Sonntagslektüre: Krumme Gestalten, vom Wind gebissen

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Monika Maron wurde in der DDR über Nacht berühmt. Als Mitarbeiterin der beliebten Zeitschrift „Wochenpost“ veröffentlichte sie am 21. Juni 1974 eine Reportage über das Industrierevier Bitterfeld. Der Text wurde zwar nur mit starken Veränderungen abgedruckt, war aber dennoch eine Sensation, denn es wurde die katastrophale Umweltverschmutzung dieser Region offen thematisiert. Ich war in der glücklichen Lage, das Blatt in den Händen halten zu können, denn meine Eltern gehörten zu den Abonnenten. Viele andere Interessierte, mussten sich mit Abschriften begnügen, denn die „Wochenpost“ war an den Kiosken sofort ausverkauft. Von meinem Vater erfuhr ich, dass die Stasi einen Teil der frei zu verkaufenden Auflage aufgekauft hatte. Für glaubensfeste Genossen war der Artikel also zugänglich.

Ich erinnere mich gut an meine Fassungslosigkeit, dass so viel realistische Beschreibung möglich war. Ich kannte Bitterfeld nur vom Vorbeifahren. Selbst bei geschlossenen Zugfenstern und wenn der D-Zug gar nicht hielt, tränten den Passagieren die Augen von der ätzenden Luft. Man spürte einen bleiernen Geschmack auf der Zunge und fragte sich, wie das die Menschen aushielten, die hier lebten.

Natürlich blieb Maron nicht lange Mitarbeiterin der „Wochenpost“. Ab 1976 lebte sie als freie Autorin in Berlin. Ihr erster Roman „Flugasche“, in dem sie ihre Erlebnisse als Reporterin verarbeitete, wurde konsequenterweise verboten. Im Jahr 1988 verließ Maron die DDR. Seitdem ist sie eine der produktivsten und wichtigsten Schriftstellerinnen Deutschlands, ausgezeichnet mit vielen Preisen.

Allerdings geriet Maron, die sich nie das unabhängige Denken abgewöhnen wollte, wieder zur „umstrittenen“ Autorin. Wer wissen will, wofür man in eine solche Lage gerät, sollte den schmalen Band „Krumme Gestalten, vom Wind gebissen“ in die Hand nehmen. Ein Sonntag reicht für die Lektüre aus, die Anregungen, die man erhält, sind eine dauernde Bereicherung.

Das Büchlein erschien in der neu aufgelegten Reihe „Exil“ des Dresdener Buchhauses Loschwitz.

Der Titel der Edition ist eine Provokation, denn ins Exil geht man, wenn man in einer Diktatur lebt, entweder in die innere Emigration, oder man verlässt das Land. Die ersten drei Autoren, neben Maron sind das Uwe Tellkamp und Jörg Berning, haben sich für die innere Emigration entschieden. Für Maron ist die Veröffentlichung eine Art Bekenntnis.

Das Bändchen enthält Essays aus drei Jahrzehnten, die sich aber hochaktuell lesen und dokumentieren, welch unabhängiger Geist Maron immer gewesen ist. Dabei sind es nicht nur vordergründig politische Texte. Maron beschreibt die Landschaft in der Nähe Stettins, die ihr „vom Leben zum Lieben zugeteilt wurde“ mit einer Hingabe, die den Wusch weckt, sofort dorthin zu fahren und sie mit eigenen Augen zu sehen. Sie beschreibt die Mentalität ihrer Bewohner, die in einem „ganz unromantischen Einvernehmen mit der Natur“ leben, aber ganz überraschende „schöne Sätze“ über sie sagen. Die Gegend ist so dünn besiedelt, dass sie der EU als unbewohnt gilt und mit Windrädern zugestellt wird, weil auf die wenigen Menschen keine Rücksicht genommen werden muss. Maron erwähnt das en passant, ohne Anklage, was den Skandal fühlbarer macht.

