Infantilismus – der Nanny-Staat und seine Kinder

Wer die Reaktionen unseres Politik- und Medienestablishments auf die Wahl von Donald Trump beobachtet hat, musste zu dem Eindruck gelangen, dass es sich überwiegend um kindliche Trotzreaktionen handelte. Man hat nicht bekommen, was man wollte und konnte es nicht fassen. Den Vogel schoss Außenminister Steinmeier ab, der nur vor die Presse trat um zu verkünden, dass er dem neu gewählten Präsidenten nicht gratulieren würde. Damit hat sich Steinmeier, der bislang keinerlei Probleme hatte, einigen der schlimmsten Diktatoren die Hand zu schütteln, als Außenminister ins Aus katapultiert. Der Mann soll nach Willen der SPD Bundespräsident werden! Die Traditionspartei sollte sich schleunigst nach einem geeigneteren Kandidaten umsehen. Allerdings scheint es kaum noch möglich, Personen zu finden, die über Steinmeiers Niveau herausragen.

Das hat mit dem immer stärker werdenden Infantilismus zu tun, der in den 70er Jahren in Politik und Gesellschaft begonnen hat. „Er ist ein pures Produkt aus der Kombination von wirtschaftlichem Überfluss, Wertewandel und Wohlfahrtsstaat“ (Eva Maria Michels).Der österreichische Verlag Frank&Frei hat diesem Phänomen ein Buch gewidmet: „Infantilismus – Der Nanny-Staat und seine Kinder“. Neun Autoren beleuchten das Thema von allen Seiten.

Die Grundlage dieser kulturellen Mentalität wurde von der 68er Bewegung gelegt. „Die materiell gesättigten Bürgerkinder … propagierten nicht nur eine radikale Abkehr von der christlich-abendländischen Religion und Kultur mit ihren Werten wie Maßhalten, Selbstbeherrschung, Sparsamkeit, Bescheidenheit und Selbstverantwortlichkeit … sondern sie traten für ein rein genussorientiertes materialistisches Leben ein“ (Michels).

Der Weg in die absolute Gleichheit aller Menschen sollte über die sofortige Triebbefriedigung ohne Gewissensbisse erfolgen. Das war überaus erfolgreich. Dank Kreditangeboten, Werbung und immer neuer Lifestyle-Trends halten immer mehr Menschen hemmungslosen Konsum für normal. Dem Staat wurde die Aufgabe zuerkannt, eine Art „Vollkaskoversicherung für individuelle Unverantwortlichkeit“ zu werden, der seine Bürger vor den deren negativen Folgen weitgehend schützt. Für die enorm steigende private Verschuldung wurden Schuldnerberatungsstellen eingerichtet, die es ermöglichen, dass nach einer gewissen Zeit die Schulden erlassen werden. So können immer mehr Menschen ihre Wünsche für Wirklichkeit halten und mit maßlosem Alltagskonsum die geistige Leere zu füllen versuchen, die von den 68ern hinterlassen wurde.

Durch das unreife Verhalten von Erwachsenen gerät das gesellschaftliche Gleichgewicht immer mehr aus den Fugen. Wer dem Staat ständig mehr Aufgaben überträgt, darf sich nicht wundern, dass Politiker die Bevormundung und damit Entmündigung ihrer Wähler für geboten halten. Jeder zweite Bürger der Bundesrepublik lebt inzwischen in der einen oder anderen Form von sozialer Unterstützung, also in vollkommener Abhängigkeit vom Staat. Das ist nur möglich, weil der Staat in den Industrieländern etwa die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes unter seiner Kontrolle hat. Trotz des Scheiterns zentral gelenkter Planwirtschaften, muss man in diesen Ländern heute „von einem mindestens halben Staatssozialismus sprechen“ (René Zeyer).

Weil aber auch halber Staatssozialismus nicht funktioniert und seit Jahren schon an der Substanz der Gesellschaft nagt, wie man an der rapide verfallenden Infrastruktur erkennen kann, müssen die Regierenden ihr Versagen vertuschen. Das tun sie mit Denk- und Sprechverboten. Der Staatsbürger wird zum Untertan degradiert. Die meisten Menschen reagieren mit einer Flucht ins Private. „Verantwortungsloses Handeln der Regierenden hat verantwortungsloses Verhalten der Regierten zur Folge“ (Zeyer).

