutschen Besserwissens und Moralgetue. Bodenständig, Familienmensch, klassischen Lebensweisen folgend, die es in den ach so progressiven deutschen Landen, wg. Diversität und so, zwischenzeitlich sehr schwer haben. Und ist extrem erfolgreich dabei. Seine Laufbahn in der Regenbogen-Mannschaft des DFB hat er, wohl einer gewissen Konsequenz folgend, zwischenzeitlich beendet.

Fassen wir zusammen: Kroos, international, klassisch-familiär und leistungsbetont lebend, trifft auf bräsig-besserwissenden Moraldeutschen. Und lässt diesen, nach dem er sich zwei, drei Sätze von ihm angehört hat, einfach stehen. Es ist die protoptypische Situation der weltfremden Deutschen, die immer noch meinen, dass sie mit ihrem größenwahnsinnigen Rechtgehabe zur progressiven Avantgarde gehören, dem der Rest der Welt begeistert zuhören würde. Kroos ist in dieser Nussschalen-Situation der Rest der Welt, der diese dussligen Deutschen so restlos satt hat, dass er sie einfach stehen lässt.

„Jetzt isser weg!“, wusste der düpierte ZDF-Rasenreporter verdutzt in die Kamera schauend zu berichten. Ja, genau: Da war er weg. Wie alle anderen auch, die keine Lust mehr haben auf diese Deutschen. Und lieber zu den anderen gehen, die Leistung feiern. Und Emotionen teilen, statt ideologische Rechthaberei zu betreiben. Das verdutzte Gesicht des deutschen ÖR-Rasenreporters und seinen Satz sollte man sich merken: Es ist die Erfahrung, die den Deutschen zukünftig regelmäßig widerfahren wird: Man wird ihnen zwei, drei Sätze lang zuhören – und sie dann einfach stehen lassen.

Man könnte diesen Vorgang, wenn man denn will, mit dem Begriff „Kroosen“ ikonisieren.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf: steffen-meltzer.de

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Das verborgene Rom

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Montags sind die meisten Museen geschlossen, also entscheiden wir uns, den Petersdom zu besuchen. Diesmal nehmen wir die U-Bahn. Der Zug ist voll und alle Fahrgäste sind maskiert. Von einer freundlichen Dame werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass, wer maskenlos angetroffen wird, 4000€ Strafe bezahlen muss. Ob das stimmt, können wir nicht nachprüfen, aber wir haben unsere Maulkörbe dabei und legen sie an. Corona zersetzt die Gesellschaft.

Rund um den Petersdom ist das alte Rom vollständig durch Bauten aus dem 19. Und frühen 20. Jahrhundert ersetzt worden. Es sind aber überwiegend keine Wohnhäuser, sondern Unterkünfte für Pilger aus aller Welt.

Der Petersplatz ist mit oder ohne Menschen eine vollkommene Schöpfung Berninis. Die vier Reihen der Kolonnaden, umarmen den Platz, umspannen und öffnen ihn zugleich, die Nischen bieten Schutz oder Versteck, die Stufen leiten den Besucher auf die verschiedenen Ebenen. Die Prozession der heiligen zeugt vom Triumph der Kirche. In der Mitte des Platzes die schönen, von Bernini entworfenen Brunnen und der Obelisk, der in Rom nicht fehlen darf.

Am Ende des Säulengangs die steile Treppe, an deren Ende der Papst seinen Staatsbesuch erwartet, ein verkleinerter Canossa-gang für die Staatsoberhäupter, die daran erinnert werden, dass seinerzeit der Machtkampf zwischen Weltlicher und kirchlicher Herrschaft zugunsten des Papstes ausging.

Um den Platz herum windet sich eine Schlange von Touristen, die darauf warten, den Dom besuchen zu können. Uns wird angeboten, für 51€ einer Gruppe anzuschließen, die in einer halben Stunde ohne Wartezeit das Allerheiligste der Christenheit besichtigen zu können. Wir verzichten, werfen lieber noch einen kurzen Blick auf die schwarze Plastik, ein überfülltes Flüchtlingsboot, das an die Situation auf dem Mittelmeer gemahnen soll, ohne die Rolle der Schlepper zu thematisieren und machen uns auf in Richtung Campo de Fiori. Auf der Tiberbrücke haben wir einen unverstellten Blick auf die Engelsburg. Ein düsteres Gebäude. Das Schwert des Engels ist gesenkt, so dass seine Spitze in Richtung der Gefangenen zeigt, die in den Zellen der Engelsburg schmachteten.

