Carbocard

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So lautet die Überschrift des 9. Kapitels in dem Roman „2054 – ein Jahr im Paradies der Genügsamkeit“ von Wulf Bennert. Eine Zukunftsvision, die nur allzu bald wahr werden könnte…

Wieder einmal hatte sich die Lehrerschaft der Greta-Thunberg-Primarschule an einem Sonnabend zu einer Weiterbildungsveranstaltung versammelt. Dass dafür der „Saal der Demokratie“ mit dem schon etwas angestaubten Strauß Plastikblumen auf dem Rednerpult gewählt worden war, ließ einen hochkarätigen Referenten erwarten. Die Schuldirektorin Frau Greil-Rottloff hatte merkwürdigerweise weder das Thema der Veranstaltung, noch den Namen des Referenten bekanntgegeben, was für eine gewisse Spannung sorgte. Mit einigen Minuten Verspätung betraten sie den Saal: die Direktorin und eine mürrisch dreinschauende, dickliche Mittfünfzigerin, die Frau Greil-Rottloff stolz als Ministerialdirigentin im Ministerium für Weltoffene Persönlichkeitsentwicklung, Universelle Bildung und Demokratische Teilhabe vorstellte, das in vordemokratischen Zeiten nur Bildungsministerium hieß. Dann folgten seitens der Direktorin die obligatorischen Bekundungen der Freude über die Anwesenheit einer so bedeutenden Gästin und die Versicherung, dass das Auditorium mit gespannter Aufmerksamkeit ihren Ausführungen folgen werde, um welche die Direktorin nunmehr bitte…Die Ministerialdirigentin nahm darauf hinter dem Redner I nnenpult Platz, welches ihr Kopf gerade noch überragte. Damit gab sie ein überaus komisches Bild ab, doch niemand wagte es zu lachen. Ohne ihr Publikum einer Anrede zu würdigen, entfaltete sie den Bildschirm ihres KIcombs und verlas mit monotoner Stimme einen Text:

Die kluge und vorausschauende Klimapolitik der Partei der Vereinigten Demokraten in unserem Land ist für die Welt ein leuchtendes Vorbild, dem inzwischen immer mehr Länder nacheifern. Durch eine Synthese von hochinnovativen Technologien mit umfassender Genügsamkeit in allen Bereichen menschlicher Konsumption ist es uns gelungen, den drohenden Klimakollaps bislang aufzuhalten und die Menschheit bisher vor seinen dramatischen Folgen zu bewahren.

