Sonntagslektüre: Swetlana Allilujewa: Zwanzig Briefe an einen Freund

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Ich ging am Morgen nach dem Neuen Hambacher Fest im schönen Örtchen Deidesheim spazieren, als mir an der Katholischen Kirche eines der Bücherregale auffiel, die man jetzt häufiger in unseren Städten findet. Gute, nicht mehr gewollte Bücher kann man dort hinbringen, oder Bücher mitnehmen. Ich kann an so einem Angebot nicht vorbeigehen, also begann ich meine Inspektion. Da fiel mir, als hätte es auf mich gewartet, Swetlana Allilujewas Buch in die Hände. Ich wusste sofort, dass es sich um Stalins Tochter handelte. Ihre Sicht zu erfahren, war unwiderstehlich. Im Klappentext fand sich eine Empfehlung von Golo Mann: „Swetlana wählte die Freiheit, aber nicht um mit spektakulären politischen Enthüllungen die Welt zu schockieren. So ist dies weniger ein politisches Buch, als das menschliche Dokument einer Frau, die im Schatten von Stalin lebt und der politischen Maschinerie des Staates nicht entrinnen kann“.

Es gibt kaum ein schwereres Schicksal als das, als Tochter eines Massenmörders auf die Welt gekommen zu sein. Wie Allilujewa das erlebte und verarbeitete, interessierte mich. Ich begann zu lesen und legte das Buch nicht mehr aus der Hand.

Allilujewa schrieb diese Briefe an einen Freund im Sommer 1963 im Dorf Shukowska bei Moskau innerhalb von 35 Tagen. Wer der Freund ist, erfährt man nicht. Man hat das Gefühl, es sei der Leser. Man wird unmittelbar und sehr plastisch in Swetlanas Welt versetzt, denn die Autorin verfügt über ein beträchtliches schriftstellerisches Talent. Unter anderen Umständen hätte sie die russische Literatur mit ihren Essays, Kurzgeschichten oder gar Romanen bereichern können.

Allilujewa wurde 1926 als Kind von Stalins zweiter Frau Nadeshda Allilujewa geboren. Ihre frühen Kindheitserinnerungen sind sonnig. Sie schildert das Sommerleben der Familie auf dem Gut der Erdölindustriellen Subalow, das nach der Vertreibung seiner Eigentümer von den Bolschewiki als Sommerfrische in Besitz genommen wurde. Die Familien Mikojan und Woroschilow richteten sich im Haus Nr. 2 ein, Stalins Familie bezog Haus Nr. 4., das noch über die vollständige Einrichtung seiner früheren Bewohner verfügte. Es war das gemütlichste Haus, das Stalin je bewohnte. Und das belebteste. Neben den Eltern Allilujew waren hier ihre vier Kinder mit ihren Ehepartnern und den Enkeln. Es gab regelmäßigen Besuch von den Freunden, die Stalin damals noch zu haben schien: Sergej Kirow, Nikolai Bucharin und andere bolschwistische Größen nahmen an den Waldpicknicks teil, beteiligten sich am Pilze- und Beerensammeln und sorgten mit ihrem Wissen und ihrem Intellekt für interessante Gespräche.

Es waren heitere Tage, in denen schöne, elegante, kultivierte Menschen das Leben aus vollen Zügen genossen und sich nicht vorstellen konnten, dass dies einmal enden würde. Nadeshda war die Seele des Hauses und des Kreises. Die strahlend schöne Frau wurde von allen verehrt. Es gibt zahlreiche Fotos aus dieser Zeit. Swetlana entdeckte erst als Erwachsene die Melancholie in den Augen ihrer Mutter. Die Zeit, ihrer guten Erinnerungen ist die Zeit, in der in der Ukraine die Bauernschaft auf Befehl Stalins ausgehungert wurde. Der Holodomor forderte 10 Millionen Todesopfer. Gleichzeitig war es die Zeit der Bekämpfung des Trotzkismus. Als Vorbote des Unglücks tauchte Lawrenij Beria in der Idylle auf. Swetlana schildert ihn als den bösen Einflüsterer Stalins. Wahrscheinlich war es zu schmerzhaft, den Gedanken zuzulassen, dass der eigene Vater ein ebensolches Monster wie sein Geheimdienstchef war.

Stalin ließ nicht nur Parteimitglieder und andere „Feinde“ vernichten, er löschte auch die eigene Familie fast vollständig aus. Swetlana schildert, wie ein Teilnehmer an diesen Sommertagen nach dem andern verschwand. Erst wurde Kirow ermordet, dann verschwand Bucharin. Als erster der Familie Stalins war Stanislaw Redens, der Gatte von Nadeshdas Schwester Anna an der Reihe. Er, hoher Offizier der Tscheka, wurde schon 1937 erschossen. Sein Schicksal wurde aber erst Jahrzehnte später bekannt. Dann traf es Nadeshdas Bruder Pawel und seine Frau. Sie hatten die Sowjetunion in verschiedenen westlichen Ländern vertreten und landeten 1938 als „Verräter“ vor den Erschießungspeletons. Glücklicherweise gelang es ihnen, ihren Sohn aus der Schusslinie zu bringen. Für Swetlana bedeutete das, dass ihr Cousin und geliebter Spielkamerad spurlos verschwand. Sie traf ihn erst 25 Jahre später wieder.