Vom Campo de Fiori sieht man kaum etwas. Er ist von Marktständen besetzt, die nur noch zum Teil etwas mit den üblichen italienischen Produkten. Obst und Gemüse werden zu Preisen angeboten, die erst in kürze in Deutschland üblich sein werden.

Obwohl das Denkmal für Giordano Bruno, der hier als Ketzer verbrannt wurde, kaum Sitzmöglichkeiten bietet, bringen es einige Touristen doch fertig, sich irgendwie anzuklemmen. Ob sie wissen, um wen es sich handelt und warum er hier steht? Auf den Straßen, die vom Campo wegführen, wälzt sich ein nicht abreißender Strom von Touristen. Goethe würde sie für Flagellanten halten, was ihre Kluft betrifft. Aus Höflichkeit verzichte ich auf eine Stilkritik.

Unser Zeil ist die Villa Farnese. Auf dem Weg dahin kommen wir am Palazzo Spada vorbei, ein Gebäude mit einer prächtigen Fassade, die aber in keinem Kunstführer erwähnt wird. Das war der Sitz des Kardinals Bernadino Spada, eines Freundes von Guido Reni und passionierter Kunstsammler. Heute ist seine Galerie für das Publikum geöffnet, aber es finden nur wenige Besucher hierher. Das ist schade, denn die Sammlung beherbergt zahlreiche Kostbarkeiten, von der Antike bis zum Barock. Zwar sind manche Gemälde ungünstig gehängt, aber dafür hat man die nötige Ruhe, sich in sie zu vertiefen. Der gute Kunstführer des Museums ist eine ausgezeichnete Hilfe bei der Erklärung der Bildinhalte. „Das verborgene Rom“ weiterlesen

Wie man Rom aushält

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Wie kann man heutzutage den Geist Roms entdecken? Schon Goethe klagte:

„Gestehen wir jedoch, es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom dem neuen herauszuklauben, aber man muss es dennoch tun und zuletzt eine unschätzbare Befriedigung hoffen. Man trifft auf Spuren einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere Begriffe gehen.“ Dabei hat Goethe das von Touristen begrabene Rom nicht gekannt!

Der ebenso lächerliche wie gefährliche Anschlag auf das berühmteste Lächeln der Welt in Paris macht noch einmal nachdrücklich klar, warum bewaffnete Polizisten und Soldaten in Kampfanzügen überall in der Stadt sichtbar präsent sind. Nicht nur „Aktivisten“ die sich ihre 15 Minuten Ruhm sichern wollen, indem sie auf die Mona Lisas dieser Welt losgehen sind eine Gefahr, sondern auch die verloren gegangene Wertschätzung unseres reichen kulturellen Erbes, das zum Selfiehintergrund degradiert wird.

Am Sonntag sind wir frohgemut zur Villa Borghese aufgebrochen. Nach der kompakten Stadt ist der weitläufige Park eine Erholung für die Seele. Ein älterer Straßenmusiker, gekleidet in Weiß, spielt „Killing me softly“ auf der Violine, aber so abgehackt, dass es sich nach Verzweiflung anhört. Ein paar Amerikaner versuchen, die Melodie mitzusummen, geben aber auf, weil sie aus dem Takt geraten. Geld mag für das Gedudel kaum jemand geben, eher dafür, dass er endlich aufhört und nicht weiter den heiteren Morgen stört.

An der Villa weist ein Zettel am Eingang darauf hin, dass nur Einlass findet, wer ein Ticket im Internet gebucht hat. Die nächste Möglichkeit, sich den Besuch zu sichern, besteht erst in einer Woche.

