Tuvia allein unter Briten

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Tuvia Tenenbom ist ein waghalsiger Mensch. Er hat sich allein unter Amerikaner, Deutsche, Juden und Flüchtlinge gewagt, und ist nicht nur heil wieder herausgekommen, sondern bereichert an Erkenntnis und Einsichten. Im Winter 2018/2019 hat er sich allein unter Briten gewagt. In einer Zeit, da es im Vereinigten Königreich hoch her ging, wegen des beschlossenen und von den Leave-Gegnern immer wieder verzögerten Brexits, ist Tenenbom von Schottland bis Wales gereist, um die Inselbewohner zu erforschen und hat dabei die erstaunliche Entdeckung gemacht, dass kaum jemanden der Brexit, Medienthema Nummer eins, interessierte. Dafür stieß Tenebom immer wieder auf höchstes Interesse an der palästinensischen Frage. Palästinenserfahnen an Rathäusern, als Wandgemälde, auf T-Shirts, Stickern, in Oxfam-Läden, an Straßenständen und in Universitäten. Diese Palästinenser-Besessenheit ist die Kehrseite eines flächendeckenden Antisemitismus.

Ich muss zugeben, dass mich das überrascht hat. Ich habe Ende der 80er zwei Jahre in England gelebt, bin viel im Land herumgekommen, aber von Antisemitismus habe ich nichts bemerkt. War ich blind? Aber auch meine angeheirateten jüdischen Verwandten haben nie etwas von Antisemitismus erzählt. Sie lebten gern in London und in Manchester, waren gesellschaftlich aktiv und wirkten ausgesprochen entspannt. Zwei waren übrigens Labour-Mitglied. 

Dieselbe Labour-Partei war, als Tenenbom das Land erforschte, Thema Nummer zwei in den Medien, wegen ihres Antisemitismus-Problems. Labour-Chef Jeremy Corbyn war als offensichtlicher Antisemit der Schatten-Premierminister des Landes, was vielen Juden schlaflose Nächte bereitete und mit Ausreisegedanken spielen ließ. Aber kaum jemand, den Tenenbom interviewte, wollte aussprechen, dass Corbyn ein Antisemit ist und dass es ein Problem mit Alltags-Antisemitismus gibt. Selbst der jüdische MP, der nie ohne seine Tasche mit seinem Pass und Geld in über zwanzig Währungen unterwegs ist, um jederzeit sofort das Land verlassen zu können, will Klartext reden. Auch das jüdische Parlamentsmitglied Louise Ellmann, gerade von Prinz Charles in den Adelsstand erhoben, die seit Jahrzehnten Labour die Treue hält, obwohl sie von Jeremy Corbyn wiederholt als „ehrenwehrte Abgeordnete für Tel Aviv“ angesprochen wurde, windet sich.

„Ich würde Sie gerne etwas fragen, sage ich zur Dame Commander, und bitte antworten Sie mit Ja oder Nein. 

Sie lacht. Ist Jeremy Corbyn Antisemit, ja oder nein? 

Ich sitze über eine Stunde mit ihr zusammen, und nicht einmal sagt sie, was sie denkt. Das ist umso bizarrer, als völlig offensichtlich ist, was sie denkt – ihr Mann hat es ausgesprochen. Aber sie will nicht. Keine Chance. Ich merke, es wäre einfacher, einen Hund dazu zu kriegen, Jiddisch zu sprechen, als eine Jüdin die Dinge beim Namen zu nennen.“

Dagegen hat nie jemand Probleme, über die Palästinenser zu sprechen, auch wenn er wenig bis keine Kenntnisse über die palästinensische Geschichte und die gegenwärtigen Zustände hat. Die palästinensischen Raketen, die immer mal wieder auf Israel abgeschossen werden, scheinen in den Köpfen der Palästina-Fans den umgekehrten Weg genommen zu haben. Die Steine und Molotow-Cocktails die von jugendlichen Kämpfern auf die israelische Grenze gefeuert werden, verwandeln sich in der Phantasie, nicht nur des Künstlers Banksy, in Blumensträuße. Den Ursachen  dieses Phänomens konnte Tenebom nicht wirklich auf den Grund kommen.

Tenenbom ist im Hauptberuf Theatermacher. Er ist der Gründer des Jüdischen Theaters von New York. Schon früher ist er gern nach London geflogen, nur um ins Theater zu gehen. Er hält die britischen Theater und ihre Schauspieler für die besten der Welt.

