Von der Grusinischen Heerstraße bis zur Stalinstadt Gori

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Georgien weist auf engem Raum eine faszinierende Vielfalt von Regionen und Klimazonen auf. Von den subtropischen Schwarzmeergebieten über das Hoch- über Mittelgebirgsklima bis hin zu ariden Wüstenzonen gibt es alle denkbaren Abstufungen. Manche kann man an einem Tag erleben.

Wir hatten im Hochkaukasus auf 2134m Höhe im Wintersportort Gudauri Quartier genommen. In der Nacht hatte uns ein Gewitter wach gehalten, dass in dieser Höhe sich direkt über dem Kopf zu entladen scheint. Am Morgen, nachdem sich der Nebel verzogen hatte, begannen wir unsere Abfahrt. Dank dem Ex-Präsidenten Mikheil Saakaschwili ist die legendäre grusinische Heerstraße inzwischen asphaltiert. Es herrscht ein reger Verkehr. Es sind besonders viele Lastwagen unterwegs, weil die Straße die wichtigste Verbindung nach Russland ist, nachdem die georgischen Schwarzmeerhäfen von den Separatisten blockiert sind. Zwar beteiligt sich Georgien, das unbedingt in die EU will, am Boykott gegen Russland, das ist dem regen Verkehr aber nicht anzumerken. Die Firmen melden ihre Laster einfach in einem neutralen Land an und schon ist der Boykott umgangen. Wenn man diesen Monstergefährten dann in einer der vielen Haarnadelkurven begegnet, bekommt man jedesmal Beklemmungen, ob Bus und Laster wirklich aneinander vorbei kommen, denn direkt am Straßenrand gähnt ein Abgrund, der Anfangs mehr als einen Kilometer tief ist und sich nur allmählich verringert. Etwa in 1,7 km Höhe beginnt die Bewaldung, die jetzt in den schönsten Herbstfarben prangt und der schroffen Landschaft einen sanften Anstrich gibt. Es ist die schönste Zeit, um den Hochkaukasus zu besuchen.

Weiter unten halten wir an der Festung Anamuri, deren oberer Teil heute malerisch am Ufer eines riesigen Stausees gelegen ist. Der untere Festungsteil ist samt des gleichnamigen Dorfes zu Sowjetzeiten geflutet worden. Was noch zu sehen ist, ist imposant genug.

Jahrhundertelang herrschte hier ein stolzes Fürstengeschlecht, dem nachgesagt wird, dass seine männlichen Abkömmlinge nie eines natürlichen Todes gestorben sind. Sie beherrschten das strategisch wichtige Aragvi-Tal und damit den Zugang zur grusinischen Heerstraße.

Im Jahre 1739 wurde Anamuri von einem benachbarten Fürsten mithilfe dagestanischer Krieger überfallen. Der gesamten Familie wurden erst die Augen ausgestochen, dann wurden alle hingerichtet. Nach Rückeroberung der Festung wurde der rechtmäßige Erbe der ermordeten Familie wieder eingesetzt. Aus Dankbarkeit ließ der neue Festungsherr die Mariä Himmelfahrtskathedrale ausmalen. Ein Teil der heute noch erhaltenen Malereien zeigen das grausame Schicksal Familie. Die erhaltenen Gebäude sind aus dem 17. Jahrhundert. Allerdings findet man auch hier Einsprengsel frühchristlicher Kunst, wie ein kunstvolles Steinrelief am Eingang der Kathedrale, das den Sieg Christi über das Böse zeigt. Auch auf der Rückseite sind Steinmetzarbeiten aus dem 5. -7. Jahrhundert in die Fassade eingefügt.

Rings um die Festung haben sich zahlreiche Händler niedergelassen, die alles anbieten, was das Touristenherz begehrt. Besonders beliebt sind die georgischen Trinkhörner und Messer. Aber Tücher und Schals aller Art. Interessanter sind die kulinarischen Angebote: Es gibt frisch gepressten Granatapfelsaft, Walnüsse, georgische Äpfel, Honig, Weintrauben, Beeren, Fladen, süß oder herzhaft gefüllt und allerlei Süßspeisen. Etwas abseits steht ein Wagen, der Burger anbietet, aber ein Pariadasein führt, was hoffentlich so bleibt.

Je tiefer man kommt, desto vielfältiger wird der Straßenverkehr. Kühe weiden am Straßenrand, ab und zu stehen sie auch mitten auf der Fahrbahn. Hühner, Hunde, meist herrenlos, erfordern die ganze Aufmerksamkeit der Fahrer. Die Häuser in den endlosen Straßensiedlungen sind meist noch grau, aber mit Wein- oder Obstspalieren bedeckt.