Dennoch haben wir den Kampf um die Rettung des Planeten noch nicht gewonnen. Noch immer sind klimaschädliche Aktivitäten und Verhaltensweisen der Menschen und Mensch I nnen in unserem Lande weit verbreitet; sie begünstigen eine Freisetzung des apokalyptischen Gases Kohlendioxid in die Atmosphäre. Dabei ist häufig den Verursacher I nnen ihr klimaschädliches Verhalten gar nicht bewusst, weil sie die indirekten Auswirkungen ihrer Aktivitäten auf den Klimawandel nicht zu erkennen vermögen. Es verwundert deshalb nicht, dass schon seit längerer Zeit aus der Bevölkerung an die Verantwortlichen in Partei und Regierung die dringende Bitte herangetragen wurde, ein individuelles Monitoring aller Menschen und Mensch I nnen zu installieren, das ihnen die Möglichkeit gibt, sämtliche klimaschädigenden Handlungen zu vermeiden. Dieser Bitte konnte nun endlich durch Wissenschaft und Solidarwirtschaft unseres Landes dank großzügiger Förderung der Regierung entsprochen werden. Als Ergebnis eines Teamprojekts der innovativsten Köpfe und Köpfinnen unseres Landes wurde die sogenannte Carbocard geschaffen. Es ist dies ein nur wenige Millimeter kleiner Chip, der unterhalb des rechten oder linken Schlüsselbeines mittels eines schmerzlosen ambulanten Eingriffs implantiert wird. Da er im Gegensatz zu einem Herzschrittmacher keinerlei Steuerungsfunktionen erfüllen muss, benötigt er auch keinen Anschluss an irgendwelche Elektroden. Stattdessen ist er geradezu ein Wunderwerk der Sensorik. Er misst mit höchster Genauigkeit kontinuierlich: Temperatur, Herzfrequenz, Blutdruck, Blutzucker, Sauerstoffsättigung des Blutes, den Vektor der Beschleunigung, Gehirnströme und über das neue GPS millimetergenau die Koordinaten seiner jeweiligen Position. Außerdem analysiert er in einem engen zeitlichen Raster die vom Körper aufgenommenen Nährstoffe. All diese Informationen schickt er in Echtzeit an eine spezielle Cloud, die sie zur weiteren Auswertung an einen der leistungsfähigsten Quantencomputer weiterleitet. Dort wird aus den Daten ein zeitlicher Verlauf der konkreten Lebenssituation der Carbocard-Tragenden ermittelt und einer Bewertung unter Klimaaspekten unterzogen. Das Ergebnis bekommen die Tragenden allabendlich übermittelt, wobei zur quantitativen Einschätzung ihrer Klimadisziplin ein Punktesystem zur Anwendung kommt. Außerdem erhalten sie konkrete Hinweise zur weiteren Verbesserung der Klimafreundlichkeit ihres Lebensstils. Die Batterie in der Carbocard erlaubt eine ununterbrochene Nutzungsdauer von zwölf Monaten; danach kann sie von den Tragenden problemlos innerhalb von zehn Minuten induktiv wieder aufgeladen werden.“

Die Ministerialdirigentin machte eine Pause, um sich vernehmlich die Nase zu schneuzen und einen Schluck Wasser zu trinken. Dann warf sie einen angewiderten Blick auf das Wasserglas, dessen Inhalt ihr offensichtlich nicht zugesagt hatte, und fuhr fort: „Angesichts der durch die Carbocard eröffneten Möglichkeiten des Klimaschutzes ist ihre Einführung bei der Bevölkerung im ganzen Land auf begeisterte Zustimmung gestoßen.“ Nach diesem Satz hielt die Ministerialbeamtin inne, den Blick dabei fest auf die Lehrerschaft gerichtet. Eine Weile herrschte Schweigen im Saal, dann begriff die Direktorin, was von ihnen erwartet wurde. Sie sprang auf und klatschte frenetisch Beifall, dem sich die anderen zögerlich anschlossen. Der Beharrlichkeit von Frau Greil-Rottloff war es auch zu verdanken, dass sich die Beifallsbekundung dann über fast drei Minuten hinzog, bis die Rednerin sie durch ein Heben des rechten Armes beendete und ihr Referat fortsetzte:

„Die Carbocard wird allen Personen verliehen, die das vierzehnte Lebensjahr vollendet haben – und zwar kostenlos!“ Die Ministerialdirigentin löste erneut den Blick vom Manuskript und schaute erwartungsvoll auf die Lehrerschaft, doch diese war – einschließlich der Direktorin – von der vorangegangenen Beifallsorgie wohl noch zu erschöpft; die monotone Lektion musste ohne erneuten Applaus fortgesetzt werden: „Sie steht bereits vom kommenden Montag an zur Verfügung, allerdings noch nicht in der erforderlichen Gesamtzahl. Deshalb wurde eine kluge Priorisierung verfügt, und ich kann ihnen eine Mitteilung machen, die Sie alle außerordentlich erfreuen wird: Mitarbeitende im Bildungswesen wurden in die Gruppe mit der höchsten Priorität eingestuft.“  Als auch in der neuerlichen Redepause niemand reagierte, half die Rednerin nach: „Ich denke, dass eine solch gute Nachricht einen Applaus wert ist!“  Alle klatschten pflichtschuldigst ein paar Sekunden, was die beifallsversessene Referentin zur Fortsetzung ihres Vortrags bewegte: „Natürlich erfolgt die Verleihung der Carbocard in unserem demokratischen System auf freiwilliger Basis. Allerdings erwarten wir von den Berufsgruppen mit obligatorischer Vorbildwirkung als eine Selbstverständlichkeit die hundertprozentige Teilnahme an der Aktion. Zu diesen Berufsgruppen gehören auch die Mitarbeitenden in allen Ebenen des demokratischen Bildungswesens.“

