Wie sicher ist mein Geld auf der Bank?

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Von Gastautor Ferdinand Lengsfeld

Viele Privatpersonen in der Bundesrepublik lagern einen Großteil ihres liquiden Vermögens auf verzinslichen Bankkonten Sparkonten, Tagesgeldkonten, Festgeldkonten. Das ist nicht so sicher und alternativlos wie die meisten glauben, was dieser Artikel zu zeigen versucht.

Fangen wir mit folgender Frage an: Was eigentlich ist ein Bankguthaben? Die Frage erscheint auf den ersten Blick sehr banal. Jeder weiß doch, was ein Bankguthaben ist! Ja, aber meist eher oberflächlich. Betrachtet man die ökonomische Substanz, die hinter dem so offensichtlichen Alltagsterminus „Bankguthaben steckt, offenbaren sich für manche vielleicht erstaunliche und auf alle Fälle deprimierende Einsichten:

Ein Bankguthaben ist ein kurzfristiger, ungesicherter Kredit des Kontoinhabers an ein Unternehmen in der Finanzbranche. Bei einem Bankguthaben ist somit der Sparer der Gläubiger und die Bank der Kreditnehmer, der Schuldner. Ein Bankguthaben ist also ein ungesicherter Kredit an eine Bank, also ein Unternehmen mit typischerweise nur mittlerer oder durchwachsener Kreditwürdigkeit. Wenn der Schuldner (die Bank) ins Trudeln gerät oder pleite geht, kann das Geld des Gläubigers (des Kontoinhabers) weg sein, entweder ganz oder teilweise.

Bankinsolvenzen und Beinah-Insolvenzen hat es in allen Ländern in den letzen 200 Jahren reichlich gegeben auch in der Bundesrepublik vor dem zweiten Weltkrieg und danach. In den Vereinigten Staaten rauschten in der Wirtschaftskrise von 2007 bis 2013 etwa 500 Kreditinstitute in die Pleite. In Europa mussten in diesem Zeitraum Hunderte Banken von ihren jeweiligen Staaten auf Kosten der Steuerzahler gerettet werden, darunter mehr als ein Dutzend mittelgroße und große deutsche öffentliche und private Institute. Die jüngsten Bankpleiten in Deutschland waren die des Bankhaus Wölbnern (2016) und der Süddeutschen Aktienbank (2017). In Italien musste der Staat 2017 die älteste Bank der Welt, die Banca Monte die Paschi di Siena, vor dem Konkurs retten. Der IWF warnt seit Jahren und zuletzt im August 2017, vor einer neuerlichen Bankenkrise in Europa, wo es kein Experte bezweifelt das viel zu viele Banken gibt, die durchschnittliche Bank zu viel Fremdkapital hat und chronisch unprofitabel ist.

Die meisten Banken in den deutschsprachigen Ländern haben allenfalls mittelmäßige Bonitätsratings, sind also Schuldner ambivalenter Qualität. Das sollte nicht überraschen, denn etwa 90% des Kapitals einer klassischen Bank sind Schulden (Fremdkapital). Mit einer so geringen Eigenkapitalquote könnte ein Unternehmen in kaum einer anderen Branche langfristig überleben. Zu diesen Verbindlichkeiten gehören wie erwähnt die Kontoguthaben von Privatanlegern.

Die manchmal von Privathaushalten geäußerte Überzeugung, dass die lokale Kleinbank krisenfester sei als nationale oder internationale Großbanken ist naiv. Wahrscheinlich rührt dieser Fehlschluss daher, dass entsprechende Kleinpleiten nie in den bekannten Medien auftauchen und/oder aus der „Verwechslung von Vertrautheit mit Sicherheit“, ein bekannter kognitiver Irrtum, dem bis zu einem gewissen Grad wohl jeder Mensch unterliegt. Kleine Banken, die kein Rating haben, bekämen ein eher schlechtes Rating von den großen Agenturen. Geringe Größe ist bei Firmen meistens eher ein Bonitätsnachteil und Banken sind hier kein Sonderfall.

Als Resultat der schweren Finanzkrise von 2008 bis 2010 werden seit 2010 in Deutschland und in der EU 100.000 Euro (oder der Gegenwert in der Landeswährung) pro Kontoinhaber bei einer bestimmten Bank durch die gesetzliche Einlagensicherung garantiert. Alles, was darüber hinausgeht, steht bei einer Schieflage der Bank im Feuer.

Das “gesetzlich” in der Bezeichnung “gesetzliche Einlagensicherung” bezieht sich nur auf die Verpflichtung des Staates, eine solche Organisation zu etablieren und die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass diese genügend liquide Mittel von den Banken einsammeln kann.Ein einforderbarer gesetzlicher Anspruch auf Entschädigung existiert für Sparer nicht etwa gegenüber dem deutschen, spanischen oder italienischen Staat, sondern nur gegenüber der von dem jeweiligen Staat eingesetzten Sicherungseinrichtung. In der Bundesrepublik ist dies eine privatwirtschaftliche Organisation, nämlich die Entschädigungseinrichtung deutscher Banken GmbH (EdB).