Wir lassen es uns nicht verdrießen und lassen uns stattdessen im Park treiben, der von römischen Ausflüglern bevölkert wird. Wir kommen an einer Rennbahn vorbei und genießen für eine Viertelstunde die eleganten Pferde, die von ihren Reitern in einem umzäunten Areal auf den Parcours eingestimmt werden, samt Übungssprüngen. Ab und zu wird ein Jockey aufgerufen, der lenkt sein Pferd dann zum Ausgang, ein Strick wird auf dem öffentlichen Weg hochgezogen, der die Flaneure zurückhält, damit Pferd und Reiter passieren können. „Wie man Rom aushält“ weiterlesen

Über Rom ist schon alles gesagt…

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Aber noch nicht von jedem. Halten wir uns an Goethe, der seinem Sekretär Eckermann diktierte:

„Ich kann sagen, dass ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe und zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen, ich bin, mit meinem Zustand in Rom verglichen, eigentlich nie wieder froh geworden.“ Da war er erst 40 Jahre, hatte also die Hälfte seines Lebens noch vor sich.

Heute ist viel von dem Zauber, den Rom ausstrahlt, unter den Touristenmassen begraben. Die Stadt wird zum Selfie-Hintergrund.

Wir starten unseren zweiten Tag auf dem Kapitol. Eine Stadt ist reich, wenn sie einen schönen Platz besitzt, der nicht von Autos entstellt wird. Rom hat mehrere, der schönste ist die Piazza del Campidoglio des Kapitolinischen Hügels. Hier hat kein Geringerer als Michelangelo die Hand angelegt. Schon im Altertum war der kleinste Hügel Roms das geistlich-politische Zentrum. Auf seinen beiden Kuppen standen die beiden wichtigsten Tempel, der des Jupiter und der der Juno.

Wer heute die von Michelangelo konzipierte Treppe heraufsteigt, bekommt nicht nur einen Eindruck von der Würde, die sich Rom stets zu bewahren wusste. Man spürt förmlich das Erhebende beim Aufwärtsgehen. Der Platz selbst, auch von Michelangelo entworfen, wird von drei Gebäuden beherrscht, die nicht rechtwinklig zueinanderstehen, sondern ein Trapez bilden. Die gefühlte Mitte des Platzes wird heute von einer Replik des Reiterstandbildes von Marc Aurel beherrscht. Das Original entging der päpstlichen Säuberung, weil man Aurel für Kaiser Konstantin hielt, der das Christentum in Rom zur Staatsreligion erhob.

Die Gebäude lassen Zugänge zum Forum Romanum offen. Auf das antike Herz Roms werfen wir nur einen Blick von oben. Die brüllende Hitze lässt uns vor einer Erkundung der Ausgrabungen absehen. Wir wenden uns stattdessen dem Kapitolinischen Museum zu. Die älteste europäische öffentliche Kunstsammlung wurde 1471 von Papst Sixtus IV gegründet und von späteren Päpsten immer wieder ergänzt. Hier sieht man alles, was die europäische Kultur geprägt hat: die Kapitolinische Wölfin, den Jungen mit dem Dorn im Fuß, die Gänse, die durch ihr Geschnatter Rom vor dem Angriff der Gallier warnten, die Köpfe der antiken Philosophen und Herrscher, die Kapitolinische Venus, der Kapitolinische Brutus. Es sind aber auch Modelle des Kapitols der Stein- und Bronzezeit und jüngste Ausgrabungen zu sehen.

Nach zwei Stunden brauchen wir eine Pause, die wir auf dem Dachterrassencafé mit grandiosem Blick über Rom verbringen. Hier sehen wir auch die Kuppel des Petersdomes, die Herrscherin über die Stadtsilhouette.