Die Ministerialdirigentin hob die Stimme: „Wer die Annahme der Carbocard verweigert, kann kein/e Lehrende/r mehr sein! Und auf einen weiteren bedeutsamen Fakt möchte ich hier mit aller Deutlichkeit hinweisen. Ihnen allen ist bekannt, dass schon vor dreißig Jahren der Klimaschutz als Staatsziel in unser Grundgesetz aufgenommen worden ist. Nachfolgend wurde damals durch den Bundestag das GesDAKlim verabschiedet, das Gesetz zur Demokratischen Abwehr von Klimahetze. Der Paragraf 7 dieses Gesetzes ist auch auf jeden Versuch einer Verunglimpfung der Carbocard oder der verleumderischen Herabsetzung ihres Nutzens anwendbar. Klimaleugner und einschlägige Verschwörungstheoretiker, wie sie ja vereinzelt noch vorkommen, müssen nach diesem Paragrafen mit einer Haftstrafe von mindestens drei Jahren rechnen. Zulässig ist dagegen die Frage nach der Wahrung des Datenschutzes beim Einsatz der Carbocard. Dazu kann ich nur sagen: Der Datenschutz ist bei diesem Projekt vollumfänglich gewährleistet! Alle sensiblen Daten befinden sich in einer mit neuester Verschlüsselungstechnik vor fremdem Zugriff geschützten Cloud. Zugriff haben zwar die Strafverfolgungsbehörden und das Finanzamt – dies jedoch lediglich bei Bedarf. Mit einer solchen Zugriffsregelung wird künftig der Aufwand für Ermittlung bei Straftaten in einem bislang unvorstellbaren Maße sinken. Es wäre unseren Menschen und Mensch I nnen nicht zu vermitteln, wenn man auf die Nutzung solch großartiger Möglichkeiten verzichten würde! Unsere Bevölkerung hat verstanden, dass die Reduzierung von öffentlichem Aufwand eine wichtige Strategie zur Schaffung eines genügsamen, klimafreundlichen Gemeinwesens ist. Ich beende nun meine Ausführungen und gehe davon aus, dass alle Anwesenden ihnen folgen konnten – verständlich genug habe ich sie ja vorgetragen. Für die Beantwortung etwaiger Fragen von unaufmerksamen Teilnehmenden stehe ich nicht zur Verfügung; dazu fehlt mir die Zeit.“

Angeführt von der Direktorin klatschten die Lehrer Beifall, dem es aber offenbar aus Sicht der Ministerialdirigentin an der wünschenswerten Vehemenz fehlte, denn sie faltete nur den Monitor ihres Computers zusammen und verließ den Raum, ohne die Direktorin auch nur eines Blickes zu würdigen. Die Lehrer saßen schweigend auf ihren Stühlen; Carlotta hatte wieder einmal neben dem Sportlehrer Platz genommen; mit seinem unverhohlenen Nihilismus und seiner Respektlosigkeit gegenüber der Direktorin war er der einzige Kollege, dem sie vertraute. „Lassen Sie sich diesen Chip einpflanzen?“ fragte sie ihn leise. „Ich bin doch keine Laborratte,“ lautete die Antwort, „und außerdem habe ich in achtzehn Monaten und drei Tagen meine Zeit hier abgesessen. Wenn sie mich eher hinauswerfen, müssen sie für diese Monate einen anderen Dompteur finden, der versucht, den Halbaffen, die sich täglich hier versammeln, etwas beizubringen.“ Er musste den Ausdruck der Hoffnungslosigkeit in Carlottas Gesicht bemerkt haben, denn er fügte noch hinzu: „Nur Mut, Frau Bernbach! An so ein Ding kann man sich bestimmt gewöhnen. Sie sind jung und haben noch die Chance einer ehrenvollen Entlassung aus dieser Irrenanstalt an die Sekundarschule. Die dürfen Sie sich nicht verbauen!“  Inzwischen hatte sich die Direktorin hinter dem Rednerpult aufgebaut, um die „zweite frohe Botschaft an diesem Tage“ zu verkünden: Schon am übernächsten Sonnabend werde ein Implantationsteam in die Schule kommen, um in der Zeit von neun bis sechzehn Uhr im Lehrerzimmer die Verleihung der Carbocards vorzunehmen. Dazu werde der Raum entsprechend desinfiziert. Schon am Montag liege eine elektronische Liste aus, in der man zur Vermeidung von Wartezeiten eine der möglichen Uhrzeiten für den kleinen Eingriff ankreuzen könne. Dann forderte Frau Greil-Rottloff die Lehrer noch auf, sich der Verleihung dieses großartigen Rüstzeugs im Kampf gegen die Klimaapokalypse durch ständige Verbesserung ihrer Bemühungen um weltoffene Persönlichkeitsentwicklung, universelle Bildung und demokratische Teilhabe aller Schüler I nnen würdig zu erweisen.