Inzwischen herrschen nach Zeyer in Europa wieder mittelalterliche Zustände. Die drücken sich in dem Wort „alternativlos“ aus. „So wie die Erlangung des ewigen Seelenheils alternativlos nur durch das Befolgen der Satzungen und Befehle der christlichen Kirche möglich war, behaupten heute irdische Instanzen ihre Unfehlbarkeit“. Ein so fast allmächtig gewordener Staat mischt sich auch in privateste Belange ein.

Birgit Kelle untersucht dieses Phänomen anhand der Zersetzung der Familie. Das Familienministerium, das vor 25 Jahren noch nicht existierte, später von Bundeskanzler Schröder noch als „Ministerium für Gedöns“ verspottet wurde, hat sich inzwischen eine Schlüsselstellung erobert. Ministerin Schwesig definiert Partnerschaften neu. „Partnerschaftlich“ sei eine Ehe erst dann, wenn jeder gleichviel von allem tut, die Ehepartner sich Haushalt, Kinder und Erwerbsleben 50:50 teilen. Eine Ehe, in der es die Frau vorzieht, für die Wäsche allein verantwortlich zu sein und ihrem Mann die anfallenden Kleinreparaturen überlässt, müsste nach dieser Definition aufgelöst werden. „Dafür fehlt aber Familienministerin Schwesig noch die Rechtsgrundlage“ (Kelle). Allerdings gibt es ein Recht auf einen Kindergartenplatz. Vom Staat wird angestrebt, die Kindererziehung von einem möglichst frühen Stadium an zu übernehmen. „Die Lufthoheit über den Kinderbetten“, nannte das der SPD-Politiker Olaf Scholz, heute regierender Bürgermeister von Hamburg vor Jahren. Es gibt in den bürgerlichen Parteien keinen Widerstand mehr dagegen. Im Gegenteil. Vor wenigen Wochen unterstützte der hessische Bildungsminister (CDU) eine von der Antifa angemeldete Demonstration gegen Eltern, die sich gegen die Frühsexualisierung ihrer Kinder in der Schule wehren.

„Wer die Gesellschaft formen will, muss früh anfangen, mit der Formung des neuen Menschen, das war bei den Kommunisten so, bei den Nationalsozialisten, und es ist heute bei den Genderisten nicht anders… Frei denkende Menschen im Schutzraum der Familie stellen für ein Machtsystem mit Totalitätsanspruch ein unkalkulierbares Risiko dar“ (Kelle). Die Verteidigung der Familie ist die Verteidigung der Freiheit, resümiert Kelle.

Bunt ist das Lieblingswort der Multi-Kulti-Gesellschaftsklempner unserer Tage. Martin Lichtmesz vergleicht die „Diversity-Ideologie mit der Smartie-Werbung. Wie die Schokolinsen außen bunt und innen alle braun sind, hängen die Multikulturalisten einem egalitären Glauben an, der eine „die ganze Menschheit umfassende Monokultur anstrebt, die sich nach linksliberalen und hedonistischen Werten orientiert… Eine säkular-messianische Fantasie, deren infantile Züge nicht zu übersehen sind“. Ironischerweise wird „Buntheit“ der „Antirassisten“ auf die Hautfarbe, also ein rein rassisches Merkmal reduziert. „In Wahrheit wollen die Verfechter der Vielfalt wenig von realen, tatsächlichen, konkreten Unterschieden zwischen Menschen wissen – seien sie kultureller, religiöser, politischer, ethnischer, rassischer, geschlechtlicher, genetischer, mentaler oder intellektueller Natur“ (Lichtmesz). Wer das thematisiert, ist ein Rassist.

Eine andere beliebte Taktik ist es, „den aus der Psychiatrie gestohlenen Begriff der „Phobie“ in eine Kampfvokabel umzumünzen, die es erlaubt, den Gegner als hysterisch, neurotisch und geisteskrank hinzustellen: „Islamophobie“, „Homophobie“ oder „Xenophobie“ sind solche Schlagwörter“ (Lichtmesz). So haben schon die Stalinisten Andersdenkende stigmatisiert und ausgeschaltet.