Je näher wir Gori kommen, desto karger wird die Landschaft. Die Berge werden kahl. Die wasserreiche Ebene ist mit Obstplantagen bedeckt. Hier wachsen die besten Äpfel des Landes, wenn nicht gar der Welt.

Gori selbst hat viel Sowjetisches bewahrt. Die Bewohner betrachten Stalin als den größten Sohn der Stadt. Dem Diktator wurde schon in den Fünfzigerjahren ein protziges Museum mit Festungscharakter samt Wachturm gebaut, das sich äußerlich und innerlich seit dem Stalinkult nicht geändert hat. Das Gebäude liegt in einer lang gestreckten Parkanlage mit zahlreichen Wasserspielen, für die ein großer Teil der Stadt abgerissen worden ist. In diesem Park stehen Stalins Geburtshaus unter einem steinernen Pavillon und sein persönlicher Salonwagen, mit dem er reiste. Stalin hatte unüberwindliche Flugangst, deshalb legte er auch lange Strecken lieber im Zug zurück.

Im Museum umgibt den Besucher die bedrückende Pracht der stalinschen Zuckerbäckerzeit. Das Interieur ist in einem deprimierenden dunkelbraun gehalten, das lediglich durch beige Einsprengsel aufgehellt wird. Im Museumsladen, der unpassenderweise Shop heißt, was Stalin nie gebilligt hätte, gibt es vom Stalin-Sticker über Beutel und Taschen mit seinem Bild bis hin zum Stalinwein alles, was man sich nicht vorstellen mag.

Offensichtlich werden alle Touristengruppen, die sich in der Gegend aufhalten, hierher umgeleitet. In der Präsentation wird jeder Hinweis auf die Verbrechen Stalins vermieden. Als einer aus unserer Gruppe nach den Säuberungen und Schauprozessen 1938 fragt, bekommt er zur Antwort, dies seien kollektive Entscheidungen gewesen. Danach wird er von unserm georgischen Reisebegleiter abgewiesen, den Vortrag nicht zu unterbrechen.

Ich war nach zehn Minuten schon geflüchtet. Draußen machte ich mich auf die Suche nach der Festung Gori, die einst der Belagerung von Pompeius Magnus getrotzt hat. Auf der Karte hatte ich gesehen, dass sie sich nicht weit weg vom Museum befindet. Vorher gelang es mir noch, einen Blick in Stalins Salonwagen zu werfen. Das private Abteil des Generalissimus ist kaum drei mal zwei Meter groß, mit einer Liege und einem Schreibtisch ausgestattet. Eine Tür führt zum Bad. Stalins Wanne hat eine Holzabdeckung, sodass seine Blöße verborgen blieb, wenn heißes Wasser nachgeschüttet wurde.

Wieder draußen musste ich erst einmal tief durchatmen. Der Blick auf das Klo, auf dem sich Stalin entleert hat, war zu viel für mich.

Die Festung, auf die es in der Stadt kein Hinweisschild gibt, fand ich ziemlich leicht. Auf dem Weg dahin kam ich in Straßen, deren alte, schöne Zielhäuser von Goris eleganter Vergangenheit zeugten. Die Festung liegt auf einer steilen Anhöhe. Obwohl nur noch ein Bruchteil erhalten ist, wirkt sie immer noch imposant. Auf meinem einsamen Aufstieg schloss sich mir einer der herrenlosen Hunde an, die überall in Georgien herumlaufen. Ein gelber Chip im Ohr zeigte an, dass er registriert ist. Oben war ich, abgesehen von zwei Bauarbeitern, die im Gras lagen, um sich von ihren Restaurierungsarbeiten zu erholen, allein. Weil die Mauern nur noch rudimentär vorhanden sind, hat man einen ungehinderten Rundumblick, der atemberaubend ist. Gori liegt am Zusammenfluss zweier Flüsse, die weite Ebene ist ringsum von Bergen umgeben. In der Ferne gewahrte ich die schneebedeckten Gipfel des Hochkaukasus.

Der Hund, ganz Kavalier, begleitete mich den ganzen Weg zurück bis zum Bus und bekam zum Dank etwas zu fressen.

Unsere Fahrt ging weiter nach Borjomi, dem berühmten Kurort mit dem heilsamen Mineralwasser. Auf dem Weg dorthin veränderte sich die Landschaft zum dritten Mal. Nun waren wir von einem Mittelgebirge umgeben, dass an einigen Stellen an das Elbsandsteingebirge erinnert. Hier ist einen Nationalpark, zu dem man mit einer Seilbahn hinauffahren kann. Der Blick in die Natur wirkte nach dem Stalinkult befreiend auf die Seele. Noch wichtiger war ein tiefer Schluck vom Borjomi-Heilwasser, dessen Wirkung bei Magenverstimmungen erwiesen ist.


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