Nun muss er feststellen, dass die Theaterkunst schon halb durch politische Korrektheit ruiniert ist. Es gibt sie noch, die wunderbaren Inszenierungen, die zum Teil seit Jahrzehnten laufen, wie die „Producer“ in Manchester, die Stadt, die sich nach dem Aus als industrielles Zentrum als Kulturstadt neu erfunden hat. Aber Tenenbom trifft sowohl in den Shakespeare-Hochburgen Stratford upon Avon und im Globe-Theatre London auf Neuinszenierungen, die ihm die Haare zu Berge stehen lassen, oder gar aus der Vorstellung treiben. Shakespeare gegendert heißt ihn kastriert zu haben. Tenenboms Hoffnung ist, dass nach dem Brexit die europäischen Einflüsse auf das britische Theater abnehmen könnten und es zu altem Glanz zurückfindet.

Was Tenenbom nervt, ist die Haltung der unterlegenen Remain-Anhänger, die Leave-Mehrheit nicht anzuerkennen und rückgängig machen zu wollen. Er kommt immer wieder darauf zurück, wie undemokratisch er dieses Verhalten findet. In seinen Augen ist der Brexit ein Teil der Auflehnung der Bevölkerung gegen die globale Elite, die sich in den Jahren nach den Fall des Eisernen Vorhangs herausgebildet hat und eine neue Variante der Weltherrschaft, genannt Global Governance, anstrebt.

Der für mich interessanteste Teil des Buches ist sein Zusammentreffen mit Nigel Farage. Anders als alle andern Gesprächspartner kommt Farage ausführlich zu Wort, wird kaum unterbrochen oder kommentiert. Wer eine kurze, aber prägnante Zusammenfassung der Haltung Farages haben will, greife zu Tenenbom. 

Farage begründet seine Ablehnung der EU damit, dass eine neue globale Macht aufgebaut werden soll, ein neuer Staat, ohne Zustimmung der Öffentlichkeit. Er hält den Nationalstaat für eine funktionierende, reife Demokratie und deshalb den besten Friedensgaranten. 

„Letzten Endes besteht die Menschheit aus Individuen, und jeder Versuch der Korporatierung oder Kollektivierung der menschlichen Seele endet in der Katastrophe.“

Angesichts der grauenhaften Erfahrungen mit dem Kollektivismus im letzten Jahrhundert, kann ich Farage nicht widersprechen, Tenenbom offenbar auch nicht.

Das Beunruhigenste an diesem Versuch der Re-Kollektivierung, diesmal der gesamten Menschheit, ist, das so wenige darüber nachdenken und zu schwach oder zu feige sind, dagegen anzukämpfen.

„Ich meine“, so Farage, „das muss man sich mal vorstellen, eine halbe Milliarde Menschen werden von Leuten regiert, die wir nicht wählen und nicht loswerden können“.

Am Ende des Gesprächs kommt Tenenbom auf den Antisemitismus zu sprechen. Wie konnte es so weit kommen, fragt er Farage.

„Ich glaube, das hängt mit dem ganzen Globalismus zusammen. Die Trotzkisten sind Globalisten. Die Trotzkisten in der Labour-Party sehen in der Europäischen Union einen Prototyp für eine Weltregierung. Und eins der Länder, die sie am meisten hassen ist Israel. Nicht, weil da Juden sind, sondern weil es ein Nationalstaat ist, der sich und seine Grenzen schützt.“

Damit hat es ausgerechnet Farage auf den Punkt gebracht.

Trotz des Antisemitismus fällt es Tenenbom am Ende schwer, Groß-Britanien zu verlassen. Er ist „angefixt“. Das verstehe ich nur zu gut, denn auch mir fiel es schwer, von dort wegzugehen, obwohl das Abenteuer der Vereinigung Deutschlands auf mich wartete.

Wie geht es mit Großbritanien weiter?

Gerüchten zufolge, die von Tenenbom in die Welt gesetzt wurden, „werden das National Theatre und das Shakespeare Globe…eine Produktion von „Ganz oder gar nicht“ herausbringen, mit einer Trans-of-colour-Besetzung und lauter entblößten Montys, zum Entzücken aller britischen Katzen. Ich werde dabei sein.“

Ich auch.

Allein unter Briten: Eine Entdeckungsreise



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