Einige Essays sind ihren Hunden gewidmet, die jedem Hundebesitzer das Herz höher schlagen lässt, denn sie fühlen sich verstanden. Nicht-Besitzer werden nach der Lektüre darüber nachdenken, ob sie sich nicht auch einen Hund zulegen. Ob Hund Bruno nun ein Mensch ist, oder nicht, ist nebensächlich, denn er ist so einfühlsam, wie man es sich von Menschen wünscht, aber allzu oft vermisst.

Sehr schön ist Marons Rede über die Freundschaft von Lessing und Mendelssohn, die sie 2011 hielt, als sie mit dem Lessing-Preis geehrt wurde. Unerklärlicherweise findet diese Freundschaft wenig Beachtung, obwohl sie gerade heute als lebendiges Beispiel wahrer Toleranz und Verständigung hochgehalten werden müsste.

„Wahrscheinlich entsprachen die politische Polemik und streitbare Wahrheitssuche der Berliner Freunde auch weniger dem Ideal und dem Harmoniebedürfnis des Bildungsbürgertums und seiner Vorstellung von der reinen Kunst.“

Inzwischen dürften viele Bemerkungen der beiden Aufklärer als politisch nicht korrekt gelten, denn Mendelssohns großes Werk der jüdischen Aufklärung hat ja die spätere Katastrophe nicht verhindert, sondern „in den Augen mancher sogar befördert haben“.

Maron verweist auf den islamischen Philosophen Averroes, der für eine aufgeklärte Lesart islamischer Texte plädierte und dafür verbannt, seine Schriften verbrannt wurden. Seit seinem Entstehen verweigert sich der Islam jeder Reform.

„Aber wie geht eine aufgeklärte, säkulare Gesellschaft mit einer unaufgeklärten Religion um, deren radikaler Flügel zudem im Namen der Religion Krieg gegen die Welt führt, auch gegen die islamische, wo sie den eigenen Parolen und Machtinteressen nicht bedingungslos folgt?” Diese überlebenswichtige Frage wird in der Debatte tabuisiert.

Anrührend ist der Text über Ida Fink, die viel zu unbekannte jüdische Schriftstellerin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Leben der Menschen, deren Schicksal im Holocaust genannten Inferno massenhaft besiegelt wurde, ins Gedächtnis zu rufen. Immer wieder wird die Geschichte als Tätergeschichte geschrieben und dabei das Leben der Opfer vergessen. Aber nur, wenn wir begreifen, dass es nicht eine anonyme Opfermasse war, sondern individuelle Menschen mit ihren Sehnsüchten und Taten, kann die Täterfixierung überwunden werden. Ida Fink war 21 Jahre alt, als die planmäßige Vernichtung der Juden begann. Sie rettet sich und ihre Schwester, indem sie während des Krieges in Deutschland unterschiedliche Identitäten annimmt. Während ihrer Flucht hatte sie Angst, dass sie unter den verschiedenen angenommenen Identitäten die eigentliche Ida nicht wieder findet. „Aber dann, der Krieg war zwei Tage vorbei und ich war wieder dien alte.“ Wenn das kein Triumph des Lebens über den Auslöschungswillen ist!

Das persönlichste Essay ist über das Älterwerden. Maron hat es mit 58 geschrieben. Das ist inzwischen zwanzig Jahre her. In einer Gesellschaft, die Alter und Weisheit verachtet, ist es schwer, älter zu werden.

„Natürlich will ich, was alle wollen: Ich will lange leben; und natürlich will ich nicht, was alle nicht wollen: Ich will nicht alt werden.“ Was Maron betrifft, so hat sie diesen Konflikt grandios gelöst. Wer ihr heute begegnet, findet alle Klischees, die man von fast achtzigjährigen Frauen hat, widerlegt. Maron ist älter, aber nicht alt. Sie ist der lebendige Beweis dafür, dass Neugier, Offenheit, Unabhängigkeit und Empathie der beste Jungbrunnen sind. Und das Beste ist: Er steht allen offen. Marons Lektüre ist ein Wegweiser dorthin.

Krumme Gestalten, vom Wind gebissen: Essays aus drei Jahrzehnten (EXIL)



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