Danach sind wir gestärkt für die Pinakothek. Auch hier ist der freche Caravaggio vertreten, mit einem Bild des Täufers mit einem so hingebungsvollen Ziegenkopf, dass man unwillkürlich an Sodomie denkt. Daneben die „Wahrsagerin“, ein Gemälde, das durch seine revolutionäre Farbigkeit besticht. Das Licht überströmt die Figuren, die Wahrsagerin und den jungen adeligen von rechts oben und verleiht den Personen eine Plastizität, die sie lebendig erscheinen lässt. Caravaggio wäre nicht er, wenn er nicht abgebildet hätte, wie geschickt die Wahrsagerin dem adligen seinen Ring vom Finger zieht. Eine Warnung vor der Naivität derer, die das wirkliche Leben nicht kennen. „Über Rom ist schon alles gesagt…“ weiterlesen

Rom nach Corona

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Der FEX war pünktlich, diesmal ging es am BER zügig voran. Vielleicht wird doch noch ein anständiger Flughafen daraus. Mit Easy Jet im Direktflug nach Rom. Zu den geänderten Regeln gehört, dass man kein Kabinengepäck mehr mitnehmen darf, es sei denn, man bucht ein spezielles Ticket. Das hatte ich in der endlos langen Gebrauchsanweisung übersehen und werde streng verwarnt. Mein Koffer verschwindet und taucht zum Glück in Rom am Gepäckband wieder auf. Corona hat die Welt komplizierter gemacht, das wird uns bleiben.

Wir nehmen ein Taxi zum Hotel. Der Flughafen liegt ziemlich weit draußen, aber der Transfer ist für vier Personen billiger, als würden wir den Leonardo-Express zum Hauptbahnhof und anschließend die U-Bahn nehmen. Leider sind die Straßen der Stadt verstopft. Ein Fußballspiel ist zu Ende gegangen, zur Freude der Fans. Unser Fahrer steuert uns unbeeindruckt und kunstvoll durch den Stau. Zum Glück gibt es auch in Rom Busspuren, die für Taxis nutzbar sind. Wir brauchen nicht mehr als die 50 Minuten, die uns am Flughafen versprochen wurden. Eine Glanzleistung, die wir entsprechend belohnen.

Unser Hotel ist nur 250 Meter von der Spanischen Treppe entfernt, wir sind also mittendrin. Natürlich erweisen wir dem ehemaligen Treffpunkt englischer und deutscher romantischer Dichter sofort unsere Referenz. Von den Schäden, die ein arabischer Oligarch anrichtete, als er mit seinem schweren Geländewagen die Treppe befahren ließ, weil er glaubte, so schneller ans Ziel zu kommen, ist nichts mehr zu sehen. Die sechsstellige Rechnung hat er, ohne mit der Wimper zu zucken, beglichen.

Neben vielen Touristen und Einheimischen ist auch die Polizei präsent. Sie scheucht alle auf, die sich auf die Treppe setzen wollen. Würde sie das nicht tun, wäre innerhalb kürzester Zeit kein Durchkommen mehr möglich.

Am nächsten Morgen starten wir unsere Erkundung. Ich bin das dritte oder gar vierte Mal hier, habe aber erstaunlich wenig Erinnerungen an die Stadt. Das liegt wohl daran, dass ich mich bisher nur in politischen Gruppen durch die Ewige bewegt habe – von Attraktion zu Attraktion, aber kaum zu Fuß. Das hole ich jetzt nach und bin bezaubert. Hier gibt es noch die vielen kleinen Läden, in deren Schaufenster zu blicken sich lohnt, weil sie mehr als die übliche Markenware bieten. Die meisten italienischen Männer schlumpfen immer noch nicht in Trainingshosen oder Shorts durch die Straßen, sondern bewegen sich in eleganten Anzügen, als wären sie gerade dem neuesten Film entstiegen. Leider ist es nicht mehr opportun, Menschen einfach zu fotografieren, ich hätte gern drei Römer vor einem Barbierladen abgelichtet. Der Chef hatte zwei Kunden vor die Tür begleitet, hielt noch ein kurzes Schwätzchen mit ihnen und setzte sich dann mit einer Zeitung vor seinen Spiegel, um sich vor seinem nächsten Auftrag über die neuesten Nachrichten zu informieren.

Die meisten Häuser sind saniert, mit viel Fingerspitzengefühl. Rom ist kaum zerstört worden, die hässliche Moderne ist an den Rand gedrängt. Auf einem Hof sehen wir antike Plastiken an der Wand, die seit tausend Jahren dort eingemauert sind. Ein steinerner Sarkophag, wie sie im Pergamonmuseum stehen, diente Jahrhunderte als Wasserbehälter. Das hat man bei der Restaurierung geändert und den Wasserhahn abmontiert. Der Geist der Geschichte, die hier erzählt wird, ist ungebrochen.

