Hitler en vogue oder die Nazikeule

Von Joseph Hueber

Darf’s ein bisschen mehr sein? Diese Frage kennt man vom Einkauf beim Slowfoodmetzger. Als freundlicher Kunde, der weiß, wie schwierig es ist, von Fleisch- und Wurst-Großportionen grammgenau abzuschneiden, wird man keine abschlägige Antwort geben. Dass da gelegentlich kalkulierte Gewinnsteigerung dahinter steht, lässt man sich gefallen. Kann man’s nachweisen oder verübeln?

Gleiche Großzügigkeit sollte man freilich nicht walten lassen, wenn es um den Verkauf von politischen Mainstream-Begriffen an der medialen Öffentlichkeitstheke geht. Da wird einem nämlich gleich ungefragt die maximale Portion an politisch korrekten Denkbausteinen gereicht. Das Verkaufsprinzip lautet: „Gib dem aufzuklärenden Bürger, was auf dem Teller gängiger Ideologien Platz hat.“

Cui bono?

Es geht beim Verkauf politischer Kampfbegriffe primär darum, Andersdenkende zu verunglimpfen und nachhaltig jedem, der sich mit diesen andersdenkenden Querköpfen einlassen will, den Appetit auf eine vorurteilsfreie intellektuelle Auseinandersetzung zu nehmen. Was hier an der Begriffs-Theke liegt, kennt man wie die Wurst im Laden: Populist, Extremist, Fundamentalist, rechts(extrem), reaktionär, rassistisch, et cetera. Absurdes findet sich auch im Angebot. Es ist der durch allzu häufigen Gebrauch gleichzeitig kleingedampfte als auch aufgeblasene Begriff Holocaust.

Das gegenwärtig am weitesten verbreitete sprachliche Sonderangebot an der intellektuellen Polit-Theke ist jedoch der Denk- bzw. Diffamierungs-Baustein im Doppelpack : Faschist und Nazi.

Der bekannte Russlandexperte Leonid Luks, ehem. Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Geschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt, zeigt in seiner Kolumne: „Was ist Faschismus? Historische Betrachtungen über den inflationären Gebrauch eines Begriffs“, dass die Bezeichnung Faschist schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in der Kommunistischen Internationale verwendet wurde, um Gegner zu disqualifizieren und deren „ angebliche Verwerflichkeit“ zu beweisen. So sah man die Sozialdemokratie als einen „ Flügel des Faschismus“, eine Formulierung, die auch Stalin in seiner „Zwillingsbrüder-Theorie“ übernahm.

Erstaunlicherweise war es ein KPD-Funktionär, der vor der Gefahr warnte, mit dieser Bezeichnung einen „ Popanz“ aufzubauen. Und von einem Führer der KPI war noch konkreter zu hören: „Es ist gebräuchlich geworden, sich des Ausdrucks Faschismus ganz allgemein zu bedienen … Agitatorisch mag das von Nutzen sein, die politische Klarheit und das genaue Verständnis der tatsächlichen Vorgänge leiden darunter ganz zweifellos.“

Der Aufstieg der NSDAP in den späten 20er und frühen 30er Jahren führte, so Luks, zu einem „Höhepunkt“ im „inflationären Gebrauch“ des Begriffes Faschismus. Er wurde fast uneingeschränkt auf alle Gegner der KPD ausgedehnt. Diese politische Denke bezeichnet Luks als „Fiktionalismus“, als das „Leugnen der offensichtlichsten Tatsachen … und das Entwerfen einer Pseudowirklichkeit (heute würde man sagen – einer „postfaktischen Wirklichkeit“), die sich für die eigentliche Realität ausgibt.“ 1945, Ende des Nationalsozialismus in Deutschland und Faschismus in Italien, bedeutete laut Luks jedoch kein Ende des inflationären Gebrauches des Begriffs Faschismus, „weder im Osten noch im Westen.“

Die historischen Fakten könnten nicht aktueller sein

Der bekannte Soziologe Furedi, emeritierter Soziologe an der Universität Kent, England, sieht in der schnellzüngigen Verwendung von Holocaust und Hitler, quer durch alle Medien, ein Defizit politischer Vorstellungskraft. Hitler und Holocaust würden heute in Vergleichen bemüht, um die Vertreter abweichender Meinungen öffentlich zu disqualifizieren.

Heute, so argumentiere man immer wieder, finde eine Neuauflage der 30er Jahre statt. Immer mehr Personen des öffentlichen Lebens, so Furedi, instrumentalisierten gegenwärtig solche Vergleiche, um politisch zu punkten. Er kommt zu dem entlarvenden Schluss: „Die Gegenwart mit der Zeit des Holocaust zu vergleichen,das ist die Beschwörungsformel jedes drittklassigen Sophisten, dem die Argumente fehlen.“ („Comparing contemporary events with the period of the Holocaust has become the incantation of every third-rate sophist in search of an argument.“).

Der Kirchenchor singt mit

Beispiele für den von Luks diagnostizierten „Fiktionalismus“ sowie den von Furedi konstatierten Mangel an diskutablen Argumenten, gepaart mit flott und unbeschwert präsentierten Vergleichen mit brauner Vergangenheit, gibt es auch in den christlichen Kirchen.

Ihren Repräsentanten kann man, beobachtet man deren Stellungnahmen zu Fragen der Zuwanderung oder der Parteienlandschaft in der Bundesrepublik, leider nur noch bedingt eine kritisch reflektierende Distanz unterstellen. Denkkategorien wie rechts, nationalistisch oder Populismus gehören längst zum flächendeckenden Repertoire kirchlichen Denkens und Urteilens.

Ein aktuelles Interview mit dem scheidenden Vorsitzenden des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, Albert Schmid, ist ein deutliches Dokument eines in den angesprochenen Schablonen verhafteten politisch korrekten Denkens. Schmid ist kein Einzeltäter. Er kann sich einig wissen mit Exzellenzen und Eminenzen, von denen Ähnliches gelegentlich zu vernehmen ist.

In seiner Abschiedsrede orakelt Schmid vom Ausgeliefertsein von Teilen der Kirche an „rechte Schalmeientöne“. Hier sei ein Mangel an „Urteilsfähigkeit“ zu erkennen. Passgenau eingefügt in das gegenwärtig nicht-hinterfragbare Ressentiment gegenüber der in seinen Augen abzulehnenden Alternativ-Partei mit angeblicher Braunfärbung tönt er: „Ich verkenne nicht, dass die AfD auch auf katholischem Terrain ihr Unwesen treibt“. Genauso, laut Schmid, habe Adolf Hitler in den 1930er Jahren (…) gesprochen, und die Kirche habe darauf anfänglich mit Naivität reagiert.

Quod erat demonstrandum.

Luks:

https://diekolumnisten.de/2017/03/24/was-ist-faschismus-historische-betrachtungen-ueber-den-inflationaeren-gebrauch-eines-begriffs/

Furedi : Comparing contemporary events with the period of the Holocaust has become the incantation of every third-rate sophist in search of an argument. http://www.spiked-online.com/newsite/article/just-like-hitler-the-diminishing-of-the-holocaust/19468#.WNjLvdLyj4Y