Carlotta war, so schnell es nach dem Ende der Veranstaltung ging, an die frische Luft geeilt. Im „Saal der Demokratie“ hatte sie plötzlich die Furcht befallen, in dessen phrasengeschwängerter Atmosphäre nicht mehr atmen zu können. Sie beschloss, für den Weg nach Hause die Enge öffentlicher Verkehrsmittel zu meiden und lieber zu Fuß zu gehen. Ihre Gedanken kreisten nur um die Carbocard, die man ihr gegen ihren Willen in vierzehn Tagen einpflanzen würde: Ein fremdes Kontrollzentrum in ihrem Körper, dem keine Regung entging und das mit der Aufzeichnung ihrer Gehirnströme und deren Weitermeldung an eine unsichtbare Macht den alten Liedtext Lügen strafte „Die Gedanken sind frei“. Diese Vorstellung war für Carlotta so unerträglich, dass sie ernsthaft erwog, sich der Verleihung zu entziehen. Aber damit wäre ihre berufliche Laufbahn sofort beendet; den Drohungen der Ministerialdirigentin hatte es an Deutlichkeit nicht gefehlt. Auf die Vermittlung einer anderen Tätigkeit durch die Agentur für Vollbeschäftigung brauchte sie nicht zu hoffen; ihr Leben würde in zermürbender, beschäftigungsloser Monotonie verlaufen, mit einer Grundsicherung, die nicht viel mehr als die bloße Existenz ermöglichte. Ein solches Dasein wäre nicht mehr lebenswert. Eine Flucht nach Ungarn, dem Sehnsuchtsziel vieler Dissidenten, war schon einige Jahre nicht mehr möglich. Das Land, das sich seit Jahrzehnten erfolgreich gegen Armutsmigration abgeschottet hatte, ließ auch keine deutschen Staatsbürger mehr einreisen. Und Russland akzeptierte – wie inzwischen viele andere Länder – nur Immigranten, die einen beträchtlichen Geldbetrag als ihr Eigentum nachweisen konnten. Für den morgigen Sonntag war sie mit Alexander verabredet und hoffte inständig, er könne ihr dann einen Weg heraus aus solchen Gedankenspiralen zeigen. Aber gleichzeitig kam ihr die Frage in den Sinn, ob er nicht sogar eine Mitverantwortung für die bevorstehende Einführung einer totalen Überwachung der Menschen trage.

