Georgien – Das Land der Goldschmiede und der sagenhaften Kolchis

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Der Goldbergbau hat in Georgien schon im 4. Jahrhundert vor Christus begonnen. Heute sind im Nationalmuseum in Tiflis die atemberaubenden Zeugnisse georgischer Goldschmiedekunst aus vorchristlicher Zeit zu sehen.
Es handelt sich im wesentlichen um Beigaben aus zwei Grabanlagen, in Sairkhe und Vari, die im letzten Jahrhundert entdeckt und nie ausgeraubt wurden. Die Grabkultur erhielt einen Aufschwung im 2. Jahrhundert BC. Da aus dieser Zeit bisher keine Siedlungsreste gefunden wurden, wissen wir Nichts über die Lebensweise der Erzeuger dieser kunstvollen Schmuckstücke und Gebrauchsgegenstände. Man vermutet, dass es sich um Gräber der herrschenden Elite handelt. Das muss aber nicht stimmen, wenn man sich erinnert, dass die spanischen und portugiesischen Eroberer Südamerikas jeden Menge Golderzeugnisse, auch für den täglichen Bedarf, bei der einheimischen Bevölkerung vorfanden, die sie billig erwarben und einschmolzen, um das begehrte Metall, für das sie zu töten bereit waren, nach Europa zu bringen.

Die Gräberkultur in Georgien ist so besonders, dass sie einen eigenen Namen bekam: Trialeti.

Das Bemerkenswerteste an den Grabschätzen ist, dass sich auch Beigaben darunter befinden, die aus Griechenland und aus dem arabischen Raum stammen. Bei aller hohen Kunst der einheimischen Handwerker waren auch damals schon Erzeugnisse aus der Fremde begehrt.
Die Welt war immer miteinander verbunden. Globalisierung hat es immer gegeben, das ist keine Erfindung des digitalen Zeitalters.

Wenn man staunend vor den Vitrinen im Tifliser Nationalmuseum steht und die Herrlichkeiten bewundert, die den Verstorbenen in die andere Welt mitgegeben wurden, fragt an sich, wie reich an Schönheit das Leben damals gewesen sein muss. Auf jeden Fall hatten diese Menschen eine Sehnsucht nach Schönheit und Eleganz, die in unserer Welt abhandengekommen zu sein scheint.

Nach dem Untergang der Trialeti-Kultur in der zweiten Hälfte des vorchristlichen Jahrhunderts, verschwand die Goldschmiedekunst fast für ein Jahrtausend aus Georgien. Einen neuen Anfang, der bald in einer Blüte mündete, nahm das Handwerk erst wieder im 8. Jahrhundert des letzten Jahrtausends.

Viele kaukasische Flüsse führten Goldstaub mit sich. Die Georgier fingen diesen Goldstaub mit Schaffellen auf, die sie in die Strömung hielten. Daher kommen wohl die Sagen über das Goldene Vlies. Sagenhaft war auch der Reichtum der Kolchis, deren Goldschmiedekunst sich aus der Bronzezeit heraus entwickelte. Sie nahm griechische und arabische Einflüsse auf, brachte aber eine ganz eigenen, einmaligen Stil hervor.

Der Goldschatz befindet sich im Keller des Nationalmuseums, in der Etage darüber ist eine beeindruckende Sammlung der reichen Fauna und Flora des Kaukasus zu sehen, die Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammengetragen wurde. Im zweiten Stock werden einheimische Trachten präsentiert.

Der größte Kontrast zum Goldschatz im Keller ist die Ausstellung unter dem Dach. Hier wird die Sowjetzeit als Jahre der Okkupation präsentiert. Um das zu unterstreichen, stehen gleich mehrere Zellentüren in der Halle. Die Sowjets als Eroberer und Unterdrücker. Kaum zu glauben, dass dies im Land der größten Stalinhuldigung entstanden ist. Wie bringen die Georgier diese sich ausschließenden Sichtweisen zusammen?

Gegenüber dem Nationalmuseum ist das Parlament. Der gelbe Bau war im Sommer Schauplatz von Massenprotesten, hauptsächlich junger Georgier. Sie verlangten die Freilassung politischer Gefangener, die Absetzung des Innenministers und eine Änderung des Wahlrechts. Die monatelangen Proteste hatten nur einen Teilerfolg. Das Wahlrecht soll geändert werden, die politischen Gefangenen wurden entlassen (aber neue gemacht) und der Innenminister ist heute Regierungschef von Gnaden des Milliardärs Bidzina Iwanischwili, der hinter den Kulissen die Geschicke des Landes leitet. Sein von einem japanischen Architekten entworfener Glaspalast thront hoch über Tiflis in einem weiträumigen, gut bewachten Anwesen.

Reste des Massenaufbegehrens konnten wir noch besichtigen. In zwei Zelten wird Mahnwache für einen ermordeten Journalisten gehalten, von dem die Protestierenden der Meinung sind, dass die Regierung über die Todesumstände nicht die Wahrheit sagt. Leider konnten wir uns nicht mit den Mahnwächtern verständigen, weil sie weder Russisch noch Englisch sprachen.

Bei der Gelegenheit stellte ich aber fest, dass meiner Reisegefährtin und mir auch nach dreißig Jahren noch nicht die Fähigkeit abhandengekommen ist, Geheimdienst-Agenten zu identifizieren. Der Protest wird von den Männern, die keine Schlapphüte mehr tragen, sondern ein sportliches Outfit, bestens überwacht. Wohin sich Georgien entwickelt, bleibt offen.


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