Ein bisschen Pranger ist doch kein Problem, Frau Reschke?

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Gestern hat die Sendung Panorama sich selbst übertroffen und ein Lehrstück in Negativ-Framing abgeliefert. Überschrieben war der Beitrag mit „Bürgerrechtler und Corona“ und ging absolut in die Vollen. Featuring Hildburghausen, Sigmar Faust, Anglika Barbe und Vera Lengsfeld. Die komplette Betrachtung der gesammelten medialen Manipulation sprengt den Rahmen dieser ersten Analyse, aber sollte und wird zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.

In diesem ersten Text werde ich mich zunächst auf meinen Teil der Geschichte konzentrieren.

Den Grundton setzt Panorama-Chefin Anja Reschke gleich in der Anmoderation. Nach ein paar Bildern von der Spontandemonstration in Hildburghausen nach dem totalen Lockdown, deren Teilnehmer sie als geradezu unzurechnungsfähig hinstellt, leitet sie über mit der Frage, was wohl die „Helden“, die einst gegen eine Diktatur kämpften, heute bewegt. Jeder könnte doch breitbeinig seine Meinung „herausplärren“ und passieren würde: „Nichts“. Stattdessen hat Anja Reschke auch gleich eine Erklärung: Bürgerrechtler würden wahrscheinlich angetrieben von „Langeweile und Geltungssucht“.

Schauen wir uns als Beleg an, was mit mir in der Sendung gemacht wurde – ein Lehrstück des Wehling-Framings im Geiste des Claas Relotius: Wenn nur die Klischees bedient werden, glaubt der Haltungsjournalismus, gute Arbeit geleistet zu haben. Von sinkender Glaubwürdigkeit lässt er sich nicht beirren.

Ausführendes Organ bei dem Panorama-Machwerk war Gabor Halasz, der mich vor Wochen kontaktiert hatte um mich zu überreden, in einem Stück über die Bürgerrechtler mitzumachen. Immerhin sind wir noch im 30. Jahr der Deutschen Einheit.

Halasz hat mir gegenüber glaubwürdig suggeriert, dass er mich fair behandeln würde. Durchaus geschickt, denn er hat mir ein Stück von sich geschickt, dass er über Bürgerrechtler für die Tagesthemen produziert hat. Das war tatsächlich fair. Ich habe ihm geglaubt, dass er für seine Panorama-Produktion ähnlich fair vorgehen würde. Welch ein Irrtum. Was ich wohl unterschätzt hatte, ist, dass deutsche Journalisten natürlich das liefern, was der jeweilige Auftraggeber will und da ist Panorama natürlich etwas anderes als Tagesthemen.

Und vielleicht hat er sich auch ein bisschen unwohl gefühlt? Auf Twitter schreibt er jedenfalls: „Wie kommen sie (die Bürgerrechtler) darauf, heute wieder von einer Diktatur zu sprechen? Ich habe mich lange mit dieser Frage beschäftigt. Die Antwort fällt trotz allem schwer“. Aber vielleicht ist die Antwort ja ganz leicht: Denn offenbar ging es Panorama von Anfang an darum, Andersdenkende vorzuführen. Dafür war dann jedes Mittel recht und die Wirklichkeit, ähnlich wie bei Class Relotius, nur ein lästiges Beiwerk.

Halasz hat mich also überredet, mich Panorama zu stellen, vorgeblich um über meine Zeit als Bürgerrechtlerin zu reden. So kamen wir auch auf den Drehort Pankow Kirche, denn hier habe ich gemeinsam mit anderen in den Zeiten der DDR-Diktatur im Friedenskreis Pankow gewirkt.

Aus pragmatischen Gründen war ich einverstanden, dass Panorama sich um die organisatorischen Fragen kümmert. Auch das sicherlich ein Fehler, aber ich kann mich immer noch nicht zwingen jedem Journalisten mit größtmöglichem Misstrauen zu begegnen.

Wir trafen uns also am verabredeten Drehort und hatten ein Vorgespräch, bevor das Interview begann, in dem er mir sagte, dass wir nicht in der Kirche drehen könnten. Halasz gab aber keinen Grund an.

