Berliner Senatorin dreht am Rad

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Henryk Broder hat schon lange vor der Corona-Krise gemeint, wenn es über Deutschland ein Dach gäbe, wäre es eine geschlossene Anstalt. Das trifft noch mehr auf Berlin zu, das wie ein Intensiv-Labor wirkt, in dem getestet wird, wie weit der Irrsinn getrieben werden kann. Vor ein paar Tagen hat die Senatorin für Verkehr und Umwelt Regine Günther mindestens die Stufe zehn der nach oben offenen Irrsinnsskala erklommen. Ihre Behörde lehnte es rundweg ab, den Pflegekräften der Charité freie Parkplätze zu gewähren.

Bekanntlich ist es das Ziel der Senatorin, die Parkraumbewirtschaftung in der Stadt so weit wie möglich auszudehnen. Besonders betroffen ist Berlin-Mitte, wo sich die Charité befindet. Es war schon immer schwierig, rund um das größte Krankenhaus Berlins einen freien Parkplatz zu finden. Jetzt ist es unmöglich, denn es gibt nur noch Plätze, für die man 2 Euro pro Stunde Parkgebühren bezahlen muss. Die Schichtlänge für Pflegekräfte beträgt um die zehn Stunden. Da bedeutet es einen schmerzhaften Einschnitt ins ohnehin karge Monatseinkommen, wenn man Tag für Tag so eine Summe bezahlen muss, nur um zur Arbeit zu kommen. Der Personalratschef der Universitätsklinik hat deshalb einen Brief an zahlreiche Landespolitiker verschickt.
Er bat darum, den Pflegekräften unentgeltliche Parkplätze in Charité- Nähe zur Verfügung zu stellen. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel empfehle wegen des Infektionsschutzes wegen „den ÖPNV nicht zu benutzen“. Das müßte in besonderem Maße für Pflegekräfte gelten.

Die Senatorin sah das anders. Busse und Bahnen würden als sicher bewertet, außerdem empfehle sie das Radfahren: „Jedenfalls ergibt sich damit insgesamt keine zwingende Notwendigkeit, für Wege ausschließlich einen eigenen PKW zu nutzen.“

Das von einer Frau, die sich im großen Dienstwagen kutschieren lässt. Oder sollte sie selbst bereits von uns unbemerkt aufs Fahrrad umgestiegen sein, um in Kälte, Wind und Regen vorbildlich ins Rote Rathaus zu radeln? Und würde, wenn sie dort wohnte, per Rad aus Brandenburg anreisen, wie sie es den Pflegekräften empfiehlt?

Ist das an Arroganz und Verachtung gegenüber denMenschen, die unser Land trotz zunehmender politischer Gängelung am Laufen halten, noch zu überbieten? In Berlin auf jeden Fall. Denn fast zur selben Zeit, da die Senatorin den Pflegekräften den Öffentlichen Nahverkehr zur Nutzung ans Herz legt, wird laut Tagesspiegel die Buslinie zur Charité gestrichen. Das geschieht natürlich aus purer Sorge um die Gesundheit der dort Beschäftigten. Laufen ist gesund, das weiß doch jeder. Auch wenn die Pfleger während ihrer Arbeit genug auf den Beinen sind, um die geforderten 10 000 Schritte pro Tag zu erreichen, können ein paar mehr vor der Schicht und nach Feierabend keineswegs schaden.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Waren die Pflegekräfte anfangs noch die „Helden“ der Krise, sind es jetzt laut Regierungsvideo, erstellt von den Komikern Joko und Claas, die Chouch-Potatoes, die ganz zu hause bleiben. Wenn die Pfleger dieser Aufforderung folgen, wer kümmert sich noch um die Kranken? Die Senatorin und ihre Crew ganz bestimmt nicht.



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