Als Carlotta am Sonntagnachmittag wieder in seinem Auto saß, brach es aus ihr gleich nach der Begrüßung heraus: „Alexander, beantworte mir bitte eine Frage: Hast du in deinem Rat für die Einführung der Carbocard gestimmt?“ „Diese Frage lässt sich nicht mit ja oder nein beantworten, lass dir bitte die ganze Geschichte erzählen! In der entscheidenden Sitzung lautete die Beschlussvorlage: „Verpflichtende Einführung der Carbocard für die gesamte Bevölkerung ab einem Alter von vierzehn Jahren“. Und es war in dem Dokument auch schon die Höhe der Haftstrafe für hartnäckige Verweigerer benannt. Dabei zeichnete sich ab, dass außer mir und dem Kommissar für Gesetzgebung und Rechtswesen alle anderen für die Vorlage stimmen würden; sie wäre also auch gegen unser beider Stimmen angenommen worden. Ich bin im Kreis der Kommissare ohnehin schon als Abweichler verdächtig, meine Gegenstimme hätte nur den Argwohn gegen mich verstärkt. Und so habe ich mich auf das Machbare konzentriert: wenigstens die Freiwilligkeit der Carbocard-Annahme durchzusetzen, was mir mit Hilfe des für Gesetzgebung zuständigen Kollegen auch gelungen ist. Willst du mich dafür verurteilen?“ „Nein,“ antwortete Carlotta, „doch mir hilft dein kleiner Erfolg aus der Diskussion mit deinen Ratskollegen nicht! Bei den Konsequenzen, die im Fall meiner Weigerung drohen, kann ja wohl von Freiwilligkeit keine Rede sein!“ „Ich vermag dieses System nicht aus den Angeln zu heben.“ „Das stimmt,“ entgegnete Carlotta, „weil du ein Teil davon bist!“ Sie schwiegen eine Weile, bis Alexander die Sprachlosigkeit mit der Frage unterbrach, ob ihr am heutigen Tag angesichts des schönen Wetters ein längerer Waldspaziergang recht sei. „Ich fürchte,“ lautete die Antwort, „dass ich heute keine erfreuliche Begleitung für dich bin. Die ganze Zeit kann ich an nichts anderes denken, als an meine bevorstehende Unterwerfung unter eine Kontrolle, die jede Regung von mir erfasst, um sie an irgendein künstliches Superhirn zu übertragen, das meine „Klimadisziplin“ nach einem Punktesystem bewertet und mir dann Verhaltensvorschriften macht. Ab welcher Schwere wird eigentlich eine eventuelle Unbotmäßigkeit von mir an die Strafverfolgungsbehörden weitergegeben? Und wie sieht die Alternative für eine Weigerung aus? Ich habe das Gefühl, an einem Scheideweg zu stehen und zwischen zwei weiteren Lebenswegen wählen zu müssen, die beide nicht lebenswert sind. Du kannst mir in diesem Dilemma nicht helfen, deshalb ist es jetzt besser, wenn du mich einfach zu meiner Behausung bringst.“ „Was wirst du dort tun?“ wollte Alexander wissen. „Ich werde Musik hören, wie ich das oft nach dem Tod meiner Eltern getan habe. Damals hat es mir geholfen.“ Er versuchte nicht, sie umzustimmen, sondern brachte sie wortlos bis zu dem Haus, in dem sich ihre armselige Teilwohnung befand. Als Carlotta ausstieg, fragte er: „Werden wir uns wiedersehen?“ Sie hielt kurz inne und sagte dann: „Vielleicht.“

Zu Hause angekommen, setzte sich die Lehrerin in ihren alten Armlehnstuhl. Sie war erschöpft. Erst nach einiger Zeit konnte sie sich dazu aufraffen, ein Musikstück auszuwählen. Als dann die Gitarrenmusik des Concierto de Aranjuez von Joaquin Rodrigo erklang, löste sich der Gefühlskrampf in ihrem Inneren, und Tränen liefen über ihr Gesicht.

