Vom Straßenkämpfer zum Konzern-Lobbyisten – Ein Nachruf auf Joschka Fischer

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Wieso Nachruf? Joschka Fischer lebt noch und erfreut sich bester Gesundheit. Es handelt sich auch nicht um eine vorläufige Skizze, wie sie in den Schubladen gewichtiger Medien liegt, damit man im Falle eines unerwarteten Ablebens von Promis gewappnet ist. Nein, als Nachruf will der Autor Gerd Schumann sein neuestes Buch über den einstmaligen Ober-Grünen Joschka Fischer verstehen, das kürzlich mit dem Titel „Wollt ihr mich oder eure Träume?“ im Verlag Das Neue Berlin erschienen ist.

Gerd Schumann, ein bekennender, um nicht zu sagen unverbesserlicher, Kommunist hat den Werdegang von Joseph Fischer analysiert, von dem er schon gleich am Anfang behauptet, dass dieser Mann auf ein Kriegsverbrechertribunal gehört. Wer nach dieser martialischen Ankündigung ein hysterisches Enthüllungsbuch erwartet hat sich getäuscht. Schumanns Stil ist ruhig, analytisch und faktenbasiert. Jedenfalls bemüht er sich, hinter den zahllosen Legenden, die sich um Fischers Biografie ranken, die Fakten zu entdecken. Mal gelingt es, mal muss er passen, wenn die Erzählung, wie es heute heißt, die Wirklichkeit bereits zu stark zurückgedrängt hat. Das Ganze ist eher nachdenklich als anklägerisch, auf jeden Fall gut lesbar geschrieben.

Natürlich irrt sich der Autor bisweilen in seiner Einschätzung. Das trifft besonders zu, wenn er auf die kommunistischen Experimente, die vergangenen und die noch bestehenden, zu sprechen kommt, in denen er immer noch die bessere Alternative für die Menschheit erblickt, aber das verdeckt nicht Sicht auf den Politiker, den er beschreibt.

Ich hatte vorher noch nie eine Biografie von Fischer gelesen und war erstaunt über die negative Sicht, die etliche Biografen auf Fischer zu haben scheinen, wenigstens wenn man von den Zitaten ausgeht, die Schumann anführt. Schumann sieht Fischer als Teil einer Generation, die um 1968 herum aufbrach, aber nicht dort ankam, wo sie hätte ankommen wollen, legte man ihre Ideale von damals zugrunde. Schumann sieht diese Generation als gescheitert an. Aus Revolutionären seien Systemstützen geworden. Daran hat Joschka Fischer einen großen, wenn auch nicht den alleinigen Anteil.

„Die Ergebnisse seines Schaffens allerdings sprechen für sich, und kaum jemand von den ehemaligen Umbrüchlern, Aufrührern, Nonkonformisten, Kriegsgegnern, Beatniks, Unsteten, Gammlern, Langhaarigen, Kurzröckigen, Hippies, Denkern, Kiffern, Antifas hätte sich einst vorstellen können, dass einige von ihnen zwei bis drei Jahrzehnte später verantwortlich zeichnen würden für den großen Epochenumbruch – nein, nicht wie geplant zur Revolution, sondern zurück in die Richtung, aus der die Eltern gekommen waren; und dass diese dann gar den schrecklichen „Meister aus Deutschland“ (Paul Celan) neu entdecken würden, nunmehr neu eingekleidet in ein grün-rotes Gewand mit aufgedruckten Anti-Atom-Signum“. Das ist starker Tobak, aber Schumann bringt ziemlich viele Belege für seien These.

Ich will jetzt nur feststellen, dass ich seine Einschätzung des Scheiterns dieser Generation nicht teile, sondern den von Rudi Dutschke angeregten „Marsch durch die Institutionen“ für viel zu erfolgreich halte, weil die 68er dabei sind, mit Hilfe einer Kanzlerin aus dem Osten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auszuhebeln zugunsten eines rigorosen Wertesystems, das durch gnadenloses Moralisieren errichtet und abgesichert wird.

Ich teile aber durchaus den kritischen Blick Schumanns auf einen Teil dieser Werte. Im Zentrum von Schumanns Kritik steht der angebliche Pazifismus der Grünen, die nicht nur als Antiparteien-Partei, sondern auch als Antikriegspartei gestartet sind und die, kaum an der Regierungsmacht, den ersten Einsatz deutscher Soldaten in einem ehemals von den Nazis besetzten Land ermöglicht haben. Das ist wieder nicht Fischers Verdienst allein, aber sein Anteil daran ist gewaltig.

Bevor mir das um die Ohren gehauen wird, gestehe ich, dass ich nach einem Besuch in Bosnien mit Gerd Poppe und einigen unserer Mitarbeiter der Bundestagsgruppe Bündnis 90 /Grüne, wo wir durch den Kriegseintritt Kroatiens zwischen die Fronten und unter starken Beschuss gerieten, auch für ein bewaffnetes Eingreifen plädierte. Ausschlaggebend war das Erlebnis bei einem Besuch eines britischen UNPROFOR-Stützpunkts. Zwei Tage vorher war das nahe liegende Dorf von Kroaten attackiert und die meisten Bewohner massakriert worden, davon dutzende direkt vor den Absperrzäunen der UNPROFOR, wohin sich die Menschen flüchten wollten. Die Tore blieben verschlossen. Die jungen Soldaten drin mussten dem Morden hilflos zusehen, weil das Mandat es verbot, einzuschreiten. Wie verheerend das auf die blutjungen Männer gewirkt hat, erschütterte mich zutiefst.