Sie erhält ihre Entschädigungsmittel zudem nicht vom Bundeshaushalt, sondern von den ihr zugewiesenen Kreditinstituten. Diese zahlen jährlich auf Grundlage ihrer Kundeneinlagen einen bestimmten Beitrag in den Einlagensicherungsfonds ein. Kommt es zu einer Bankinsolvenz, sollen Sparer aus diesem Fond entschädigt werden. Das hört sich natürlich auf dem Papier hervorragend an (“Banken zahlen für ihre eigenen Pleiten!”), hat in Wirklichkeit jedoch einen großen Haken: Die Mittel reichen nicht aus, um auch nur die Pleite einer mittelgroßen deutschen Bank aufzufangen.

Ende 2014 wies der Bund für den Fonds der EdB ein Kapital von 1,14 Mrd. Euro aus. Klingt nach reichlich, allerdings lediglich, wenn man es nicht in Relation zu den Einlagen einer bei Privatpersonen recht populären Bank wie der ING-DiBa setzt. Jene wies Anfang 2016 Kundeneinlagen von 115 Mrd. € aus, also wesentlich mehr als das Vermögen des Einlagensicherungsfonds.

Ein Leser formulierte es in einer Diskussion eines großen Medienportals recht passend so: “Die Einlagensicherung ist wie ein Feuerlöscher. Sie ist der willkommene Retter, wenn der Aschenbecher brennt, aber unbrauchbar, wenn das ganze Haus in Flammen steht.” Und was, wenn Letzteres nun doch eintritt? Dann rufen wir die Feuerwehr! Im Fall von Banken ist dies der Staat. Der Haken ist jedoch, dass dieser nicht dazu verpflichtet ist, mit seinen Löschfahrzeugen anzurücken. In der EU-Richtlinie heißt es dazu unmissverständlich: “Die Mitgliedstaaten (…) sollten aufgrund dieser Richtlinie den Einlegern gegenüber nicht haftbar gemacht werden, wenn sie für die Einrichtung (…) eines oder mehrerer Systeme Sorge getragen haben, die die Einlagen (…) selbst absichern und die Zahlung von Entschädigungen oder den Schutz der Einleger nach Maßgabe dieser Richtlinie gewährleisten.” Kurz gesagt: Solange der deutsche Staat dafür gesorgt hat, dass es die EdB gibt und diese regelmäßig Kapital der Bankhäuser bekommen hat, können wir Frau Merkel nicht zum Einhalten ihrer Zusage, dass die Ersparnisse sicher seien, zwingen.

Sind Bankguthaben in Konklusion also sehr unsicher und sollte man so schnell wie möglich sein Vermögen umlagern?

Nein! Die Unsicherheit selbst ist nicht das Hauptproblem, sondern der potenzielle Schaden, der sich für Sie daraus ergibt. Die “Unsicherheit”, ob Sie morgen im Glücksspiel gewinnen, ist sehr groß, der “Schaden”, wenn Sie nicht gewinnen, allerdings überaus gering (die Kosten für ein Spiel).

Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr gesamtes Erspartes in Höhe von 100.000 bei Bank X morgen über Nacht weg ist, weil der Fonds der EdB nicht genug Mittel hat und die Politik nicht zahlen will, wirkt heute extrem gering. Der Schaden, wenn es jedoch eintritt, ist aber extrem hoch. In Angesicht der erläuterten Funktionsweise von Einlagensicherungen, der EU-Richtlinien und der politischen Ereignisse in letzter Zeit, ist es durchaus nicht verkehrt, ein objektives Bild der nationalen Einlagensicherungssysteme in Europa zu zeichnen.

Eventuell geschieht nie etwas und wir sind in ein paar Jahrzehnten Stolz über die Stabilität unserer Banken. Vielleicht kommt es aber doch zu Problemen. Dann sind Sie glücklich, dass Sie durch diesen Artikel Ihr Erspartes auf mehrere Bankhäuser gestreut und vielleicht auch in andere Asset- Klassen diversifiziert haben (Aktien, Staatsanleihen, ETFs, Immobilien, Bargeld etc.). Der Ungewissheit können wir als Sparer niemals entziehen! Wir können das auch nicht verlangen, schließlich sind Zinsen und Renditen ja gerade die Belohnung für Risiko. Wir können am Ende des Tages nur sicherstellen, dass wir trotz der ganzen Ungewissheit stets mit Stolz behaupten können: “Wenn mich eine Insolvenz doch einmal treffen sollte, dann tut es zwar weh, aber es ruiniert mich nicht!”. Machen Sie sich und Ihr Vermögen resilient gegenüber dem, was die Zukunft birgt, egal wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich es heute erscheinen mag.