Als Carlotta am Montagmorgen das Lehrerzimmer betrat, fiel ihr Blick als erstes auf die Projektionswand und die darauf angezeigte Liste mit der Überschrift: Termine für die Verleihung der Carbocard. Es gab darin nur noch zwei freie Zeilen: eine davon trug ihren Namen, die zweite war für den Sportlehrer bestimmt. Also waren alle anderen Lehrer sogar eher in die Schule gekommen, um durch einen möglichst frühzeitigen Eintrag in die Liste ihren Enthusiasmus für die Aktion unter Beweis zu stellen! Die belanglos scheinende Liste auf der Projektionswand markierte tatsächlich einen Graben zwischen Carlotta und der übrigen Lehrerschaft, der sich nicht mehr schließen lassen würde. Die Gespräche der anderen waren plötzlich verstummt – sie beobachteten die Mathematiklehrerin. Und die freie Zeile mit ihrem Namen schien geradezu nach ihrem Eintrag zu schreien. Carlotta sah nur noch einen Ausweg aus der Situation: Sie setzte sich an die Tastatur und trug in die vorletzte der beiden freien Zeilen 15.30 Uhr mit ihrer Unterschrift ein. Dann ging sie wie benommen zum Unterricht in die Klasse 4d. Dort spürten die Kinder, dass mit ihrer Lehrerin etwas nicht stimmte. Sie hatte nichts mehr von einem Dompteur, sondern wirkte unkonzentriert, ja geradezu geistesabwesend. Doch die Schüler nutzten die überdeutliche Schwäche ihrer Klassenlehrerin nicht aus; sie verhielten sich im Gegenteil ungewohnt ruhig – so ruhig, dass es auch Carlotta bemerkte. Ihr fiel die vorgestrige Äußerung des Sportlehrers von den sich täglich hier versammelnden Halbaffen ein, und sie dachte nach diesem zarten Anzeichen von Empathie, dass es sich doch um menschliche Wesen handeln müsse, die einfach nur Opfer der Verhältnisse waren.

Irgendwie überstand Carlotta die Unterrichtsstunden dieses Tages. Die ganze Zeit hatte sie das quälende Bild der Zeile mit ihrer Unterschrift vor Augen, die ihr Leben in unerträglicher Weise ändern würde. Nach dem Unterricht ließ sie eine Zeitspanne vergehen und begab sich dann hinüber in das Lehrerzimmer. Es war niemand darin, und von der Projektionswand leuchtete immer noch die Liste, auf der auch ihre Unterschrift stand. Sie setzte sich an die Tastatur, markierte ihren Namenszug und drückte die Löschtaste. Dann verließ sie den Raum. Als sie vor der Schule im Freien stand, fühlte sie sich trotz allem, was nun zu erwarten war, etwas besser als zuvor.

Es vergingen drei zermürbende Tage, in denen die Lehrerin hilflos dem Widerstreit ihrer Gefühle ausgesetzt war. Hatte sie wirklich die bessere Alternative gewählt? War der Preis für die Flucht vor einer digitalen Sklaverei nicht doch zu hoch? Sie versuchte, sich das beschäftigungslose Leben mit der Grundsicherung vorzustellen. Es würde größte Selbstdisziplin verlangen, den Tag überhaupt zu strukturieren. Welchen Unterschied machte es in einem solchen inhaltslosen Dasein, morgens aufzustehen oder einfach liegen zu bleiben? Würde sie wie unzählige andere Menschen versuchen, der tristen Wirklichkeit durch Flucht in die Welt der Drogen zu entkommen? Von der kargen Grundsicherung könnte sie sich lediglich dasunter der Produktbezeichnung „Cannawell“ massenhaft staatlich vertriebene Cannabisprodukt leisten. Die begehrten, weil viel stärkeren illegalen Drogen bekam man ohnehin nur für „echtes“ Geld.