Ich weiß ziemlich viel über den Jugoslawien-Konflikt, auch durch den Kontakt mit Bärbel Bohley, die jahrelang erst in Sarajewo Aufbauhilfe geleistet hat und später mit ihrem bosnischen Mann in Kroatien lebte und weiter Aufbauprojekte initiierte, aber was Schumann an Fakten über die serbische Seite anführt, war mir zum größten Teil neu.

Ich wurde später skeptisch als die Bombardements in Serbien mit deutscher Beteiligung begannen, aber habe lange Zeit tatsächlich daran geglaubt, dass es die Aufgabe der Demokratien des Westens wäre, Menschenrechte und Demokratie aktiv zu verbreiten. Allerdings stehen wir jetzt vor den Trümmern dieser Menschenrechtsinterventionen, deren fatale Folgen uns einholen. Höchste Zeit für eine kritische Auswertung.

Wenn ich Kommunisten wie Schumann einen Kredit einräumen muss, dann ist es der, an der Antikriegspolitik festgehalten zu haben. Schumann kritisiert nicht nur die Bereitschaft Fischers und der Grünen, sich wieder an Kriegen zu beteiligen, sondern vor allem die Begründung dafür, die Fischer der Weltöffentlichkeit präsentiert hat. Auschwitz dürfe sich nicht wiederholen, der serbischen SS müsse Einhalt geboten werden, so wie dem Neu-Hitler Milošević. Mit Fischer begann die unerträgliche Relativierung der Nazi-Verbrechen. Heute ist schon Nazi, wer die Regierungspolitik kritisiert.

Schumann belegt klar, dass die Regierung Schröder/ Fischer genau wusste, was sie tat.

„Am 9.März2014 äußerte Ex-Kanzler Schröder auf einer Veranstaltung der Wochenzeitung Die Zeit: ‘Natürlich ist das, was auf der Krim geschieht etwas, was auch Verstoß gegen das Völkerrecht ist. Aber wissen Sie, warum ich etwas vorsichtiger bin mit `nem erhobenen Zeigefinger? Ich muss nämlich sagen: Weil ich es selbst gemacht habe […] Als es um die Frage ging, wie entwickelt sich das in der Bundesrepublik Jugoslawien, Kosovo-Krieg, da heben wir unsere Flugzeuge, unsere Tornados nach Serbien geschickt, und haben zusammen mit der NATO einen souveränen Staat gebombt – ohne dass es einen Sicherheitsratsbeschluss gegeben hätte.“

Das ist, schlussfolgert Schumann, das Eingeständnis eines Angriffskrieges, der nicht nur nach §13 des Völkerstrafgesetzbuches strafbar ist, sondern auch nach Art.20 Abs.1 des Grundgesetzes.

Warum sollten nicht auch westliche Politiker vor einem Internationalen Strafgerichtshof landen, fragt Schumann und verweist auf das 2017 gegründete „Internationale Kosovo Sondertribunal“, das erstmals die albanische UÇK wegen ihrer Kriegsverbrechen belangt wurde.

Sicher weiß auch Schumann, dass Fischer nicht vor solch einem Gericht landen wird. Er ist inzwischen in enger Kooperation mit der ehemaligen Außenministerin Madeleine Albright im Lobbygeschäft erfolgreich. Er nimmt noch mit seinen Büchern Einfluss auf die Politik, versucht es jedenfalls. Aber der einstige global player spielt in der Politik keine Rolle mehr.  Die Grünen brauchen ihn als Aushängeschild nicht. Die haben jetzt mit Baerbock und Habeck ihre eigenen Stars und nehmen Kurs aufs Kanzleramt, wovon Fischer nicht einmal träumen konnte. Wenn man sich die Frage stellen will, wie es Fischer, heute mehrfacher Millionär, geht, fällt mir ein ehemaliger hoher SED-Funktionär ein, der nach dem Ende der DDR einen erfolgreichen Hollywood-Filmvertrieb nach Osteuropa aufbaute und mehrfacher Millionär wurde. Auf die Frage, wie es ihm ginge antwortete er: „Weißt Du, früher hatte ich die Macht, heute habe ich das Geld. Aber wenn Du mich fragst, die Macht war mir lieber“.

Die Macht ist wahrscheinlich die härteste Droge der Welt, ihr Entzug dementsprechend schmerzhaft. Aber das Leid, das Fischer als Machtpolitiker über viel Menschen brachte, hat ihn anscheinend nicht sehr interessiert. Warum sollten wir uns dann um sein Leiden am Machtentzug sorgen?

Gerd Schumann: Wollt ihr mich, oder eure Träume?



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