Irgendwann landen wir am Pantheon. Der Platz davor ist brechend voll. Man muss sich in eine Schlange stellen, um das Gebäude betreten zu können. Es geht aber schnell. Im Inneren staunen wir über die Genialität der Architektur. Der gesamte Raum wird nur von einem Loch im Dach beleuchtet. Wir hätten gern gesehen, wie das aussieht, wenn starker Regen fällt, aber offensichtlich funktionieren die kunstvoll im Boden eingelassenen Abflüsse hervorragend. Der Zeitgeist ist auch in dieses historische Gemäuer eingezogen. Es sind dutzende Fotos von Menschen nichteuropäischer Herkunft aufgestellt, versehen mit irgendwelchen Statements. Niemand hält sich dabei auf, manche stehen auch so, dass man beim besten Willen nichts lesen könnte.

Die Menge zieht ihre Fotorunde. Das Handy in der Hand. Gesehen wird das Ganze kaum noch anders als auf dem Bildschirm. Wir bleiben stehen, um die kunstvollen Details zu bewundern – die Porphyr-Säulen, die den Kaisern vorbehalten waren. Aber auch auf dem Fußboden ist Porphyr eingearbeitet, ein Zeichen, wie wohlhabend die Gemeinde immer gewesen ist. Leider kam ich nicht umhin zu bemerken, wie wenig Respekt den großartigen Hinterlassenschaften unserer Vorfahren noch entgegengebracht wird. Auf einem der kostbaren Altäre hat sich ein Dreijähriger niedergelassen. Er bearbeitet mit seinen Füßen die Marmorwände. Seine Mutter und Großmutter stehen daneben und sehen zu. Erst als ihnen zu langweilig wird, holt die Oma das Kind von seinem selbsternannten Spielplatz. „Rom nach Corona“ weiterlesen

Die Politik und der Hunger

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Hungerkatastrophen hat es in der Geschichte der Menschheit immer wieder gegeben. In Deutschland sind die verheerenden Hungersnöte während des Dreißigjährigen Krieges tief in der Volksseele verankert. Was Andreas Gryphius in seinen Gedichten und Epigrammen über das Leiden und die Zerbrechlichkeit der Welt schreibt, fand Eingang in die Märchen, die den Kannibalismus widerspiegeln, der im Großen Krieg herrschte, der prozentual mehr zivile Opfer gekostet hat als Erster und Zweiter Weltkrieg zusammengenommen.

Eine Erfindung des letzten Jahrhunderts waren die politischen Hungersnöte in Friedenszeiten. Die gab es in der Sowjetunion unter Lenin und verstärkt unter Stalin. Was die Ukraine Anfang der Dreißiger Jahre erleben musste, wird heute als Holodomor bezeichnet und ist immer noch weitgehend unbekannt. Als Stalin die ukrainischen Dörfer abriegeln und aushungern ließ, schaute die westliche Linke lieber weg. Legendär ist der Ausspruch George Bernhard Shaws, er hätte in der Sowjetunion „volle Restaurants und großzügige Menüs“ erlebt. Der angebliche Hunger wäre eine Propagandalüge der Rechten. Der Pulitzer-Preisträger Walter Duraty leugnete die Hungerkatastrophe im März 1933 in der New York Times. Leider sehr erfolgreich. Die Linke hat ihr damaliges Versagen bis heute nicht aufgearbeitet, sondern lieber ein Mantel des Schweigens darübergebreitet.

Mit dem Ukrainekrieg rückt auch der Holodomor wieder ins Blickfeld, leider nicht in das der Politiker.

Unser Vizekanzler Robert Habeck hat am vergangenen Montag auf dem jüngsten Weltwirtschaftsforum in Davos in einem Interview Sätze geäußert, die einem das Blut gefrieren lassen. „Die Politik und der Hunger“ weiterlesen