Das änderte sich schlagartig, als er mit dem Interview anfing. Nach einer kurzen Phase entlang der ursprünglichen Verabredung (davon kommt ein Satz auch im Beitrag), sollte ich plötzlich Stellung nehmen, dass die Gemeinde keine Drehgenehmigung erteilt habe. Bis heute weiß ich nicht, wer was genau gesagt hat, mit der zuständigen Pfarrerin hat Halasz jednfalls nicht gesprochen. Halasz versuchte, mich zu überrumpeln, indem ich zu einer Äußerung Stellung nehmen sollte, die ich gar nicht kannte und die bewusst im Unpräzisen gelassen wurde, auch in der Sendung. Und dies gelang ihm auch. In deer Realität lief das so ab: Meine Antwort auf die Frage was ich dazu sagen würde, war: „Nichts“. Schweigen. Ob ich das verstehen könnte? Nein.

Was in der Sendung als meine angebliche Antwort erscheint, ist aus Schnipseln späterer Sätze, in dem ich Halasz sagte, dass sein Insistieren peinlich sei, zusammengeschnitten. Ich brach dann das Interview ab, da ich – leider zu spät – merkte, dass ich in eine Falle gelaufen war. Der Satz „Nein, das gefällt mir nicht, Ich soll wieder vorgeführt werden“ beschreibt die Situation auf den Punkt. Die Dramaturgie dieses „Interviews“ kann man auch im Zusammenschnitt noch gut erkennen. Traurig, peinlich für einen, der sich als Qualitätsjournalisten sieht.

Natürlich wollte ich nicht, dass dieses „Interview“ gesendet wird. Auf meine ausdrückliche Bitte, das Material nicht zu verwenden, antwortet wieder das falsche Gesicht des Gabor Halasz. Er beteuert: „Es war nicht mein Ziel Sie vorzuführen. Das ist nicht meine Art von Journalismus“.

Wie wahr diese Beteuerung ist, davon kann sich jeder Zuschauer der Sendung selbst ein Bild machen.  Panorama liefert den Frame und die “Beweise”, auf Teufel komm raus.

Und wäre nicht alles schon traurig und ärgerlich genug, kommt jetzt die Krönung. Panorama setzt die von mir erhaschten Bilder in einen ganz großen Zusammenhang: „Bürgerrechtler und Corona“. Selbstverständlich war davon zu keiner Sekunde die Rede, Frau Reschke, Herr Halasz, aber wir leben ja in einem freien Land, was für bürgerfinanzierte öffentlich-rechtliche Medienleute offenbar heißt, dass sie arroganterweise glauben, alles machen dürfen, wenn es nur gegen die Richtigen geht.

Irgendwie musste jetzt noch was mit Corona und Lengsfeld her, dass „Interview“ hatte ja nichts Brauchbares geliefert. Aber kein Problem, man muss nur Dinge schön aus dem Kontext reißen, dann kann auch ein humorig gemeinter Spruch von Prof. Max Otto als öffentlich-rechtlicher Beleg gelten. Da wurde ich beim „Neuen Hambacher Fest“ (das übrigens im Mai stattfand) tatsächlich in einer satirischen Replik auf den Haltungs-Journalismus, der die Verharmlosung des Nationalsozialismus nicht scheut, um Regierungskritiker als Nazis zu diffamieren und mit dem Framing Klima- und Corona-Leugner den Holocaust für seine Diffamierungen instrumentalisiert, als „Corona-Leugnerin“ vorgestellt. Da offenbar nichts Besseres da war benutzt Panorama und Halasz vom NDR das todernst als Kernstück gegen mich in ihrem unsäglichen Pranger-Machwerk. Immerhin musste der knallige Titel „DDR Bürgerrechtler: vom SED-Gegner zum Corona-Leugner“ belegt werden. Wie armselig.

Was bleibt in der ersten Bilanz?: Reschke wurde in der Sendung mit ihrem asymetrischen Framing, wer seine Meinung äußere, dem passiere nichts Lügen gestraft.

Ein bisschen Unfairness, ein bisschen Unehrlichkeit, ein bisschen Öffi-Pranger ist doch kein Problem, Frau Reschke, Herr Halasz?

 



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