Michael Ley analysiert den politischen Infantilismus der 68er genauer. Schon Alexander Mitscherlich stellte vor über 50 Jahren „die These auf, dass in der okzidentalen Moderne eine Kulturpathologie entstand, die traditionelle Gesellschaften nicht kannten: der emotional und psychisch obdachlose Mensch.“ Der moderne Massenmensch bezieht seine Identität nicht mehr aus einer ethisch-religiösen Sozialisation, sondern richtet sich nach den Normen der Konsumgesellschaft. Nach Mitscherlich ist dieser Mensch ein „klassenloses Massenindividuum“, ein konformistisches Wesen eines neuen, demokratischen Kollektivismus. Er hat keine innere Orientierung mehr, sondern passt sich seiner unmittelbaren Umwelt und dem Zeitgeist an. Diese emotionale Verarmung erzeugt ein Gefühl der Ohmacht, das mit einem Wunsch nach Allmacht kompensiert wird. Das kann man verstärkt bei unseren Politikern beobachten, die, sei es Masseneinwanderung oder Energiewende, ein Vorbild für die ganze Welt sein wollen.

Die ganze Welt erlösen zu wollen, gehört zu den Spätausläufern der 68er Allmachtsfantasie. „Aus der politischen Katastrophe ihrer Eltern hatten sie nichts gelernt und verfielen nochmals dem gleichen Irrsinn ihrer Väter und Mütter unter scheinbar geänderten Prämissen“ (Ley). Der absurde Kampf der 68er gegen einen längst besiegten Feind, den Nationalsozialismus, ist heute Staatsdoktrin und wird inzwischen mit 100 Millionen Euro jährlich finanziert. Wobei die tapferen Kämpfer „gegen Rechts“ sich bedenkenlos der totalitären Methoden ihrer Eltern und Großeltern bedienen. „Niemals wurde analysiert, weshalb alle utopischen Ansätze zur Realisierung eines Sozialismus in den grauen Alltag totalitärer Herrschaft abglitten“ (Ley).

Der „Marsch durch die Institutionen“ der 68er war überaus erfolgreich. Sie beherrschen heute alle Schlüsselpositionen unserer Gesellschaft. In der Bildungspolitik verhinderten sie eine Liberalisierung und senken das Bildungsniveau systematisch immer mehr ab. Auch in Kunst und Kultur dominieren sie ideologisch und haben für eine rasante Verarmung der Kulturlandschaft gesorgt.

Aus einem solchen Bildungssystem kommen, darauf weist Andreas Tögel hin „jeden eigenständigen Denkens entwöhnte, und dank der unentwegten Desinformation durch die gleichgeschalteten Massenmedien bis zur totalen Verblödung gehirngewaschene Untertanen heraus“. „Zehn Prozent von 100 im Kopf auszurechnen, ist für Pflichtschulabsolventen mittlerweile nahezu zur unlösbaren Aufgabe geworden. Ein Viertel von ihnen ist zu sinnerfassendem Lesen nicht fähig“. Das wird eher früher als später gravierende wirtschaftliche Konsequenzen haben. Betriebe, die keinen geeigneten Nachwuchs finden können, verlieren an Wettbewerbsfähigkeit, schließen oder wandern ab.

Anscheinend muss unsere Gesellschaft auf die harte Tour lernen, dass mit „Fahrradbeauftragten, Gleichbehandlungsblockwarten, Genderforschern, Umverteilungsbürokraten und Transferleistungsbeziehern“ auf die Dauer kein Staat zu machen ist.

Vorläufig meint die politische Klasse noch, sich die Welt à la Pippi Langstrumpf einrichten zu können, resümiert Werner Reichel. „Im neuen Jahrtausend ist die linke Ideologie nach ihren unzähligen Fehlschlägen und Niederlagen auf ein infantiles Niveau herabgesunken. Von diesem Niedergang sind alle Ebenen linker Politik und Metapolitik betroffen… Das letzte Aufgebot der Neosozialisten besteht aus schrillen Feminismus-Tanten, faschistischen Antifaschisten, dekadenten Lifestyleclowns, eitlen und dauerempörten Politikern, essgestörten Öko-Freaks etc.“

Wenn Pippi Langstrumpf jemals erwachsen geworden wäre, so Reichel, sähe sie heute aus, wie Claudia Roth.