Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht

Von Gastautor Dr. Hans-Jürgen Wünschel

Am 26.2.2018 konnte man bei arte den Film über den Hitler Attentäter „Georg Elser“ sehen. Er endete mit der Ermordung Elser im KZ Dachau. Doch mit Georg Elsers Tod war die Debatte um seine Tat nicht beendet. „Einer, der nicht mehr am Leben ist, kann sich nicht mehr verteidigen. Da kann man ruhig noch mehr auf ihn abladen.“ Diese bitteren Sätze schrieb die Mutter Georg Elsers am 20. April 1946 an den Theologen und Antisemiten Martin Niemöller, der bekannt wurde als Gründer der Bekennenden Kirche.

Dieser hatte behauptet, Elser habe das Attentat am 8. November 1939 als SS-Mitglied verübt. Der langjährige KZ-Häftling und spätere Kirchenpräsident Martin Niemöller. In einer Rede vor Göttinger Studenten erklärte er am 17. Januar 1946: „In Sachsenhausen und Dachau habe ich in demselben Zellenbau zusammen gesessen mit dem Mann, der 1939 das Attentat im Bürgerbräukeller auf Hitlers persönlichen Befehl durchzuführen hatte: dem SS-Unterscharführer Georg Elser. Mit diesem Mann sollte ein zweiter Reichstagsbrandprozess durchgeführt werden.“

In einer Antwort auf die protestierende Mutter Marie Elser legte Niemöller am 23. März 1946 nach: „Dass Ihr Sohn zur SS gehört habe, ist mir schon in Oranienburg wie auch später in Dachau von SS-Angehörigen mitgeteilt worden. Er verkehrte mit ihnen auch durchaus kameradschaftlich und stand auf Du und Du mit ihnen … Ich persönlich hatte ebenso wenig wie irgendein anderer Gefangener Erlaubnis, mit ihm zu sprechen, traf ihn aber einmal in einem unbewachten Augenblick in der Wachstube des Zellenbaus in Dachau, wo wir aber nicht von dem Attentat oder den Begleitumständen miteinander gesprochen haben.“

Niemöller gab nur Lagerklatsch wieder. Diese Behauptungen wiederholte Niemöller noch, nachdem Anton Hoch und Lothar Gruchmann die grundlegenden Quellen zu Elser veröffentlicht hatten. Gegen das Wort eines protestantischen Kirchenpräsidenten konnte sich eine einfache Handwerkerfamilie nur schwer wehren. Ein Antrag von Elsers Schwester Maria Hirth auf Haftentschädigung wurde 1951 brüsk abgelehnt.
Schlimm ist es aber für das Ansehen der politisch beeinflussten historischen wissenschaftlichen Literatur z.B. bei Gerhard Ritter, Hans Rothfels, Allan Bullock, Gerhard Reitlinger und andere, die Niemöllers Behauptungen für wahr hielten.

Der Einzeltäter und überzeugte Kriegsgegner passte ihnen nicht ins Bild.
Zu akzeptieren, dass das Attentat vom 8. November 1939 von einem schwäbischen Handwerker geplant und begangen worden war, hätte das deutsche Selbstbild vom alternativlosen Gehorsam gehörig ins Wanken gebracht. Elser kann für keinen Traditionszusammenhang beansprucht werden: Er wählte kommunistisch, folgte aber nicht der Parteilinie. Er war Christ, engagierte sich aber nicht in der Amtskirche. Er passte weder in ein konservativ-nationales, noch in ein bürgerlich-liberales Schema des Kampfes gegen die Diktatur. Alle Spekulationen und Diffamierungen
verloren Mitte der 60er-Jahre an Wirkung, als der Münchener Historiker L. Gruchmann Elsers Verhörprotokolle in den Akten des Reichsjustizministeriums fand. Sie gelten bis heute als der wichtigste Zugang zu Elsers Denken und Handeln.

Elsers Heimatort Königsbronn hatte lange Zeit ein zwiespältiges Verhältnis
zu ihm. Erst langsam gelang es dem „Georg-Elser-Arbeitskreis“ um Manfred Meier aus Heidenheim, seit 1989 in vielen Veranstaltungen diesen Teufelskreis zu durchbrechen. 1998 wurde gegenüber dem Königsbronner Rathaus eine Georg-Elser-Gedenkstätte eröffnet. Atemlos hörten über vierhundert Menschen in der überfüllten Turnhalle des Ortes die Worte des Stuttgarter Staatssekretärs Christoph Palmer:
„Das Land Baden-Württemberg ist stolz auf einen seiner größten Söhne.“
Jetzt waren auch die Königsbronner stolz auf jenen Mann, für den noch wenige Jahre zuvor die Worte seines Bruders Leonhard galten: „Man gönnt ihm seine Tat nicht, dem kleinen Bauernbuben.“