Bruder Fjodor setzte seinem Leben selbst ein Ende. Schwester Anna wurde 1942 verhaftet und erst nach Stalins Tod aus dem Lager entlassen. Stalins Schwiegereltern, Bolschewiken der ersten Stunde, mussten mit ansehen, wie alle ihre Kinder in die stalinistische Knochenmühle gerieten. Ihr Alter war durch Einsamkeit und Trauer verbittert. Warum ließ Stalin seine Verwandten umbringen? Sie hatten den Fehler gemacht, sich bei ihm für Menschen einzusetzen, die vor ihnen verhaftet worden waren. Stalin hat, wenn er einmal der Auffassung war, dass ein Freund oder langjähriger Kampfgefährte ein Verräter war, nie seine Meinung geändert, sondern alle, die anfangs noch an Irrtümer glaubten und Fürsprache hielten, auf die Verräterliste gesetzt.

Erst im achten Brief findet Swetlana die Kraft, von ihrer Mutter zu sprechen. Nadeshda war eine 16-jährige Gymnasiastin in Petrograd, als Im Spätherbst 1917 Stalins aus der sibirischen Verbannung zurückkehrte und von den Allilujews in ihrer Wohnung aufgenommen wurde. Von Nadeshda sind Briefe erhalten, die sie damals schrieb. Sie schildert darin unter anderem, wie schnell nach der bolschewistischen Machtübernahme in Petrograd eine Hungersnot ausbrach. Vom 22 Jahre älteren Stalin, den sie bald darauf heiraten sollte, ist in diesen Briefen nicht die Rede.

Swetlana hat ihre Mutter nur bis zum sechsten Lebensjahr erlebt. Aber auch, als sie noch lebte, sah sie ihre Mutter eher selten. Nadeshda arbeitete erst als Lenins Sekretärin, dann studierte sie. Als Studentin soll sie von Kommilitonen, die in den Sommerferien in der Ukraine eingesetzt worden waren, von der politischen Hungersnot erfahren haben. Ihr scheint klar geworden zu sein, dass sie mit einem Monster verheiratet war.

Kurz vor ihrem Tod, Ende der Fünfziger Jahre hat Swetlanas Kinderfrau erzählt, was sie über den Selbstmord von Nadeshda wußte. Schon Tage davor hatte sie ein Gespräch mitgehört, in dem Nadeshda einer Freundin anvertraute, das sie ihr Leben satt habe, einschließlich ihrer Kinder. Der Anlass für den Selbstmord war dann eher banal. Auf einem Bankett sagte Stalin vor versammelter Festgesellschaft zu ihr: „He, trink!“ Nadeshda rief daraufhin laut: „Ich bin für Dich keine, zu der man He sagt“ und verließ den Saal.

Ihre beste Freundin Polina Molotowa folgte ihr. Die beiden Frauen gingen ein paar Runden im Kreml spazieren. Zum Schluss soll Nadeshda wieder von ihren Zukunftsplänen gesprochen haben. Polina trennte sich beruhigt von ihr. Am anderen Morgen fand die Bedienstete, die ihr wie immer das Frühstück ans Bett bringen wollte, Nadeshda leblos vor ihrem Bett liegend vor. In der Hand hatte sie eine kleine Walther-Pistole, ein Geschenk von ihrem Bruder Pawel.

Stalin schlief noch ein paar Stunden, ehe er vom Tod seiner Frau unterrichtet wurde.

In der Folge bezog Stalin eine andere Wohnung und ließ sich in Kunzewo eine Datsche bauen, die er zwanzig Jahre bis zu seinem Tod bewohnte. Seine Kinder und Enkel sah er selten. Swetlana entfremdete sich von ihm immer mehr, aber es ist ihr nie gelungen, aus dem Schatten ihres Vaters zu treten. Wenigstens hat sie überlebt. Ihr Halbbruder Jascha, Sohn von Stalins erster Frau Jekaterina Swanidse, die sehr jung starb, wurde von seinem Vater sehr schlecht behandelt. Als er im Krieg in deutsche Gefangenschaft geriet, weigerte sich Stalin, ihn gegen einen deutschen General auszutauschen. Jascha beging im KZ Sachsenhausen Selbstmord, indem er sich in den Hochspannungszaun warf. Stalins Sohn Wassili endete als Alkoholiker.

Stalins einsamer, elender Tod in Kunzewo erscheint wie eine kleine, ausgleichende Gerechtigkeit.

Swetlanas Schilderungen davon sind gespenstisch.Aber die Welt ist noch nicht von ihm befreit. Seine untoten Lehren richten immer noch Schaden an.

Wie überlebt man es, Stalins Tochter zu sein? Es ist immer wieder das Erlebnis der russischen Landschaft, dass sie tröstet und zu sich kommen lässt. Und die vollständige Abkehr von allem, was ihr Vater politisch vertreten hat.

„Durch Herkunft und Schicksal dazu bestimmt, eine Frau zu sein, wie keine andere und doch wie jede, hat die Tochter Stalins in diesem Buch ihr Bekenntnis zur Menschlichkeit und Toleranz, zum ewigen Russland abgelegt“. Golo Mann ist nicht hinzuzufügen.

Allilujewa Tochter Stalins zwanzig Briefe an einen Freund

 



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