Ohne Moos nix los

Von Gastautor Josef Hueber

Der „wunderbare Neger“ Billy Mo (Joachim Herrmann) veröffentlichte 1963 auf der Schallplatte „Bierdeckel-Polka“ einen damals noch als Schlager bezeichneten Titel, der die schlichte Binsenwahrheit formulierte: „Ohne Geld gibt’s keine Musik.“ Der Refrain dieses Multikulti-Produkts scheint heute in manchen, vermutlich vornehmlich studentischen Kreisen der nachwachsenden Generationen vergessen zu sein. Die Aussage des Ohrwurms formuliert eine banale, weil unumstößliche Lebenserfahrung, aber offensichtlich haben sie viele, sich gerade in akademischer Ausbildung befinden, noch nicht internalisiert.

Dieses Eindrucks konnte ich mich auf einer Veranstaltung der hiesigen Universität zum Thema „Autonome“, der bekannten, militant agierenden Chaostruppe, genährt von linksradikalen bis chaotischen Ideologien, nicht erwehren.

Dem Referat von Prof. Armin Pfahl-Traughber, Herausgeber des „Jahrbuch[s] für Extremismus und Terrorismusforschung“, folgte eine Diskussion über abstrakte Aspekte der autonomen Bewegung, wie Ideologie, Gewaltbereitschaft und -legitimierung und die Nähe zu linksextremistischem Denken. Es schien, dass manche Zuhörer trotz der knallharten Fakten und Widersprüche der anarchistischen Ansätze der selbsternannten autonomen Weltverbesserer ihnen mehr Verständnis entgegenzubringen geneigt waren, als dies das Referat des Extremismusforschers nahelegte.

Ein Frage drängt sich mir schon lange auf. Wer, so fragte ich deshalb den Referenten, finanziert eigentlich diese Leute? Ich könne mir nicht vorstellen, dass sie einer regelmäßigen Arbeit nachgehen. Wann immer Veranstaltungen an irgendwelchen Orten stattfinden, die nicht in ihr verwirrtes Weltbild passen, tauchen sie auf. Sie müssen dort hinfahren, sich ernähren, übernachten. Dies alles kostet Geld. Sie können doch nicht Urlaub nehmen, um rechtzeitig und ohne Reisekosten vor Ort gewalttätig sein zu können? Der Eindruck dränge sich auf, dass sie in den meisten Fällen den Geldgeber in Anspruch nehmen, der Teil des „Schweinesystems“, wie die Autonomen unsere Demokratie sehen, sei und damit ihre halluzinatorischen Gesellschafts- und Staatsvisionen finanziere: den Steuerzahler.

Diese Frage fand nicht das Gefallen eines studentischen Diskutanten. Sie sei nicht „wissenschaftlich“, meinte er kontern zu können. Widerspruch unter den anwesenden Zuhörern, auch in Form von Raunen, war nicht zu vernehmen. Mir wurde klar, dass eine elementare Voraussetzung zur Bewältigung des normalen Lebens im Bewusstsein mancher junger Menschen nicht bekannt zu sein scheint. Ob dies gerade in den sogenannten geisteswissenschaftlichen Orchideenfächern der Fall ist, sei nur vermutet. Jedenfalls schien diese Frage eher belanglos unter den Studenten, wenngleich der Referent die Behauptung mangelnder Wissenschaftlichkeit zurückwies und mir in meiner Vermutung nicht widersprach, trotz des Fehlens genauerer Daten.

Ein Griff in mein Bücherregal ließ mich erneut in einem amerikanischen 347-seitigen Werk mit dem Titel „Teenager’s Guide to the Real World. How to become a successful adult.“ blättern. („Handbuch zur Einführung Jugendlicher in die wirkliche Welt. Wie man ein erfolgreicher Erwachsener wird.“). Kapitel 1 beginnt mit dem Titel „Money Really Matters“. Hier die einführenden Gedanken in meiner Übersetzung:
„Hast du schon einmal darüber nachgedacht, warum so viele Erwachsene soviel Zeit damit verbringen, über Geld nachzudenken? Warum stehen Millionen von Menschen jeden Morgen auf und gehen täglich 8 oder 10 Stunden zur Arbeit? Warum verbringen sie so viel Zeit damit, über Steuern und Lebenshaltungskosten zu diskutieren? Warum sind die Nachrichten und Zeitungen voll von Meldungen aus der Wirtschaft? Um Erwachsene zu verstehen, musst du eine Vorstellung von Geld haben. Ohne Geld kannst du nicht essen. Du hast keinen Schlafplatz in der Nacht. Du kannst nicht Auto fahren. Du hast keine Freiheit. Es ist ganz einfach die Realität, die Erwachsene dazu bringt, soviel über Geld nachzudenken.“

Die links-autonome Szene ist noch weit davon entfernt, diese simple Wirklichkeitsbeschreibung wahrhaben zu wollen. Die Weigerung, sie anzuerkennen, ist freilich mit Dummheit nicht zufriedenstellend erklärt. Das Augen-zu-Verhalten hat Methode. Der anarchistische Traum von einem Nicht-Staat als Grundlage des Zusammenlebens rechnet mit der Unfähigkeit des Staates, auf einer Beteiligung der Wirklichkeitsverweigerer an der Gestaltung der Wirklichkeit zu bestehen, um deren Vorteile auch genießen zu dürfen.

Sollte es eines Tages zum Erwachen aus dem anarchistischen Traum kommen, könnten die Träumer ja immer noch zur Gewalt greifen, die nach Erkenntnis des Referenten sowohl als Mittel zum Zweck, aber auch als Selbstzweck eingesetzt wird. „Du bist frei in dem Moment, wo der Stein Deine Hand verlässt bis er auftrifft.“

Und das Glück, einen Stein zu werfen und jemanden zu treffen, so ein weiterer Gedanke aus der autonomen Szene, ist wie das Glück des ersten Kusses.