Insgesamt gibt es heute ein gesichertes Bild der Tat, der Motive des Täters und seiner Handlungen. Gruchmann konstatierte 1984: „Elser war weder ein von krankhafter Ruhmsucht noch von niedrigen Tötungsinstinkten getriebener Krimineller, der von anderen als Werkzeug benutzt wurde. Seine – eigenen Überlegungen entsprungenen – Motive für die Tat berechtigen vielmehr,ihn unter die Männer des deutschen Widerstands gegen das NS-Regime einzureihen.“

Doris Ehrhardt 1996: „Dass Elser sich in keine politische Gruppierung einordnen lässt, ist … ein Grund, warum er für das Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland keine Bedeutung hat und im Bewusstsein der Deutschen kaum Platz fand. Andererseits würde ihn gerade seine politische Unabhängigkeit dafür prädestinieren, ihn als Widerstandskämpfer aller Deutschen zu sehen. Elsers politische Haltung ist gekennzeichnet von radikaler Ablehnung des Nationalsozialismus, vom Verlangen nach individuellen Freiheitsrechten.“
(Text: Zusammenfassung aus Peter Steinbach, Johannes Tuchel, Elser.)

Es stellt sich heute immer noch die Frage, welches Interesse der protestantische Kirchenpräsident Martin Niemöller hatte, nach 1945 wahrheitswidrig Georg Elser als Handwerkszeug des nationalsozialistischen Systems zu diffamieren. Martin Niemöller gilt als der Begründer der „Bekennenden Kirche“ in der Zeit des Nationalen Sozialismus. Es ist ein Mythos, dass er nicht nationalistisch gewesen ist, schließlich hatte er 1933 die Partei des Nationalen Sozialismus gewählt. Er war immer antidemokratisch, was seine Hinwendung zum Kommunismus in den 50er und 60er Jahren gezeigt hatte.

Damals, am Tag nach dem Attentat von Elser ließen die Protestanten zugunsten des „Führers“ die Glocken läuten. Die „Bekennende Kirche“ schrieb in ihrem Organ „Junge Kirche“, 12, 1938: „Der frevelhafte Anschlag auf das Leben des Führers in München hat aller Kreise des deutschen Volkes mit tiefem Entsetzen und Empörung erfüllt…Im Interesse des ganzen deutschen Volkes und aller Aufrechtdenkenden in der Welt liegt es, dass die Urheber des Attentates gefunden und gerecht bestraft werden und dass es gelingt, die intellektuellen Anstifter nachzuweisen. In Verfolg dieses Attentates hat sich das nationalsozialistische Deutschland noch fester und zum Siege entschlossen um seinen Führer geschart.“

(Siehe H.J.Wünschel, Hinweg mit ihm. Martin Luther. Antisemitismus. Folgen. Eine Streitschrift, Recklinghausen 2016, S. 185)

Literaturhinweise
Georg-Elser-Arbeitskreis (Hrsg.): Gegen Hitler – gegen den Krieg! Georg Elser. Der
Einzelgänger, der frei und ohne Ideologie, auf sich selbst gestellt, bereit war zum Eingriff in die Geschichte, Heidenheim 2003.
Gruchmann, Lothar (Hrsg.): Johann Georg Elser. Autobiografie eines Attentäters.
Der Anschlag auf Hitler im Bürgerbräu 1939, Stuttgart 1989.
Gruchmann, Lothar: Georg Elser. Tischlergeselle und Attentäter, in: Michael
Bosch/Wolfgang Niess (Hrsg.): Der Widerstand im deutschen Südwesten
1933–1945, Stuttgart 1984, S. 291–298.
Haasis, Hellmut G.: „Den Hitler jag ich in die Luft.“ Der Attentäter Georg Elser. Eine
Biografie, Reinbek b. Hamburg 2001.
Hoch, Anton/Gruchmann, Lothar: Georg Elser: Der Attentäter aus dem Volke. Der
Anschlag auf Hitler im Münchner Bürgerbräu 1939, Frankfurt/M. 1980.
Klemperer, Klemens von: Der einsame Zeuge. Einzelkämpfer im Widerstand. Mit einem Beitrag von Peter Steinbach, Passau 1990.
Renz, Ulrich: Die Akte Elser. Hrsg. von der Georg-Elser-Gedenkstätte Königsbronn,
Königsbronn 2000.
Renz, Ulrich (Bearb.): Der Fall Niemöller. Ein Briefwechsel zwischen Georg Elsers
Mutter und dem Kirchenpräsidenten, Königsbronn 2002.