Am Donnerstag ging auf Carlottas Unicom eine Nachricht ein: Sie solle sich am morgigen Freitag nach dem Unterricht im Dienstzimmer der Direktorin einfinden – das Unheil nahm also seinen Lauf. Als sie dann am Freitag vor der Klasse stand, verursachte ihr der Gedanke, dass das vielleicht der letzte Unterricht ihres Lebens sein könnte, geradezu körperliche Schmerzen. Auf einmal erschienen ihr diese undisziplinierten, lernunwilligen Schüler nicht mehr so schwer zu ertragen, wie sie es die ganze Zeit empfunden hatte. Sollte sie sich am Ende des Schultages von ihnen verabschieden? Sie verwarf den Gedanken wieder – vielleicht würde man sie ja noch ein paar Tage in ihrem Beruf als Lehrerin dulden. Dann war der Zeitpunkt gekommen, in das Direktorat zu gehen. Das Herz schlug ihr beim Eintritt bis zum Hals; sollte sie vielleicht doch noch ihre Bereitschaft zur Implantation der Carbocard erklären, um der Entlassung zu entgehen? „Frau Bernbach,“ sagte die Direktorin in sachlichem Ton, „ich habe Ihnen eine Entscheidung des Ministeriums mitzuteilen: Sie sind vom kommenden Montag an von ihren Dienstpflichten an dieser Schule entbunden.“ Die Angelegenheit war also schon auf der Ebene des Ministeriums angekommen – damit gab es keinen Weg mehr, der zum alten Leben zurückführte. „Ich habe Ihnen auch ein Zeugnis über Ihre Tätigkeit an der Greta-Thunberg-Primarschule ausgestellt, wollen Sie es bitte durchlesen und Ihr Einverständnis mit dem Inhalt erklären?“ Welch ein Hohn, dachte Carlotta, ihr ein Zeugnis auszuhändigen, das sie niemals irgendwo wieder würde vorlegen können. Sie nahm das Blatt entgegen, dessen Inhalt sie aber nicht lesen konnte, weil ihr die Zeilen vor den Augen verschwammen. „Sind Sie nun damit einverstanden?“ drängte die Direktorin. Carlotta schaute sie verständnislos an und bejahte ihre Frage, „Dann wünsche ich Ihnen alles Gute für das weitere Leben.“

Vor dem Eingang zur Schule drückte der Gedanke sie mit voller Wucht nieder: Nun war sie keine Lehrerin mehr. Schlafwandlerisch ging sie den langen Weg nach Hause zu Fuß. Dann saß sie wieder in ihrem Armlehnstuhl. Das Zeugnis war zu Boden gefallen; sie hob es auf und nahm seinen Inhalt zur Kenntnis, der sie noch mehr verstörte. In dem Dokument wurde ihr bescheinigt, eine hervorragende Arbeit geleistet zu haben und die ihr anvertrauten Schüler I nnen zu aufrechten Demokrat I nnen erzogen zu haben. Welch ein Hohn, dachte sie nochmals. Dann schaute sie auf ihren Unicom, der mit einem melodischen Signalton eine neue Mitteilung gemeldet hatte. Was auf seinem Bildschirm als noreplay- Nachricht stand, las sie zweimal, dreimal, viermal und konnte es immer noch nicht verstehen: Sie wurde aufgefordert, am übernächsten Montag um acht Uhr ihr neues Arbeitsverhältnis an der George-Floyd-Sekundarschule anzutreten. Sie glaubte zu träumen, kniff sich in den Arm – es tat weh. Eine Vermutung stieg in Carlotta auf. Sie verschickte eine Anfrage: „Alexander, warst du das?“ Wenige Sekunden später kam die Antwort: „Ja, das war ich – können wir uns jetzt wiedersehen?“ Sie hämmerte sofort in die Tastatur: „Ja, ja, ja! Und wie ist dir das gelungen?“ „Das sage ich dir mündlich, wie wäre es mit morgen 17.00 Uhr?“ Ihre Zustimmung wimmelte von Herzen und Kuss-Smileys. Dann lehnte sie sich erschöpft in ihrem Armlehnstuhl zurück. Vor ihr saß das Robohündchen Rocky und wedelte gleichmäßig mit dem weißen Schwanz, um gestreichelt zu werden. „Wenn du ein richtiges Hündchen wärst,“ sagte Carlotta zu ihm, „dann hättest du jetzt Verständnis dafür, dass einem Menschen, der gerade aus der Hölle in den Himmel katapultiert wurde, zu schwindlig ist, als dass er gleich danach kleine Hunde streicheln könnte.“

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